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Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Himmlische Hierarchie (De caelesti hierarchia)
2. Kapitel: Das Göttliche und Himmlische wird geziemend auch durch die nicht ähnelnden Sinn
bilder veranschaulicht.

§ 4.

1) Man kann aus allen materiellen Dingen geistige Anschauungen gewinnen und ihnen die „unähnlichen Ähnlichkeiten“ (scheinbar widersprechende Vergleichungen) entnehmen.
2) Auf andere Weise kommen die betreffenden Prädikate den geistigen, auf andere den körperlichen Dingen zu. Erläuterung durch vier Beispiele: Zorn, Begierde, Unbändigkeit, Vernunft- und Empfindungslosigkeit.
3) Selbst aus den niedrigsten Teilen der Materie kann man passende Bilder für die himmlischen Geister formen, denn auch sie hat ihr Dasein von dem wahrhaft Guten und ein Echo der geistigen Harmonie und Schönheit klingt aus allen ihren Bereichen wider.
4) Solche Bilder können uns zu den immateriellen Urtypen erheben, vorausgesetzt, daß die betreffenden Ähnlichkeiten anders für das Geistige, anders für das Sinnfällige aufgefaßt werden.

Man kann also aus allem schöne (geistige) Anschauungen ersinnen und sowohl für die hohen wie für die höchsten Geister (νοητοῖς τε καὶ νοεροῖς) aus dem Gebiet der Materie die erwähnten sogenannten „unähnlichen Ähnlichkeiten“ entnehmen. Natürlich besitzen die geistigen (erkennenden) Wesen das in anderer Weise, was den sinnlich wahrnehmbaren verschieden von jenen zugeschrieben ist. Der Zornesmut z. B. liegt in der Natur der vernunftlosen Tiere infolge eines leidenschaftlichen Antriebes und ihre Zorneserregung ist jeglicher Unvernunft voll. Bei den geistbegabten Naturen aber muß man die Eigenschaft des Zornes (τὸ θυμικόν) auf andere Weise verstehen, denn sie bezeichnet meines Erachtens ihre männlich entschiedene Verständigkeit und ihre unerschütterliche Haltung in den gottentsprechenden und unveränderlichen Bestimmun- [S. 13] gen 1. Desgleichen sagen wir von der Begierde, sie sei bei den vernunftlosen Tieren eine aller Umsicht bare, materielle Affektion, welche aus einem angebornen Triebe oder aus Gewöhnung im Wechsel der veränderlichen Dinge ungebändigt auftritt; die Begierde sei die vernunftlose Übermacht des körperlichen Verlangens, welches das ganze Lebewesen zu dem sinnlich begehrenswerten Gut hinstößt. Wenn wir dagegen die „unähnlichen Ähnlichkeiten“ den geistig erkennenden Wesen beilegen und ihnen Begierde zuschreiben, so müssen wir dabei an die göttliche Liebe zum Geistigen, welche über Gedanke und Verstand erhaben ist, und an die unbeugsame, nie erschlaffende Sehnsucht denken, welche nach der überwesentlich lauteren und leidenschaftslosen Beschauung und nach der wahrhaft ewigen und geistigen Gemeinschaft mit jener reinen und höchsten Klarheit und mit jener untrügerischen, verklärenden Schönheit gerichtet ist. Die Unbändigkeit dürften wir verstehen als das Straffe und Unentwegte (der Engelnaturen), das durch nichts gebrochen werden kann, weil ihre Liebe zur göttlichen Schönheit ungetrübt und unveränderlich ist und weil sie ganz und gar dem wahrhaft Begehrenswerten zugewandt ist. Aber auch selbst die Vernunftlosigkeit und Empfindungslosigkeit nennen wir zutreffend bei den unvernünftigen Tieren oder den leblosen Körpern Mangel der Vernunft und der Empfindung, bei den immateriellen und intellektuellen Wesen dagegen anerkennen wir ehrfürchtig (mit solchem Ausdruck) die ihnen als überweltlichen Geistern zukommende Erhabenheit über unser diskursives und von der Materie abhängiges Denkvermögen und über das körperliche, den körperlosen Geistern fremde Empfindungsvermögen. Man kann also für die himmlischen Wesen auch aus den niedrigsten Elementen der Materie Gestalten formen, welche nicht unpassend sind. Denn auch die Materie hat ihr Dasein von dem wahrhaft Schönen und besitzt durch alle Reiche ihrer Stoffwelt hin- [S. 14] durch gewisse Nachklänge der geistigen Schönheit 2. Vermittels derselben vermag man sich zu den immateriellen Urbildern zu erheben, vorausgesetzt, daß man, wie gesagt, die Ähnlichkeiten nicht als ähnlich nehme und dieselben nicht auf ein und dieselbe Weise, sondern in entsprechendem Einklang mit den geistigen und sinnfälligen Eigenschaften bestimmt.

1: Das griechische Wort θυμός ist bei seiner vielseitigen Bedeutung für den Nachweis der Analogie entschieden brauchbarer als irgend eine deutsche Uebersetzung. Fäher trifft noch furor, motus irascibilis die Sache.
2: Eine Lieblingsvorstellung des D. ist hier ausgesprochen: Ein Widerhall (ἀπήχημα) der göttlichen Harmonie und Schönheit ist aus allen Gebieten des Geschaffenen heraus zu vernehmen, der allerdings immer schwächer wird, je weiter sie von der göttlichen Urquelle alles Seins abstehen (d. d. n. IV, 4, IV 20, VI, 6; VII, 2; c. h. XIII, 3; XV, 8 u.s.w.). Wie sehr sich D. hiebei an die Neuplatoniker anlehnt, s. bei Koch l. c. S. 195 ff. Bekannt ist die bei den Scholastikern so häufig erwähnte „obscura resonantia“.

 

 

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Vorbemerkung
Einleitung zur Himmlischen und Kirchlichen Hierarchie
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger