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Leo der Grosse († 461) - Sämtliche Sermonen (Sermones)
Sermo LII-LXX: Neunzehn Passionspredigten.
Sermo LXVIII. 17. Predigt über das Leiden des Herrn.

2.

Jesus rief also deshalb mit lauter Stimme: "Warum hast du mich verlassen?"1 , um allen kundzutun, daß man ihn vor seinen Verfolgern weder retten noch verteidigen, sondern vielmehr in den Händen seiner Feinde lassen solle. Er wollte2 damit sagen, daß er zum Heiland der Welt und zum Erlöser aller Menschen nicht aus eigener Not werde, sondern nur aus Mitleid3 , nicht weil er Hilfe und Beistand verloren habe, sondern wegen seines festen Entschlusses, den Tod zu erleiden. Was kann für den ein zeitweiliges Aufhören des Lebens bedeuten, auf dessen Machtwort hin die Seele den Leib verließ und wieder in ihn zurückkehrte? Der selige Apostel Paulus sagt, "daß der Vater seines eingeborenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat"4 . Und an einer anderen Stelle schreibt er: "Christus hat die Kirche geliebt und sich selbst für sie geopfert, um sie zu heiligen"5 . Wenn nun der Herr dem Leiden überantwortet wurde, so war dies ebensosehr der Wille des Vaters wie der des Sohnes. Nicht der Vater allein gab also den Sohn preis, sondern dieser verleugnete sich gewissermaßen auch selber, indem er nicht ängstlich das Leiden floh, sondern freiwillig auf seine Macht verzichtete. Ließ doch der Gekreuzigte die Gottlosen seine Macht nicht fühlen, wollte er doch nicht zu offener Gewalt greifen, um seine geheimen Ratschlüsse zu vollführen. Wie wäre aber der, der gekommen war, um den Tod und den Urheber des Todes zu vernichten6 ,imstande gewesen, die Sünder zu erlösen, wenn er seinen Verfolgern Widerstand geleistett hätte? So kam es, Geliebteste, daß die Juden glaubten, Jesus sei von Gott verlassen, weil sie ein so furchtbares Verbrechen an ihm begehen konnten. Da ihnen nämlich das Geheimnis seiner wunderbaren Geduld verborgen blieb, schleuderten sie gegen ihn Gottesslästerungen und Hohnreden, indem sie riefen: "Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Ist er der König Israels, so steige er jetzt herab vom Kreuze, und wir wollen an ihn glauben!"7 . Nicht euerem verblendeten Belieben zu Gefallen sollte sich, ihr törichten Schriftgelehrten und gottvergessenen Priester, die Macht des Erlösers offenbaren! Ebensowenig sollte um erbärmlicher Beschimpfungen willen die Erlösung des Menschengeschlechtes hinausgeschoben werden! Wäre es euer Wille gewesen, euch von der Gottheit des Gottessohnes zu überzeugen, so hättet ihr unzählige Taten von ihm sehen können, die euch in dem Glauben bestärken mußten, den ihr voll Heuchelei anzunehmen gelobtet. Wenn es aber, wie ihr selbst zugebt, wahr ist,m daß er anderen half, warum haben dann die zahlreichen und unerhörten Wunder, die er vor aller Augen wirkte, nur euer hartes Herz ganz ungerührt gelassen? Warum anders als deshalb, "weil ihr stets dem Heiligen Geiste so widerstrebtet"8 , daß euch alle Gnaden Gottes zum Verderben ausschlugen? Würdet ihr doch, selbst wenn Christus vom Kreuze herabstiege, immer noch bei euerer Frevelhaftigkeit verharren.

1: Mt 27,46; Ps 21,2
2: mit anderen Worten
3: mit der Not anderer
4: Röm 8,32
5: Eph 5,25 f.
6: vgl.2 Tim 1,10
7: Mt 27,42
8: Apg 7,51

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger