Hilarius von Poitiers († 367) - Abhandlungen über die Psalmen. Ps. 144 Abhandlung über den Psalm.
14. Und die Gerechtigkeit der Menschen ist zwar recht und nützlich; aber sie ist doch bisweilen auch sehr hart, so daß sie von der Güte keinen Gebrauch machen darf, da sie nach der Verschiedenheit des Urtheiles durch die Entscheidung dessen, was gerecht ist, streng wird. Die Gerechtigkeit Gottes aber kann der menschlichen Gerechtigkeit nicht gleich ge- [S. 165] stellt werben. Denn sie ist nicht dem Gesetze der Natur unterworfen, da ja durch sie das Gesetz der Natur aufgestellt worden ist; so daß sie nicht aufhören muß, gütig zu seyn, wenn sie gerecht ist. Die Gerechtigkeit Gottes hat den Willen, sich zu erbarmen; sie wird aber durch den Willen, sich zu erbarmen, nicht so verändert und sich entfremdet, daß sie nicht mehr Gerechtigkeit wäre. Die menschliche Gerechtigkeit hingegen pflegt dahin zu gerathen, daß sie nicht barmherzig ist, und die Barmherzigkeit so sich zu erweisen, daß sie nicht gerecht ist. Denn die Barmherzigkeit wird nicht gerecht seyn, wenn du aus Mitleid den Verleumdungen eines Armen das Recht eines Reichern aufopferst, wenn du die Thränen eines Weibes der Schmach eines Mannes vorziehest, wenn du die Lästerungen eines Blinden nicht für strafbar hältst. Und so wird im Gegentheile die Gerechtigkeit keine Barmherzigkeit beobachten, wenn du den Dieb einer einzigen Münze, wie den Räuber eines großen Schatzes bestrafest; mag auch in der einzigen Münze der Schatz dessen bestanden seyn, welcher sie verlor; wenn du einen Jüngling, der nur in Einen, und zwar schimpflichen Ehebruch verwickelt ist, bei gleicher Todesstrafe, wie den Verüber mehrerer Ehebrüche, mit den Peinen der Folter quälen wirst, mögen auch beide durch ihr Verbrechen den Tod verschuldet haben. Dieses und dergleichen macht die menschliche Barmherzigkeit und Gerechtigkeit unvollkommen; die Gerechtigkeit Gottes aber wird durch die den Verbrechern hinsichtlich ihrer Bestrafung gewährte Geduld barmherzig. Denn da Gott gegen die Gewohnheit der menschlichen Ungeduld mit der Strafe nicht eilt, hat er Erbarmen; indem er die Gerechtigkeit in der Bestrafung beobachtet, wann nach der Barmherzigkeit die Geduld nichts mehr hilft; und indem er Barmherzigkeit bei der Bestrafung beweiset, weil er nach der Geduld die Gerechtigkeit ausübet. Denn Gott ergreift nicht sogleich die Gelegenheiten, welche ihm die menschlichen Vergehen darbieten, und benützt nicht, als wenn ihm un- [S. 166] sere Schwachheit und Natur unbekannt wäre, gerade diese Zeit zur Bestrafung unseres Irrthumes und unserer Sünde, sondern er hat Nachsicht und zögert, und erwartet bei der Verschiebung der Strafe den Trost der Reue; indem er sich gegen alle mild beweiset, da er vermöge des Maßes der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit eine gnädige Milderung der Strenge sich vorbehält.
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