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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Kirchliche Hierarchie (De ecclesiastica hierarchia)
2. Kapitel: Über den Taufritus
III. Betrachtung

§ 3.

1) Die göttliche Güte bleibt sich in der Ausgießung ihrer geistigen Strahlen immer gleich.
2) Die vernunftbegabten Wesen können aber durch Mißbrauch ihrer Willensfreiheit das geistige Auge vor dem Lichte verschließen, das immerdar über ihnen leuchtet.
3) Ebenso können sie zu ihrem eigenen Schaden sich überheben und in ein für ihre Sehkraft zu starkes Licht zu schauen begehren.
4) Nach diesem Vorbild, gleich einer ewig klaren und freundlichen Sonne, läßt auch der Hierarch die Strahlen seiner Belehrung, durch keine Mißgunst ge- [S. 110] trübt, über den Untergebenen leuchten, je nach der Empfänglichkeit der einzelnen Stufen.

Wir sagen also, daß die Güte der göttlichen Seligkeit sich immer gleich bleibt und auf ein und dieselbe Weise sich verhält, indem sie die wohltätigen Strahlen ihres eigenen Lichtes reichlich über alle geistigen Augen ausgießt. Wenn nun die Selbstbestimmung und Willensfreiheit der vernünftigen Wesen von dem geistigen Lichte sich abtrünnig wegwendet, indem sie aus Liebe zum Bösen die von Natur ihnen eingepflanzten und für die Aufnahme des Lichtes bestimmten Sehorgane verschließen, so bleiben sie von dem ihnen nahen Lichte isoliert, trotzdem daß es von ihnen nicht weicht, sondern gütig über dem verschlossenen Auge leuchtet und dem abgewandten Blicke zuströmt1. Wenn im andern Falle das vernunftbegabte Wesen die Grenzen dessen überspringen wollte, was ihm nach bestimmtem Maße zu sehen vergönnt ist, und vermessen zu den Strahlen emporzuschauen wagte, welche seine Sehkraft übersteigen, so wird das Licht zwar keine seiner Natur widersprechenden Wirkungen hervorbringen; das vermessene Geschöpf aber, das trotz seiner Unvollkommenheit sich auf das Vollkommene wirft, wird einerseits das ihm nicht Zugehörige doch nicht erreichen, andrerseits infolge der unziemlichen Überhebung auch des ihm gebührenden Anteils durch eigene Schuld verlustig gehen.

Aber freilich, wie gesagt, das göttliche Licht ist immerdar wohltätig wirkend über die geistigen Augen ausgegossen. Sie haben es in der Gewalt, es zu erfassen, denn es ist ihnen nahe und immer durchaus zu der göttlich schönen Mitteilung von dem eigenen Reichtum bereit. Siehe hier das Bild, welchem der göttliche Hierarch sich verähnlicht und nachbildet. Auch er verbreitet die lichtgearteten Strahlen seiner gotterfüllten Belehrung ohne neidischen Vorbehalt über alle. Er ist, ein Nach- [S. 111] ahmer Gottes, von ganzem Herzen bereit, den Ankömmling zu erleuchten. Ohne eine Mißgunst, ohne einen unheiligen Zorn über die frühere Abtrünnigkeit oder Überhebung zu kennen, läßt er gotterfüllt die Strahlen seiner lichtvollen Unterweisungen allzeit den Katechumenen leuchten, soweit es der Geist der Hierarchie verlangt, in schöner Ordnung und stufenmäßiger Abfolge, entsprechend dem Maße der Empfänglichkeit, die ein jeder für das Heilige besitzt.

1: Das Gleichnis, welches D. hier vom Verhalten des Lichtes zum menschlichen Auge hernimmt, ist auch von Cyr. v. Jer. in seinem Taufunterricht verwertet cat. 6, 29 (M. 33, 589). Vor ihm benützt es schon Clem. Al. strom, 7. 16 (M. 9, 536), nachher verschiedene andere.

 

 

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Einleitung zur Himmlischen und Kirchlichen Hierarchie
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger