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Leo der Grosse († 461) - Sämtliche Sermonen (Sermones)
Sermo LII-LXX: Neunzehn Passionspredigten.
Sermo LVIII. 7. Predigt über das Leiden des Herrn.

4.

Als nun, Geliebteste, der Herr seinem Verräter, um ihn deutlicher zu kennzeichnen, das eingetunkte Brot gereicht hatte1 , trat ein, was uns beim Evangelisten Johannes erzählt wird: Der Saten bemächtigte sich jetzt ganz des Judas2 . Den er bisher nur durch böse Gedanken in seine Netze gezogen hatte, der war ihm nunmehr durch seine böse Tat verfallen. Saß doch Judas nur dem Leibe nach mit seinen Tischgenossen zusammen. In seinem Innern beschäftigte er sich mit dem Schergendienste, den er den neidischen Priestern, den falschen Zeugen und dem aufgehetzten und blinden Volke leisten wollte. Da sprach der Herr, als er sah, auf welche Untat des Judas Sinnen und Trachten gerichtet war: "Was du tun willst, tue bald!"3 . In diesem Worte liegt kein Befehl, sondern eine stille Erlaubnis. Es offenbart sich darin nicht Furcht, sondern Bereitschaft. Damit bekundete vielmehr jener, der über alle Zeit gebietet, daß er seinem Verräter freie Hand läßt und er in der Weise dem Willen seines Vaters, die Welt zu erlösen, nachkommt, daß er zu dem von seinen Gegnern geplanten Verbrechen weder aufreizt noch davor zurückschreckt.

Nachdem sich also der vom Satan umgarnte Judas von Christus losgesagt und von dem einträchtigen Kreise der Apostel getrennt hatte, verwandte der Herr so berichtet uns das Evangelium des Johannes ohne sich von Furcht verwirren zu lassen und einzig und allein auf das Heil der zur Erlösenden bedacht, die ganze Zeit, die ihm noch bis zum Vorgehen seiner Feinde vergönnt war, zu geheimnisvollen Reden und heiligen Unterweisungen4 , indem er die Augen zum Himmel erhob, flehte er für die gesamte Kirche zum Vater, auf daß alle, die dieser dem Sohn gegeben hatte oder noch geben wollte, eins würden und mit ihrem göttlichen Erlöser unzertrennlich verbunden bleiben möchten5 . Dazu fügte er zum Schlusse noch die Bitte: "Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!"6 . Aus diesen Worten darf man nicht etwa schließen, daß der Herr Jesus sein Leiden und Sterben von dem er schon zu seinen Jüngern gesprochen hatte7 , von sich abwenden wollte. Verbot er doch dem seligen Apostel Petrus, der ihm treu ergeben und innig zugetan war, das Schwert gegen seine Verfolger zu gebrauchen, indem er sagte: "Soll ich den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, nicht trinken?"8 . Ging doch an ihm in Erfüllung, was der Herr bei Johannes spricht: "So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe"9 . Bezieht sich ja auf ihn auch der Ausspruch des Paulus: "Christus hat uns geliebt und sich selbst als Opfer für uns hingegeben, Gott zu lieblichem Geruche"10 . So war es denn der gemeinschaftliche Wille des Vaters und des Sohnes und ihr gemeinsamer Entschluß, alle durch das Kreuz Christi zu retten. Und dieser Plan, der aus Mitleid mit uns seit ewigen Zeiten gefaßt worden war und von Anfang an unabänderlich feststand, konnte auf keine Weise erschüttert werden.

Der aber, der sich, Geliebteste, die wahre und ganze Natur des Menschen zu eigen machte, nahm damit auch wahrhaft das Empfinden unseres Leibes und das Fühlen unserer Seele an. Obwohl nämlich alles an ihm voller Geheimnisse und Wunder war, vergoß er doch nicht nur scheinbar Tränen11 . Ebensowenig stellte er sich nur hungrig12 , wenn er Speise zu sich nahm, oder gab er nur vor zu schlummern13 . Um unserer Schwachheit willen setzte er sich der Verachtung aus, unserer Traurigkeit halber wurde er betrübt und unserer Schmerzen wegen ließ er sich ans Kreuz schlagen. Hat doch der barmherzige und starke Gott nur deshalb die Leiden unserer sterblichen Natur auf sich genommen, um uns davon zu heilen und sie zu besiegen. Dies prophezeite Isaias ganz klar mit den Worten; "Er trägt unsere Sünden und duldet für uns Schmerzen. Und wir glaubten, daß er seinetwegen leide und geschlagen und mißhandelt werde. Er ist aber verwundet worden wegen unserer Sünden und gedemütigt wegen unserer Missetaten.Und durch seine Striemen sind wir genesen"14 .

1: vgl.Joh 13,26
2: ebd 13,27
3: ebd.
4: vgl. Joh 13,3116,33
5: vgl.Joh 17,1.ff.
6: vgl.Mt 26,39 u.a.
7: vgl.Mt 26,2
8: vgl.Joh 18,11
9: vgl.Joh 3,16
10: vgl.Eph 5,2
11: vgl.Joh 11,33
12: vgl.Mt 4,2
13: vgl.Mt 4,38
14: vgl.Is 53,4f.;Mt 8,17

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger