Hilarius von Poitiers († 367) - Abhandlungen über die Psalmen. Ps. 55Der LV. Psalm.
Der LV. Psalm. Zum Ende. Für das Volk, welches von den Heiligen weit entfernt worden ist,1 eine Denkschrift Davids, da ihn die Ausländer zu Geth festhielten. „Erbarme dich meiner, o Herr! denn es zertritt mich der Mensch; den ganzen Tag kämpfet er und ängstiget er mich. Es zertreten mich meine Feinde den ganzen Tag. Vor des Tages Höhe fürchte ich mich2 nicht; denn viele, die mich bekriegen, fürchten sich; ich aber will auf dich hoffen. Im Herrn will ich meine Reden loben den ganzen Tag; auf Gott will ich hoffen; ich werde nicht fürchten, was mir das Fleisch thut. Den ganzen Tag verfluchen sie meine Worte; gegen mich sind alle ihre Gedanken zum Bösen. Sie sind beisammen und verbergen sich; sie beobachten meine Ferse. Wie sie harren auf meine Seele, so wirst du sie zu Nichts retten; im Zorne wirst du die Völker zerbrechen3. Gott! mein Leben habe ich dir kund gemacht; du hast meine Thränen vor deinen Augen, so wie du verheissen hast. Meine Feinde werden sich rückwärts [S. 151] wenden an jenem Tage, an welchem ich dich anrufe; sieh! ich erkenne es, daß du mein Gott bist.4 In dem Herrn will ich meine Rede loben; auf den Herrn will ich hoffen; ich werde nicht fürchten, was mir der Mensch thut. In mir sind, o Gott, die Gelübde, dich zu preisen, welche ich erfüllen werde; denn du hast meine Seele dem Tode entrissen, und meine Füsse dem Falle; auf daß ich wohlgefalle vor Gott in dem Lichte der Lebendigen.“ 1: Als David vom Könige Achis in die Höhle Odollam floh, sammelten sich da um ihn mehrere seiner Bekannten und anderes Volk gegen 4000 Mann. Um diese Gefährten, die nun Jerusalem, den Sitz des Heiligthumes, entbehren mußten, zu trösten, soll er diesen Psalm verfaßt haben. Im Hebräischen heißt der Vers: „Dem Musikmeister, auf die stumme Taube in der Ferne, ein goldenes Kleinod Davids. S. Ps. XV, 1. Notkers sagt an dieser Stelle: „Hier sind die Ansichten der Ausleger sehr verschieden, und keiner genüget. Mir scheint es ein musikalisches Instrument gewesen zu seyn“: יונת אלם רהקימ (Jonath alaem reckokim). 2: Nicht (non) steht nicht in der Vulgata. 3: Hilarius liest deduces statt confringes. 4: Hilarius fügt hier noch bei: Und in Gott werde ich das Wort loben (et in Deo laudabo verbum).
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