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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Himmlische Hierarchie (De caelesti hierarchia)

8. Kapitel: Die Herrschaften, Gewalten und Mächte und die mittlere von ihnen gebildete Hierarchie.

§ 1.

Die Herrschaften, Gewalten und Mächte und die von ihnen gebildete mittlere Hierarchie.

§ 1.

1) Bei Betrachtung der mittleren Ordnung bilden wieder die betreffenden Namen der Chöre den Schlüssel der Erklärung.
2) Die Herrschaften (κυριότητες) erfreuen sich eines jeder Knechtschaft entrückten Herrschertums, streben stets zur Urquelle aller Herrschaft empor und bilden nicht nur sich selbst darnach um, sondern ziehen auch die untern Chöre zu ihr hinauf.
3) Die Mächte (δυνάμεις) besitzen eine unerschütterliche Mannhaftigkeit und Aufnahmsfähigkeit für die göttlichen Erleuchtungen. Im steten Hinblick auf die göttliche Urmacht stellen sie deren Bild in sich selbst her und führen die tieferen Chöre zu ihr empor.
4) Die Gewalten (ἐξουσίαι) bilden eine unverwirrbare Ordnung für die Aufnahme des Göttlichen, mißbrauchen nie ihre Kräfte zu niederen Zwecken, sondern erschwingen sich unbehindert zu Gott und fördern die tief erstehenden Chöre in der gleichen Richtung.
5) Auf diese Weise vollzieht sich für die zweite Triade die Reinigung, Erleuchtung und Vollendung, indem die göttlichen Strahlen durch Vermittlung der ersten Triade auf sie übergeleitet werden.

Wir müssen nunmehr zur mittleren Ordnung der himmlischen Geister übergehen, indem wir nach Möglichkeit jene Herrschaften und die wahrhaft machtvollen Betrachtungsbilder (θεάματα) der göttlichen Gewalten und Mächte mit überweltlichen Augen schauen. Denn jeglicher Name der uns überragenden Wesen offenbart die Gott nachgebildeten Eigentümlichkeiten ihrer gottähnlichen Natur.

Der redende Name der heiligen Herrschaften offenbart meines Erachtens einen gewissen unbezwingbaren und von jedem Sinken zum Irdischen freien Aufschwung nach oben, ein Herrschertum, welches gar [S. 45] nicht irgend einer Entartung ins Tyrannische in irgend einer Weise überhaupt zuneigt und in edler Freiheit kein Nachlassen kennt, ein Herrschertum, welches, jeder erniedrigenden Knechtung entrückt, jedem Erschlaffen unzugänglich und, über jegliche Unähnlichkeit (Selbstentfremdung) erhaben, unaufhörlich nach dem wahren Herrschertum und der Urquelle alles Herrschertums hinanstrebt und nach der herrschgewaltigen Ähnlichkeit mit demselben soweit als möglich sich selbst und gütig auch das unter ihm Stehende umbildet, ein Herrschertum, welches keinem der eitlen Scheindinge, sondern dem wahrhaft Seienden gänzlich zugewendet ist und immerdar, soweit es ihm verstattet ist, an der Ähnlichkeit mit Gott als dem Urquell des Herrschertums teilnimmt 1.

Der Name der heiligen Mächte bezeichnet nach meiner Meinung eine gewisse männliche und unerschütterliche Mannhaftigkeit in Hinsicht auf alle ihre gottähnlichen Tätigkeiten, welche bei der Aufnahme der ihr verliehenen urgöttlichen Erleuchtungen durchaus keine kraftlose Schwäche zeigt, sondern mächtig zur Gottähnlichkeit aufstrebt, eine Mannhaftigkeit, welche durch keine Unmännlichkeit von ihrer Seite die gottähnliche Bewegung aufgibt, sondern vielmehr unentwegt auf die überwesentliche und machtbildende Macht hinblickt und deren machtspiegelndes Abbild wird, welche zu ihr als [S. 46] der Urquelle der Macht mächtig hingekehrt ist und zu den Wesen der tiefern Ordnung machtspendend und gottähnlich heraustritt 2.

Der Name der heiligen Gewalten, welche mit den göttlichen Herrschaften und Mächten auf gleicher Stufe stehen, besagt, wie ich glaube, die wohlgeordnete und unverwirrbare Harmonie bei Aufnahme des Göttlichen und das Festbestimmte der überweltlichen und geistigen Gewaltstellung, welche die aus der Gewalt fließenden Kräfte nicht mit tyrannischer Willkür zu den minderen Zwecken mißbraucht, sondern unbesiegbar zum Göttlichen in schöner Ordnung empordringt und die tieferstehenden Wesen gütig aufwärts leitet, welche der gewaltschaffenden Urquelle der Gewalt soweit als möglich sich verähnlicht und sie kräftigst nach den wohlgeordneten Stufen der aus der Gewalt fließenden Macht den Engeln einstrahlt.

Im Besitze dieser gottähnlichen Eigentümlichkeiten wird die mittlere Ordnung der himmlischen Geister nach der erwähnten Weise von den urgöttlichen Erleuchtungen, welche ihr an zweiter Stelle durch die erste hierarchische Ordnung eingestrahlt und durch deren Vermittlung als Offenbarungen des zweiten Grades zugeführt werden, gereinigt, erleuchtet und vollendet 3.

1: Die betäubende Fülle von Synonymen und Tautologien, deren sich D. besonders in der Beschreibung dieses und der zwei folgenden Chöre bedient, verrät, dass er in früheren Quellen nichts Greifbares hierüber gefunden hat. Gregor d. Gr. versuchte, im Anschluss an D., aus den Namen ebenfalls eine Charakteristik zu schöpfen, aber er zieht konkretere Momente herbei. So meint er, die „Dominationes“ trügen ihren Namen davon, dass die andern tiefern Chöre ihrer Macht unterstellt sind. Den Namen „Virtutes“ bezieht er auf die grossen Wunder und Zeichen, welche durch die also benannte Engelklasse geschehen. Den „Potestates“ schreibt er eine besondere Macht zu, die bösen Geister zurückzudrängen, damit sie die Menschen nicht so heftig versuchen, hom. 34. (M. s. lat. 76, 1251). Wenn D. den merkwürdigen Ausdruck „τυραννικαὶ ἀνομοιότητες“ gebraucht, so ist er sicher von Proklus (in I. Alcib. 329; in Tim. 53 F) beeinflusst. Andrerseits führt der Gegensatz: κύριοι—τύραννοι zu der Gleichsetzung τυράννου ἀνομαιότητες = die Verschiedenheiten des „Tyrannen“ vom „Herrn“.
2: Wenigstens an diesem einen Beispiele sei das Spiel mit der figura etymologica hervorgehoben: „δυνάμεις“, δυνατῶς, δυναμοποιὸς δύναμις, δυναμοειδής, ἀρχιδύναμος, δυνατῶς, δυναμοδότως folgen sich in dem kurzen Abschnitt; dazu die Synonyma ἀρρενωπός ἀνδρία, ἀνδρανῶς, ἀνανδρία usw.
3: Auffallender Weise hält D. die Zusammenstellung der mittlern Triade, die er hier gibt, nicht konsequent fest, obwohl er eine unverrückbare Stufenordnung als Norm für die Prozesse der gegenseitigen Einwirkung voraussetzt. Die „Herrschaften“ und „Mächte“ einerseits, die „Gewalten“ und „Mächte“ andrerseits tauschen ihre Rangstufen (Kap. VI, 2; VIII, 1; IX, 2; XI, 1). — Dante lässt den heiligen Dionysius beim Eintritt Gregors d. Grossen in den Himmel lächeln, weil dieser nicht die von Dionysius aufgestellte Ordnung beibehalten habe (Paradiso 28, 130—139).

 

 

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Einleitung zur Himmlischen und Kirchlichen Hierarchie
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger