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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Himmlische Hierarchie (De caelesti hierarchia)
2. Kapitel: Das Göttliche und Himmlische wird geziemend auch durch die nicht ähnelnden Sinn
bilder veranschaulicht.

§ 5.

1) Eine solche Bildersprache gebrauchten die inspirierten Schriftsteller nicht bloß, um die Engelordnungen zu schildern, sondern auch um Offenbarungen über Gott zu vermitteln.
2) Dreierlei Arten dieser Bilder kann man unterscheiden; sie sind entnommen erstens von glänzenden Dingen, wie der Sonne u. s. w., zweitens von Gegenständen mittleren Ranges, wie dem Feuer, drittens von den untersten Gebieten, wie Salben und Steinen, selbst vom Tierreich, wie Löwen u. s. w., ja sogar von Würmern.
3) Auf diese Weise erreichen die heiligen Schriften einen dreifachen Zweck: erstens entrücken sie das Allerheiligste den Uneingeweihten; zweitens verwehren sie uns an den Bildern als vermeintlich wahren hängen zu bleiben; drittens lehren sie, daß die verneinenden Prädikate über Gott und die disparaten Nachbildungen mit ihrem schwächsten Nachhall des Göttlichen ehrenvoller für Gott sind. Mithin sind die Bilder auch für die Engel zulässig.
4) Der Verfasser bekennt von sich selbst, daß ihn gerade die Dissonanz in diesen Vergleichen zu eindringenderem Studium angespornt, von den abstoßenden Gestalten hinweggescheucht und an geistige Auffassung gewöhnt habe.
5) Nach der Rechtfertigung der „hylischen“ Vergleiche will er sich [S. 15] anschicken, das Wesen der Hierarchie und ihren Nutzen zu erklären.
6) Daran schließt sich die Bitte an „seinen Jesus“, ihm als Wegweiser voraufzugehen, und die ernste Mahnung an den Empfänger der Schrift, den Bischof Timotheus, die nachfolgenden Lehren einerseits zur eigenen Heiligung ehrerbietig zu vernehmen, andrerseits sie vor den Unheiligen geheim zu halten.

Die mystischen Verfasser der inspirierten Schriften kleiden nicht bloß, wie wir finden werden, die Offenbarungen über die himmlischen Ordnungen (Chöre) heilig in diese Bilder ein, sondern bisweilen sogar auch die Mitteilungen über die Urgottheit. Bald gehen sie bei deren Schilderung von den glänzenden äußeren Erscheinungen aus, wenn sie dieselbe z. B. Sonne der Gerechtigkeit 1, den Morgenstern, der heilig im Geiste aufsteigt 2, das Licht, welches unverhüllt und geistig herniederstrahlt 3, nennen. Bald bedienen sie sich der mittleren Gattung (der sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände) und reden von der Gottheit als dem Feuer, das leuchtet ohne zu schaden 4, als von dem Wasser, das die Fülle des Lebens spendet und, um sinnbildlich zu sprechen, in den Leib eintritt und unerschöpflich fortquellende Ströme (des Lebens) ergießt 5. Dann hinwieder nehmen sie die niedrigsten Dinge zum Ausgangspunkt, wie z. B. die wohlriechende Salbe 6 oder den Eckstein 7. Ja sogar Tiergestaltung wenden sie auf sie an, legen ihr die Eigenart des Löwen 8 und Panthers 9 bei und sagen, sie werde ein Pardel 10 und eine der Jungen beraubte Bärin 11 sein. Ich will auch noch hinzufügen, was niedriger und ungeziemender als alles andere zu sein scheint, daß nämlich die in göttlichen Dingen bewanderten Männer [S. 16] uns von der Gottheit überliefert haben, daß sie sich selbst die Gestalt eines Wurmes beilegt 12

.Auf diese Weise entrücken alle Gotteskundigen und Ausleger der geheimen Inspiration „das Heilige des Heiligen“ (Sancta sanctorum) unberührbar den Uneingeweihten und Unheiligen und halten jene abweichende heilige Gestaltenbildung hoch, damit weder das Göttliche den Profanen leicht in die Hände falle, noch die eifrigen Beschauer der heiligen Bilder an den Typen hängen bleiben, als ob diese in sich wahr wären. Der weitere Zweck ist, daß das Göttliche durch die negativen Aussagen und durch die disparaten Anähnelungen, welche sogar bis an die äußerste Grenze des entsprechenden Nachhalls gehen, geehrt werde. Und so ist es also gar nicht ungereimt, wenn die heiligen Schriften auch für die himmlischen Wesen aus den widersprechenden unähnlichen Ähnlichkeiten wegen der erwähnten Gründe bildliche Züge entnehmen.

Auch wir selbst ja würden vielleicht nicht aus dem Zweifel heraus zur Erforschung, nicht durch genaue Untersuchung der heiligen Probleme zum höheren Sinn vorgedrungen sein, wenn uns nicht das Abstoßende der bildlichen Offenbarung über die Engel aufgeschreckt hätte. Es ließ unseren Geist nicht bei den disharmonischen Bildungen verweilen, sondern reizte uns, die materiellen Affektionen in Abrede zu stellen und gewöhnte uns heilig daran, vermittels der äußeren Erscheinungen zu den überweltlichen Erhebungen uns zu erschwingen 13. Soviel [S. 17] also soll von uns wegen der materiellen und unpassenden bildlichen Darstellungen, welche die heilige Schrift als Engelgestalten bietet, vorausgeschickt sein.

Nunmehr aber müssen wir bestimmen, was wir als das Wesen der Hierarchie selbst betrachten und welchen Nutzen von eben dieser Hierarchie diejenigen gewinnen, welche Anteil an ihr erlangt haben. Den Gang der Abhandlung möge Christus leiten, mein Christus wenn ich so reden darf, dessen Inspiration alle Offenbarung über die Hierarchie zu verdanken ist. Du aber, mein Sohn, höre gemäß der heiligen Satzung, welche hinsichtlich unserer hierarchischen Überlieferung besteht, für deine Person ehrfurchtsvoll den heiligen Vortrag und werde über der Einweihung in die gotterfüllten Geheimnisse selber gotterfüllt, vor der unheiligen Menge aber bewahre das Heilige, das ja eingestaltig ist, in der Verborgenheit des Geistes. Denn es ist nicht erlaubt, wie die Schrift sagt, die ungetrübte, lichtglänzende und verschönernde Zier der geistigen Perlen vor die Schweine zu werfen 14.

1: Malach. 4, 2.
2: Apoc. 22, 16 (2, 38).
3: Joann. 1, 9.
4: Exod. 3, 2; Deuter. 4, 24.
5: Joann. 7, 38. 39.
6: 1. Joann. 2, 27; Act. 10, 38.
7: Js. 28, 16.
8: Os. 13, 8.
9: Os. 5, 14.
10: Os. 13, 7. 8.
11: Os. 13, 7. 8.
12: Ps. 21, 7. Noch viele andere Anthropomorphismen und auffällige Vergleiche erwähnt D. ep. IX. Er konnte bei Greg. v. Naz. or. XXXI, 22 (M. 36, 157) eine ähnliche Sammlung vorfinden und zugleich die „mystische Deutung“ ihm absehen. S. unten Kap. XV, 11 über Adrianus. Auch Greg. v. Nyssa und weiter zurück schon Origenes, um von Philo nicht zu reden, gehen darauf aus, solche anthropomorphistische Vorstellungen über Gott abzuwehren. (Vgl Diekamp l. c. S. 211.) Koch bietet zahlreiche Parallelen aus den Neuplatonikern (l. c. S. 201 ff.).
13: Origenes bekennt von sich ein ähnliches „Aufgeschrecktwerden“ de princ. 4, 15 (M. 11, 873 B); Gregor v. Nyssa gibt den Rat, die Sache gleich richtig zu verstehen, statt sich „erschrecken“ zu lassen, de vita Mos. (M. s. gr. 44, 881 C; vgl c. Eun. 3. M. 45, 609 D); D. kehrt wieder mehr zum Ausdruck des Origenes zurück.
14: Matth. 7, 6. — Eine ähnliche Mahnung, die mitgeteilten Lehren geheim zu halten, wiederholt D. auch im Eingang zur „Kirchlichen Hierarchie“ (S. unten e. h, Kap. I, § 4).

 

 

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Vorbemerkung
Einleitung zur Himmlischen und Kirchlichen Hierarchie
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger