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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Himmlische Hierarchie (De caelesti hierarchia)
3. Kapitel: Das Wesen der Hierarchie und ihr Nutzen.

§ 2.

1) Zweck der Hierarchie ist Verähnlichung und Vereinigung mit Gott, welche dadurch erreicht wird, daß die Glieder der Hierarchie unverwandt auf Gottes Schönheit schauen und zu Gottesbildern, zu Spiegeln werden, welche aus dem Urquell des Lichtes den göttlichen Strahl aufnehmen und neidlos auf die tieferstehenden Ordnungen weiterstrahlen.
2) Hiebei herrscht ein strenges Gesetz: die Träger der Weihegewalten (τελεσταί) und die Empfänger der Weihen (τελούμενοι) dürfen nie gegen die Bestimmungen Gottes handeln und in gar keinem Widerspruch mit ihnen stehen, wenn sie, anders nach dem Glanze Gottes begehren und darnach sich umbilden wollen.
3) Das Wort „Hierarchie“ bezeichnet also eine heilige Institution, ein Abbild der göttlichen Schönheit, welches in abgestuften Ordnungen und Erkenntnissen die Geheimnisse der ihm gewordenen Einstrahlung auswirkt.
4) Die Vollendung besteht in der entsprechenden Erhebung zum Nachbilde Gottes und — was das Allergöttlichste ist — in der Teilnahme an der Wirksamkeit Gottes.
5) Weil die hierarchische Ordnung die aktive und passive Seite der Reini- [S. 19] gung, Erleuchtung und Vollendung umfaßt, so wird auch jedem Mitglied der himmlischen Hierarchie nach beiden Beziehungen das Bild Gottes zuteil werden
6) Das Wesen der Gottheit duldet keine Vermischung mit etwas Fremdartigem, wirkt aber doch in den Geschöpfen Reinigung, Erleuchtung und Vollendung, ist selbst alles dieses oder vielmehr über alles dieses erhaben und der subsistierende Urquell aller Weihe und Vollendung
1.

Zweck der Hierarchie ist also die möglichste Verähnlichung und Einswerdung mit Gott. Hiebei hat sie ihn selbst zum Lehrmeister in jeglicher hierarchischen Erkenntnis und Wirksamkeit blickt zu seiner göttlichen Schönheit unverwandt empor, gibt dieselbe soweit als möglich im Nachbild wieder und vervollkommnet ihre Mitglieder 2 zu göttlichen Bil- [S. 20] dern, zu lautersten, fleckenlosen Spiegeln, welche im Stande sind, den urgöttlichen Strahl aus der Urquelle des Lichtes in sich aufzunehmen, zu Spiegeln, welche dann, von dem einstrahlenden Glanze heilig erfüllt, diesen hinwieder neidlos über die nächstfolgenden Ordnungen leuchten lassen, sowie es den urgöttlichen Satzungen entspricht. Denn es ist den Trägern der heiligen Weihegewalten oder den Empfängern der heiligen Weihen nicht erlaubt, überhaupt etwas zu wirken, was gegen die heiligen Anordnungen des Urhebers ihrer eigenen Weihe verstößt. Nicht in irgend einem Widerspruch dürfen sie zu ihm stehen, wenn sie seines vergöttlichenden Glanzes begehren und mit geziemender Heiligkeit auf ihn blicken und gemäß dem entsprechenden Grade, den jeder der heiligen Geister einnimmt, nach ihr sich umbilden.

Demnach besagt der Ausdruck „Hierarchie“ eine gewisse ganz heilige Institution, ein Abbild der urgöttlichen Schönheit, welches in hierarchischen Abstufungen und Erkenntnissen die Mysterien der entsprechenden Erleuchtung heilig auswirkt und Verähnlichung mit dem eigenen Urbild, soweit es nur immer geschehen kann, hervorbringt. Denn für jedes Mitglied der Hierarchie besteht die Vollendung darin, daß es seinem zuständigen Grade entsprechend zum Nachbild Gottes erhoben werde, ja daß es wahrhaftig, was noch göttlicher als alles andere ist, wie die Schrift sagt, zu einem Mitwirkenden mit Gott werde 3 und in sich selbst die göttliche Wirksamkeit nach Möglichkeit zeige und hervortreten lasse. Durch die Stufenordnung der Hierarchie ist es bedingt, daß die einen gereinigt werden, die andern reinigen, daß die einen erleuchtet werden, die andern erleuchten, daß die einen vollen- [S. 21] det werden, die andern vollenden 4. Und wie nach diesem Gesetze einem jeden das Nachbild Gottes angemessen sein wird, so wird er zur Teilnahme an Gottes Wirken erhoben werden. Die göttliche Glückseligkeit aber ist, nach Menschenart zu reden, jeglicher Vermischung mit irgend einem fremdartigen Element unzugänglich, erfüllt von ewigem Lichte, vollkommen und, gar keiner Vollkommenheit ermangelnd, reinigend, erleuchtend und vollendend, besser gesagt, heilige Reinigung, Erleuchtung und Vollendung, die über Reinigung und über Licht erhaben ist, die vor Anbeginn vollkommene subsistierende Urquelle aller Vollkommenheit, die über alles Heilige im Übermaß hinausgerückte Ursache jeglicher Hierarchie.

1: Die Grundgedanken eines stufenweisen Aufstieges zum Göttlichen sind uralt (Plato, Philo, Plotin, Jamblich). Schärfer unterschieden und so, wie wir es bei D. finden, charakterisiert werden sie bei Proklus (in I. Alcib. 517 ff.). Er spricht ganz bestimmt von der Reinigungs-, Erleuchtungs- und Vollendungsstufe, so dass D. sie nur zu verchristlichen brauchte. Gleichwohl wäre es nicht richtig, wenn man nur die eine einseitige Anlehnung an die Neuplatoniker bei ihm voraussetzen wollte. Er war sich wohl bewusst, dass dieser dreistufige Weg, den er in allen seinen Schriften beharrlich zur Geltung bringt, auch bei den kirchlichen Schriftstellern oft genug erwähnt oder wenigstens stillschweigend anerkannt ist. Clemens v. Alex. legt dem Aufbau seiner Trilogie: Protreptikus, Pädagogus, Stromata den Stufengang προτρέπων ἄνωθεν, ἔπειτα παιδαγωγῶν, ἐπὶ πᾶσιν ἐκδιδάσκων Paed. 1, 2 (M. s. gr. 8, 252 B) zu Grunde. Desgleichen stellt er die fortschreitende Ausbildung des Christen mit den drei Phasen des Mysterienkultes: Lustrationen, kleine Mysterien, grosse Mysterien str. 5, 11 (9, 108 A) in Parallele. Vgl. 9, 328 C. Auf seinen Spuren geht Greg. v. Naz. or. 38, 7 M. s. gr. 86, 317 C θεὸς καθαίρει — θεοειδεῖς ἀπεργάζεται — θεοῖς γενομένοις προσομιλεῖ —eine Terminologie, die bei D. wörtlich verwendet wird. Vgl. ib. or. 39, 8. (36, 344 A). Ueber Basilius s. Koch l. c. 175 f.
2: Das griechische „θιασῶται“, das hier D. gebraucht, stösst wegen der kühnen Uebertragung („Teilnehmer an einem Thiasus des Bacchus“). Origenes übernimmt das „Wort von Celsus, der es spöttisch von den Jüngern Christi aussagte c. Cls. 3, 23 (M. s. gr. 11, 945 D).
3: Dies der vielzitierte Satz: onmium divinorum divinissimum cooperari Deo in salutem animarum (τὸ δὴ πάντων θειότερον θεοῦ συνεργὸν γενέσθαι) vgl. I. Cor. 3, 9 θεοῦ γάρ ἐσμεν συνεργοί und 3. Joann. 8 συνεργοί τῇ ἀληθείᾳ. Bemerkenswert ist aber, dass die Formulierung „das Göttlichste von allem“ der Diktion des Proklus entspricht: inst theol. c. 122 τὸ μέγιστόν ἐστιν οὐ τὸ ἀγαθοειδὲς ἀλλὰ τὸ ἀγαθουργόν.
4: Schon Clemens v. Alex. entwirft die Grundzüge zum christlichen Bilde jener grossartigen Verkettung aller Dinge, wie sie aus Gott durch den Logos ausgehen, in abgestufter Ordnung sich folgen und die von oben empfangenen Kräfte weiterleiten, ähnlich wie die Kraft des Magnets durch eine Menge von Eisenringen hindurch bis auf den äussersten wirkt, so dass alles beständig der ersten Ursache wieder zusammenhängt, strom. 7, 2. (M. s. gr. 9, 413 B). Vgl strom. 4, 25 (8, 1365) wo auch schon das Bild vom Kreise (κύκλος) verwendet ist. Aber die Darstellung des D., namentlich seine strenge Triadenlehre, verrät, zugleich Anlehnung an Proklus.

 

 

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Einleitung zur Himmlischen und Kirchlichen Hierarchie
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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