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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Himmlische Hierarchie (De caelesti hierarchia)
8. Kapitel: Die Herrschaften, Gewalten und Mächte und die mittlere von ihnen gebildete Hierarchie.

§ 2.

1) Die Tatsache, daß einem Engel durch einen andern (höhern) Engel eine Kunde vermittelt wird, lehrt, [S. 47] daß die so vermittelte Vervollkommnung eine abgeschwächte ist; es herrscht hier dasselbe Gesetz welches auch in der kirchlichen Hierarchie gilt. Deshalb werden auch die obersten Engel von der kirchlichen Überlieferung als Vollender, Erleuchter und Reiniger der untern Chöre bezeichnet.
2) Die Urquelle aller Stufenordnung hat dies als festes Gesetz aufgestellt, daß die niedern Klassen durch die höhern an den göttlichen Einstrahlungen Anteil gewinnen.
3) Verschiedene Beispiele aus der heiligen Geschichte bestätigen dies, so z. B. die Vision des Zacharias über das Wiederaufblühen Jerusalems, desgleichen die Ezechiel gewordene Verheißung, daß die Unschuldigen von den Schuldigen ausgesondert würden. Andere Beispiele aus Daniel 9, 23; Ezechiel 10, 1 und 10, 7; Daniel 8, 16 werden noch angeführt.
4) Je mehr die kirchliche Hierarchie nach diesem in der himmlischen Hierarchie herrschenden Fundamentalgesetz sich gestaltet, desto mehr wird sie an der Schönheit derselben teilnehmen und dem obersten Prinzip aller hierarchischen Gliederung angenähert werden.

Zuverlässig werden wir nun die Tatsache, daß in besagter Weise von einem Engel zum andern die Kunde durch Rede vermittelt wird, zum Maßstab dafür nehmen, wie sich die Vervollkommnung auf weitere Entfernung vollzieht und über dem Heraustreten in die tiefere Ordnung verdunkelt wird! Wie die Kenner unserer heiligen Weihen sagen, daß die unmittelbare Erfüllung mit dem göttlichen Lichte vorzüglicher sei als die Mitteilung seitens anderer, welche Gott zu schauen gewürdigt werden, so ist auch nach meinem Dafürhalten die unmittelbare Anteilnahme jener Engelordnungen, welche an erster Stelle zu Gott sich erheben, lichtvoller als die der mittelbar zur Vollkommenheit geführten Geister. Deshalb werden auch von unserer priesterlichen Überlieferung die obersten Engel vollendende, erleuchtende und reinigende Mächte der tieferstehenden genannt, insofern diese durch jene zum überwesentlichen Prinzip aller Dinge emporgeführt werden und, soweit es ihnen verstattet ist, an der Reinigung, Erleuchtung und Vollen- [S. 48] dung, die von dem Urquell aller Weihe und Vollendung ausgehen, Anteil nehmen.

Denn das ist überhaupt ein von dem göttlichen Prinzip aller Ordnung (ταξιαρχία) in gottgeziemender Weise aufgestelltes Gesetz, daß die Glieder der zweiten Ordnung durch Vermittlung der ersten an den urgöttlichen Einstrahlungen teilhaben.

Du wirst aber auch bei den inspirierten Schriftstellern dieses Gesetz oft geoffenbart finden. Denn als die väterliche Menschenfreundlichkeit Gottes Israel zum Zwecke der Bekehrung und heiligen Rettung in Zucht genommen und strafenden, grausamen Völkern zur Besserung überliefert hatte, da ließ er, unter mannigfacher Hinleitung seiner Schützlinge 1 zum Besseren, sie aus der Gefangenschaft auch wieder ziehen und führte sie abermals in die frühere glückliche Lage liebreich zurück. Einer der Propheten, Zacharias 2, sieht da einen Engel, der meines Erachtens zu den ersten gehört, welche um Gott stehen (denn der Name Engel ist, wie gesagt, allen gemeinsam), wie er unmittelbar von Gott die tröstlichen Worte über diese Tatsache, wie erwähnt, vernimmt. Dann sieht er einen andern der untergeordneten Engel dem ersten entgegeneilen, wie zur Aufnahme und Mitteilung der Erleuchtung, und ihn alsdann von jenem als Hierarchen in den göttlichen Ratschluß eingeweiht werden und sieht an ihn den Auftrag erteilt, dem Propheten die geheime Kunde mitzuteilen, daß Jerusalem in reicher Fruchtbarkeit blühend von einer Menge Menschen werde bewohnt werden. Ein anderer der Propheten aber, Ezechiel, sagt, daß dieses Gesetz in allheiliger Weise von der über den Cherubim thronenden 3, überherrlichen Gottheit selbst sei aufgestellt worden. Denn als die väterliche Menschenfreundlichkeit, wie gesagt, Israel auf dem Wege der Zucht zur Besserung hin- [S. 49] lenkte, erachtete sie es in gottgeziemender Gerechtigkeit für angemessen, die Schuldigen von den Unschuldigen abzusondern. In diesen Ratschluß wird nach den Cherubim zuerst der Engel eingeweiht, dessen Hüfte mit einem Saphirgürtel umgürtet ist und der zum Zeichen der hierarchischen Würde das bis zu den Füßen niederwallende Kleid trägt 4. Den andern Engeln aber, welche die Beile tragen, befiehlt die göttliche Urordnung, von dem ersten Engel über die hierin von Gott getroffene Sonderung sich belehren zu lassen. Denn dem einen gebietet er, mitten durch Jerusalem zu gehen und auf die Stirne der unschuldigen Männer das Zeichen zu machen. Den andern aber sagt er: Gehet hinter ihm her in die Stadt und hauet nieder und schonet nicht vor euren Augen, aber an alle, an welchen das Zeichen ist, tretet nicht heran. Was möchte einer über den Engel sagen, der zu Daniel sprach: „Das Wort ist ergangen“ 5 oder über jenen ersten Engel selbst, der das Feuer aus der Mitte der Cherubim empfing 6. Oder, was ein noch stärkerer Beweis als dieser für die schöne Stufenordnung der Engel ist, daß die Cherubim das Feuer in die Hände jenes legen, der mit dem weißen Kleide angetan ist 7. Oder über den Engel, welcher den göttlichsten Gabriel rief und ihm sagte: Lasse ihn die Vision erkennen 8, oder was sonst alles von den heiligen Propheten über die gottähnliche Wohlordnung der himmlischen Hierarchien gesagt ist 9. Wenn sich ihr die Ordnung unserer Hierarchie nach Möglichkeit verähnlicht, so wird sie die engel- [S. 50] hafte Schönheit wie in Abbildern besitzen, da sie durch jene gestaltet und zur überwesentlichen Urordnung jeder Hierarchie emporgeführt wird.

1: Das Textwort bei D. τῶν προνοουμένων (μεταγωγή), das hier eine so konkrete Beziehung hat, ist dem philosophischen Terminus τὰ προνοούμενα (Proklus in Parmen. 1225) nachgebildet.
2: Zachar. 1, 12. Hier und im folgenden steht θεολόγος = Prophet.
3: Ezech. 10, 1.
4: Ezech. 9, 1—6.
5: Dan. 9, 23.
6: Ezech. 10, 1.
7: Ezech. 10, 7.
8: Dan. 8, 16.
9: Ein Vorbild für solche Deutungen über die εὐταξία der Engelordnungen bot schon Clemens v. Al. in seinen Hypotyposen: Sic etiam et Moyses Michael virtutem per vicinum sibi et infimum angelum vocat… Sed Moysi quidem propinquus ac vicinus angelus apparuit. „Der Engel des biblischen Textes, der dem Moses erschien… war ein untergeordneter Engel, … Dieser Engel aber war ein Werkzeug des Erzengels Michael, der wiederum der Stellvertreter des Logos ist“ (nach Heinisch, l. c. S. 219).

 

 

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Einleitung zur Himmlischen und Kirchlichen Hierarchie
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger