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Rufin von Aquileia (345–411/412) - Kommentar zum apostolischen Glaubensbekenntnis (Expositio Symboli)

10.

Doch erwidern sie vielleicht, daß, wenn es nun einmal Gott möglich gewesen sein solle, daß die Jungfrau empfing, ihr Gebären ebenso möglich gewesen. Dieses indeß scheine ihnen unwürdig, daß jene so hohe Majestät durch die Geschlechtstheile eines Weibes hindurch in die Welt getreten sei: wann somit eine Befleckung durch Vermischung mit einem Manne nicht bestehe, so bestehe doch der Schimpf schmutziger Berührung, die mit ihrer Niederkunft verbunden war. Hierauf nun wollen wir ihnen, auf ihre Gedanken eingehend, kurz antworten. Wenn Jemand, der selbst ein erwachsener und kräftiger Mann ist, einen Knaben in einer [S. 41] Schmutzgrube in Lebensgefahr erblickt und nun in den tiefsten Koth hinabsteigt, um den sterbenden Kleinen zu retten, wird man den als einen Beschmutzten schelten, weil er ein wenig in den Koth getreten, oder wird man ihn als barmherzig loben, weil er einem dem Tode Verfallenen das Leben gerettet? Das Gesagte gilt von einem gewöhnlichen Menschen. Kehren wir nun zurück zur Natur Dessen, der geboren ist. Wie tief, glaubst du, steht unter ihr die Natur der Sonne? So tief, wie zweifelsohne das Geschöpf unter dem Schöpfer. Nun siehe, wenn ein Strahl der Sonne in irgend einen Abgrund voll Schmutz hineinfällt, zieht er dann selbst sich irgendwie eine Befleckung zu? Oder gereicht die Beleuchtung schmutziger Dinge der Sonne zum Schimpf? Und die Natur des Feuers, wie tief steht sie unter diesen Dingen, von denen hier die Rede ist. Dennoch glaubt man von keiner Materie, sei sie noch so schmutzig und schändlich, daß sie, mit dem Feuer in Berührung gebracht, dieses beschmutze. Wenn nun Dieß auf dem Gebiete der materiellen Dinge ausgemachter Maßen sich so verhält, soll man da bei jener, die Natur dieser Dinge überragenden und unkörperlichen Natur, die über alles Feuer und über alles Licht erhaben ist, irgend eine Befleckung, irgend eine Beschmutzung annehmen ? Dazu aber ist auch noch Folgendes zu beachten. Wir sagen, daß der Mensch von Gott erschaffen worden aus Lehm der Erde. Will man nun da eine Befleckung Gottes erkennen, wo er sein Werk wieder sucht, dann mußte bei Weitem eher da eine Beschmutzung festgestellt werden, wo er im Anfange sein Werk schafft. Doch ist es überflüssig zu erklären, warum er durch Schmutziges hindurchgegangen, da man nicht sagen kann, warum er das Schmutzige erschaffen. Dadurch aber hat er an den Tag gelegt, daß jene Dinge nicht durch ihre Natur, sondern durch ihren Gebrauch schmutzig seien. Übrigens sind ja alle Theile des Körpers aus einem und demselben Lehm gebildet und unterscheiden sich dieselben nur durch ihren Gebrauch und die natürliche Dienstleistung. Doch auch Jenes soll zur Lösung unserer Frage nicht unerwähnt bleiben, daß die [S. 42] göttliche Substanz, die ganz und gar unkörperlich ist, im Grunde genommen in die Körper nicht eingetragen noch von ihnen aufgenommen werden kann, wenn nicht irgendwie eine geistige Substanz, die der Mittheilung des göttlichen Geistes fähig ist, als Mittelglied dazwischen tritt. 1 So zum Beispiel wenn wir sagen, daß das Licht alle Glieder des Leibes erleuchtet, so kann Dieses doch von keinem einzigen derselben, als nur allein vom Auge aufgefaßt werden. Denn das Auge allein ist das Glied, das des Lichtes fähig ist. So also wird auch der Sohn Gottes aus der Jungfrau geboren, indem er nicht zunächst dem Fleische allein sich eint, sondern er wird gezeugt, indem zwischen das Fleisch und die Gottheit die Seele als mittleres Bindeglied dazwischen tritt. Indem also die Seele das Mittelglied bildet und in der geheimnißvollen Burg vernünftiger Geistigkeit das Wort Gottes aufnimmt, ist ohne irgend einen Schimpf, den man argwöhnen könnte, Gott aus der Jungfrau geboren worden. Und deßhalb ist da an nichts Schimpfliches zu denken, wo die Heiligung des Geistes vorhanden war, und wo die Seele, die gottesfähig war, theilhaft wurde auch des Fleisches. Nichts ist da für unmöglich zu halten, wo die Kraft des Allerhöchsten waltete. Nicht ist da an menschliche Schwachheit zu denken, wo die Fülle der Gottheit zugegen war.

1: Die Anschauung von der Seele als einigendem Mittelglied in der Verbindung der beiden Naturen in Christo hat zweifelsohne Rufin dem Origenes entlehnt, ohne Diesem jedoch in der häretischen Verfolgung dieser Ansicht nachzugehen.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Rufin's Leben und Schriften.

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger