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Leo der Grosse († 461) - Sämtliche Sermonen (Sermones)
Sermo LII-LXX: Neunzehn Passionspredigten.
Sermo LXIX. 18. Predigt über das Leiden des Herrn.

3.

Was uns die heiligen mit Gottes Finger geschriebenen Evangelien über das Leiden unseres Herrn Jesus Christus berichten, das nehmet, ohne dürsterem Zweifel nachzuhängen, gläubig hin! Von allem, was sich zugetragen hat, sollt ihr so fest überzeugt sein, als ob ihr es mit eigenen Augen gesehen und1 mit eigener Hand berührt hättet!2 . Glaubet, daß in Christus wahre Gottheit und wahre Menschheit wohnt! Er ist Fleisch und Wort zugleich. Wie er mit dem Vater die Wesenheit teilt, so teilt er sie auch mit seiner Mutter. Bei ihm gibt es weder eine Zweiheit der Person noch eine Verschmelzung der Naturen. Leidensunfähig in seiner Herrlichkeit, ist er sterblich in seiner Niedrigkeit. Beider Eigenschaften bediente er sich in der Weise, daß die Macht die Schwachheit verherrlichen konnte, nicht aber umgekehrt die Schwäche die Macht zu verdunkeln vermochte. Er, der die ganze Welt umspannt, duldet es, daß ihn seine Verfolger gefangennehmen und die Hände derer binden, deren Herzen ihn nicht fassen können. Die Gerechtigkeit widersetzt sich nicht der Ungerechtigkeit, und die Wahrheit weicht den Zeugnissen der Lüge. So wollte er unter Beibehaltung seiner Gottheit die Knechtsgestalt ihrer Vollendung entgegenführen und durch die Furchtbarkeit seiner körperlichen Leiden die Wirklichkeit seiner körperlichen Geburt bestätigen. Daß aber der eingeborene Sohn Gottes das Leiden geduldig auf sich nahm, war keine Forderung der Notwendigkeit, sondern eine Erwägung der Barmherzigkeit. Die Sünde sollte durch eine Sünde vernichtet und das Werk des Teufels durch eine Tat des Teufels vereitelt werden! Schon in den ersten Zeiten hatte der Feind unseres Geschlechtes allen Menschen eine tödliche Wunde geschlagen, in der Absicht, es zu verderben. Und die in seiner Gefangenschaft schmachtenden Abkömmlinge des ihm verfallenen Stammes konnten sein ehernes Joch nicht abschütteln. Als nun der Satan unter so vielen Generationen, über die er durch das Gesetz des Todes Gewalt hatte, jenes eine Menschenkind sah, dessen Tugenden zu seiner Verwunderung alle bisherigen Heiligen in Schatten stellten, wähnte er sein Recht dauernd gesichert, wenn keine Verdienste der Gerechtigkeit jenes Gesetz umstoßen könnten. Er hetzte also seine Diener und Söldlinge in besonders heftiger Weise gegen ihn, schadete sich aber dadurch nur selber. Er meinte, daß der sein Schuldner sei, den er dem Tode überantworten konnte. So verfolgte er ihn wegen der Ähnlichkeit der Natur, ohne zu merken, daß jener allein ohne Sünde und darum frei war. Der Satan täuschte sich also nicht in der Abkunft des Herrn, wohl aber hinsichtlich der Schuld; denn der "erste" und der "zweite Adam" waren eins dem Fleische, nicht aber ihren Werken nach. Durch jenen sind alle dem Tode geweiht, während sie durch diesen zu neuem Leben erstehen sollen!3 . Jener hat uns duch sein m sagt auch der Herr: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben"4 : der Weg als das Vorbild eines gerechten Wandels, die Wahrheit, indem man durch mich erwarten darf, worauf man zuversichtlich harrt, und das Leben, weil man durch mich zu ewiger Glückseligkeit gelangt.

1: den Herrn
2: vgl.Joh 20,25 f.
3: vgl.1 Kor 15,22
4: Joh 14,6

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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