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Leo der Grosse († 461) - Sämtliche Sermonen (Sermones)
Sermo LII-LXX: Neunzehn Passionspredigten.
Sermo LXX. 19. Predigt über das Leiden des Herrn.

5.

Auf welch andere Art durchbohrt man aber sein Fleisch mit der Furcht Gottes, als wenn man aus Furcht vor dem Gerichte die Sinne seines Leibes von den Lockungen unerlaubter Genüsse fernhält? Wer der Sünde widerstreitet und, um nichts Todeswürdiges zu begehen, seine Begierden abtötet, der darf mit dem Apostel ausrufen: "Ferne sei es von mir, mich zu rühmen, außer im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt und der Welt mein Ich gekreuzigt ist!"1 . Darum suche der Christ dort seinen Platz, wo ihn Christus mit sich emporhob! Dorthin lenke er all seine Schritte, wo, wie er weiß, die Erlösung der Menschen vollendet wurde! Dauert doch das Leiden des Herrn bis zum Ende der Welt: Wie nämlich der Herr es ist, den man in seinen Heiligen liebt und ehrt, wie er es ist, den man in seinen Armen nährt und kleidet2 , so nimmt er auch persönlich Anteil an den Leiden aller, die für die Gerechtigkeit Ungemach erdulden. Man müßte denn annehmen, daß seit der Ausbreitung des Glaubens über den Erdkreis und seit der Verringerung der Zahl der Gottlosen alle Heimsuchungen und all die grausamen Verfolgungen, die über die heiligen Märtyrer hereinbrachen, ein Ende genommen hätten. Da wären also nur die verpflichtet gewesen, das Kreuz des Herrn auf sich zu nehmen, denen man, um ihre Liebe zu Christus zu vernichten, die härtesten Qualen auferlegte. Allein die Lehre, die uns jene frommen Diener Gottes damit gaben, ist eine andere. Und anders lautet auch die Predigt des Apostels, der da sagt: "Alle, die gottselig in Christus Jesus leben wollen, werden Verfolgungen leiden"3 . Gar lau und träge erscheint nach diesen Worten, wer nicht mit Verfolgungen zu kämpfen hat. Nur wer die Welt liebt, kann mit ihr in Frieden leben. Noch nie bestand eine Gemeinschaft zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen Licht und Finsternis. Wenn auch auf der einen Seite die Nächstenliebe der Guten die Besserung der Bösen wünscht und wenn sie auch wirklich durch die Gnade des barmherzigen Gottes die Bekehrung vieler erreicht, so hören doch andererseits die bösen Geister niemals auf, den Frommen zuzusetzen. Mit versteckten Ränken und in offenem Streite bekämpfen sie in allen Gläubigen, was sich der gute Wille vorgenommen hat. Alles, was recht und heilig ist, ist für sie eine Pein. Obwohl die bösen Geister über niemand eine größere Macht haben, als dies die Gerechtigkeit Gottes zuläßt, der in seiner Gnade die Seinen durch Züchtigung bessern oder in der Geduld üben will, treten sie doch mit solcher Schlauheit und mit solcher Verstellungskunst auf, daß es den Anschein hat, als ob sie die Menschen nach Belieben verfolgen oder schonen könnten.

Und leider berücken sie gar viele durch diese boshafte List, so daß so mancher ihren Haß fürchtet und sie sich gnädig zu stimmen sucht. Und doch sind die Wohltaten der Dämonen verderblicher als alle Wunden, die man uns schlagen kann, ist es für den Menschen besser, den Satan zum Feinde als zum Freunde zu haben. Weise Seelen, die es verstehen, den Herrn allein zu fürchten, ihn allein zu lieben und auf ihn allein ihre Hoffnung zu setzen, bekämpfen ihre Begierden und kreuzigen die Sinne ihres Leibes, so daß sie die bösen Geister weder fürchten noch ihnen dienstbar sind. Sie ziehen den Willen Gottes ihrem eigenen vor und lieben sich um so mehr, je mehr sie aus Liebe zu Gott von ihrer Selbstliebe lassen. Sie befolgen, was der Herr zu ihnen spricht: "Gehe deinen Begierden nicht nach und mache dich los von deinem Willen!"4 . Sie unterscheiden zwischen ihren Neigungen und trennen das, was für den Geist gilt, von dem, woran das Fleisch hängt. So üben sie in gewisser Hinsicht Selbstverleugnung, indem sie nicht ihren sinnlichen Wünschen folgen, sondern dem nachgehen, wonach sich ihre Seele sehnt.

1: Gal 6,14;vgl.Röm 6,2.f.
2: vgl.Mt 25,35 f.
3: 2 Tim 3,12
4: Ekkli 18,30:vgl.Röm 6,12 f;13,14

 

 

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