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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Kirchliche Hierarchie (De ecclesiastica hierarchia)
4. Kapitel: Über die Ölweihe und die heilige Verwendung des Öles

III. Betrachtng

§ 1.

1) Ein vorbereitender, anagogischer Sinn ist schon der oberflächlichen Betrachtung des äußeren, schönen Ritus der Myronweihe zu entnehmen.
2) Der Umstand, daß das wohlduftende Myron sorgfältig zugedeckt und das Ausströmen des Wohlgeruches verhindert wird, deutet darauf hin, daß auch die Tugendhaften die Schönheit und den Wohlgeruch des inneren Lebens verbergen und alles Prunken damit vermeiden sollen.
3) Denn auch Gottes Schönheit, die über alle Begriffe wohlduftend ist, liebt das Verborgene und offenbart sich nur auf geistige Weise den reinen Seelen, in denen sie treu und unvergänglich nachgebildet sein will.
4) Ohne von Menschenhänden gezeichnet zu werden drückt sich ihr Abbild in der Seele über dem beständigen Betrachten Gottes ab, gleichwie unter den Händen des Malers, der unablässig auf sein Modell blickt, ein naturgetreues Abbild des Originals entsteht.
5) Dieser Prozeß der Verähnlichung mit Gott vollzieht sich im geheimen; die Heiligen zeigen ihre guten Werke nicht, um von den Menschen gelobt zu werden, lieben nicht das scheinbare sondern das wahrhafte Gute und beurteilen die Dinge nicht nach der Meinung des großen Haufens sondern nach ihrem wahren
[S. 148] Werte.
6) Auf solche Weise werden sie selbst eine Darstellung des lieblichen Wohlgeruches Gottes, welcher der großen Menge ebenso fremd wie den Frommen unverfälscht eigen ist.

Schon die vorbereitende, mystische Auslegung dieses sakramentalen Ritus offenbart, wie ich denke, vermittels der an dem göttlichen Myron vollzogenen Zeremonien die Wahrheit, daß die Heiligkeit und der (geistige) Wohlduft im Innern der heiligen Menschen1 ganz verborgen ist. Dieser Sinn der Zeremonien gebietet den Heiligen, die in der Kraft des verborgenen Gottes gewirkte, schöne und wohlduftende Verähnlichung (mit ihm) nicht zu eitlem Ruhme nach außen erscheinen zu lassen. Denn die verborgenen und über alle Begriffe wohlduftenden Schönheiten Gottes sind makellos und werden nur geistiger Weise den Geistigen sichtbar und wollen ihre gleichförmigen Abbilder, welche die Tugend in den Seelen erzeugt, unverfälscht bewahrt sehen. Denn das nicht (in materiellen Linien) gezeichnete, aber treu nachgeahmte Bild der gottgleichen Tugend prägt und formt sich über dem Hinblicken auf jene geistige und wohlduftende Schönheit zum herrlichsten Nachbilde aus.

Gleichwie bei den sinnlich wahrnehmbaren Bildern, wenn der Maler unverwandt zum Urbilde hinschaut, ohne sich zu irgend einem andern sichtbaren Gegenstand abziehen oder irgendwie zerstreuen zu lassen, den Gemalten, wer er auch sei, sozusagen verdoppeln und die Naturwahrheit in der Nachbildung und das Original in der Kopie, eines im andern, ausgenommen die Verschiedenheit des Wesens, zeigen wird, so wird auch den Malern im geistigen Sinne, die von Liebe zur Schönheit erfüllt sind, das ununterbrochene und unverwandte Schauen auf die wohlduftende, verborgene Schönheit (Gottes) deren fehlerloses und ganz gottähnliches Bildnis verleihen2. Geziemend üben daher die göttlichen [S. 149] Maler, indem sie ihre Seele nach der überwesentlich wohlduftenden und geistigen Schönheit unablässig umbilden, keine der ihnen eigenen, Gott nachahmenden Tugenden zu dem Zwecke, um, wie die Schrift sagt von den Menschen gesehen zu werden3. Sie betrachten vielmehr in dem göttlichen Myron wie in einem Gleichnis die Verborgenheit der heiligsten Geheimnisse der Kirche. Deshalb verhüllen sie auch selbst das heilige, gottähnlichste Tugendbild in heiliger Zurückhaltung innerhalb ihres Gott wiederspiegelnden und nach Gott gebildeten Innern und schauen nur auf die eine, urbildliche Intelligenz. Wie sie aber selbst den profanen Blicken entrückt sind, so werden sie auch ihrerseits nicht zum Schauen der niedrigen Dinge hingezogen. Daher lieben sie, ihren Vorsätzen getreu, nicht das, was nur dem eitlen Scheine nach schön und gerecht ist, sondern das wahrhaft Seiende und schauen nicht auf das gleißende Äußere, das von der großen Menge unvernünftig als Glück gelobt wird. In Nachahmung Gottes beurteilen sie das Gute und Mindergute an und für sich und sind selbst göttliche Darstellungen des urgöttlichsten Wohlduftes, welcher, in sich den wahrhaften Wohlgeruch bergend, nicht den verschiedenartigen Meinungen des großen Haufens sich zuwendet sondern den Menschen, die seine wahren Abbilder sind, die unverfälschten Züge (des Schönen) einprägt.

1: 2. Kor. 2, 14. 15.
2: D. unterscheidet nicht genauer zwischen dem natürlichen und übernatürlichen Ebenbilde des Menschen, wie se ein Methodius und Makarius der Große getan haben, sondern schließt sich in der ganzen obigen Schilderung an Gregor v. Nyssa an. Auch dieser hat den Vergleich: „Gleichwie Jemand auf der Tafel die Zeichnung sieht, die genau dem Urtypus nachgebildet ist, und deshalb behauptet, daß die Gestalt beider identisch sei, und sagt, daß die Schönheit auf dem Bilde dem Urbild eigne, und daß das Vorbild deutlich in der Abbildung gesehen werde u. s. w.“ Vgl. Diekamp a. O. S. 80ff.
3: Matth. 6, 1. 5.

 

 

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Einleitung zur Himmlischen und Kirchlichen Hierarchie
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger