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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Himmlische Hierarchie (De caelesti hierarchia)
15. Kapitel: Was bedeuten die bildlichen Gestalten der Engelmächte, die Feuergestalt, die Menschengestalt u. s. w..

§ 3.

Die Darstellung der Engel in Menschengestalt wird als solche im ganzen und dann nach den einzelnen Teilen des menschlichen Körpers mystisch gedeutet.

Aber auch in Menschengestalt stellen sie (die Verfasser der heiligen Schriften) die Engel dar. Die Grunde dafür sind das Erkenntnisvermögen und die aufwärts gerichtete Sehkraft des Menschen, die gerade und aufrechte Haltung seiner Gestalt, sein natürliches Herrschervermögen, sein Führertalent, der im Vergleich mit den andern Kräften der vernunftlosen Wesen geringe Grad seines sinnlichen Wahrnehmungsvermögens einerseits und andrerseits die Überlegenheit über alle infolge der überragenden Macht seines Geistes und infolge der auf vernunftmäßiges Wissen begründeten Gewalt, endlich die der Natur der Seele entsprechende Ununter-jochbarkeit und Unbezwinglichkeit.

Man kann aber auch, wie ich denke, einzeln in der Vielgliedrigkeit unseres Leibes zutreffende Bilder für die himmlischen Mächte entdecken 1. Wir können sagen, daß die Sehkraft den klarsten Aufblick zu den göttlichen Lichtstrahlen und andrerseits auch die einfache, schmiegsame, nicht widerstrebende, vielmehr schnellbewegliche, reine, empfängliche Aufnahme der urgöttlichen Erleuchtungen 2 ohne leidenschaftlichen Affekt bedeute.

[S. 79] Die unterscheidende Kraft des Geruchsinnes bedeutet, so läßt sich weiterhin sagen, das Vermögen, den über alle Vorstellungen süßen, ausströmenden (geistigen) Wohlgeruch nach Möglichkeit wahrzunehmen und alles, was nicht von dieser Beschaffenheit ist, einsichtig zu unterscheiden und gänzlich zu fliehen.

Die Kraft des Gehöres bedeutet das Vermögen, die urgöttliche Inspiration zu empfangen und mit Verständnis aufzunehmen.

Der Geschmacksinn bedeutet die Ersättigung mit der geistlichen Speise und die Aufnahme der göttlichen Nahrungszuflüsse 3.

Der Tastsinn bedeutet das geistige Unterscheidungsvermögen für das Zuträgliche oder Schädliche.

Die Wimpern und Augenbrauen bedeuten das Vermögen, die aus dem Schauen Gottes gewonnenen Erkenntnisse zu bewahren.

Das mannbare und jugendstarke Alter bedeutet das Wesen der immerdar blühenden, belebenden Kraft.

Die Zähne bedeuten das Vermögen, die aufgenommene vollkommene Nahrung zu zerteilen. Denn jedes geistige Wesen zerteilt die ihm von einem göttlichem Wesen gespendete einfache Erkenntnis und zerlegt sie in fürsorglicher Kraft in eine Vielheit, sowie es der Emporführung des bedürftigeren Wesens entspricht.

Die Schultern, Ellbogen und auch die Hände bedeuten die Kraft zu schaffen, zu wirken und zu handeln 4.

[S. 80] Das Herz ist ein Sinnbild des gottgleichen Lebens, welches die eigene Lebenskraft gütig auf die Gegenstände seiner Fürsorge verteilt.

Die Brust ferner bedeutet die Unbezwingbarkeit und sozusagen die Schutzwehr für die lebenspendende Ausströmung des dahinter liegenden Herzens.

Der Rücken bedeutet die Kraft, welche die lebenerzeugenden Kräfte alle zusammenhält 5.

Die Füße bedeuten das Bewegungsvermögen, das Schnelle und das Laufen der nach dem Göttlichen eilenden, steten Beweglichkeit 6. Aus diesem Grunde hat auch die göttliche Offenbarung die Füße der heiligen Geister beflügelt dargestellt 7. Denn der Flügel bedeutet die Schnelligkeit des geistigen Emporführens, das Himmlische, die Wegbahnung nach oben, das Entrücktsein von allem, was an der Erde haftet, infolge der aufwärtstragenden Kraft. Die Leichtigkeit der Flügel aber bedeutet, daß das Wesen (des Engels) in keiner Hinsicht erdhaft ist, sondern ganz unvermischt und der Schwere nicht unterworfen sich zur Höhe erhebt. Das Nackte und die Barfüßigkeit 8 bedeuten das Freigelassensein, das leichte Losgelöstsein, das Schrankenfreie, das Reinsein von äußeren Anhängseln und die möglichste Verähnlichung mit der göttlichen Einfachheit.

1: D. verfällt nunmehr in die kleinlich klügelnde Art des Allegorisierens, wie er sie allenfalls bei Greg. v. Nyssa in der Ausdeutung des Bundeszeltes, der hohenpriesterlichen Kleidung u. s. w. vorfand.
2: Die ἐλλάμψεις (θεαρχικαί), von denen hier die Rede ist, kehren im Verlauf der folgenden Abhandlungen sehr häufig wieder; abwechselnd gebraucht D. dann die Verbalformen von ἐλλάμπειν und ἐλλάμπεσθαι. Man kann nicht sagen, der nachmals so berühmt gewordene Terminus („illuminatio“ bei den Scholastikern) sei von D. zuerst eingeführt worden. Abgesehen von den Neuplatonikern, denen die ἐλλάμψεις sehr geläufig sind, spricht schon Origenes von ἐλλάμψεις τοῦ φωτὸς τοῦ θεοῦ in Joann. t. 10, 25 (M. 14, 388 B) und verwendet ἐλλάμπω mehrfach. Greg. v. Naz. gebraucht das Wort in der Bedeutung, die D. besonders in der c. h. und sonst damit verbindet, nämlich von der sekundären Lichteinstrahlung der obern Engel in die untern or. 28, 31 (M. 36, 72 B).
3: D. sagt θεῖοι καὶ τρόφιμοι ὀχετοί, wobei er Theodoret (in Ps. 64, 10, M. 80, 1356 A) zu folgen scheint; χάρις τοῦ Πνεύματος εἰς ὀχετοὺς διαιρουμένη, Spiritus Sancti gratia in rivulos divisa etc.
4: Dan. 14, 35; Ps, 90, 4, 12.
5: Ezech. 1, 18 (nach LXX).
6: Ezech. 1, 14.
7: Js. 6, 2.
8: Vielleicht erschlossen aus Gen. 18, 4; 19, 2.

 

 

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Einleitung zur Himmlischen und Kirchlichen Hierarchie
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger