Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Rufin von Aquileia (345–411/412) - Kommentar zum apostolischen Glaubensbekenntnis (Expositio Symboli)

9.

Diese Argumente nun, weil sie aus den Schriften der Propheten hergenommen sind, mögen in der That geeignet sein, die Juden zu widerlegen, obgleich sie in ihrem Unglauben verharren. Doch pflegen uns die Heiden zu verlachen, wenn sie uns die Geburt der Jungfrau bekennen hören: es mag deßhalb mit kurzen Worten auf ihre Schmähreden geantwortet werden. Jede Geburt hat, wie ich meine, drei Voraussetzungen: die gehörige Altersreife des Weibes, seine Verbindung mit einem Manne, die Fruchtbarkeit ihres Mutterschooßes. Von diesen drei Voraussetzungen nun fehlte in der Geburt, die wir bekennen, eine, nämlich der Mann; dessen Stelle aber wurde, so behaupten wir, durch den himmlischen Geist ausgefüllt mit Bewahrung der Unversehrtheit der Jungfrau. Aber auch abgesehen davon, wie kann es auffallend erscheinen, daß die Jungfrau empfangen hat, da es doch feststeht, daß der Vogel des Orients, der Phönix 1 heißt, so vollständig ohne Dazwischenkunft eines Gatten geboren oder wiedergeboren wird, daß er immer nur [S. 39] in einem Exemplare existirt und immer wieder durch Geburt oder Wiedergeburt sich selber nachfolgt? Daß die Bienen ganz bestimmt keine geschlechtlichen Vereinigungen kennen und keinen Fötus gebären, ist allgemein bekannt. Doch lassen sich auch noch einige andere Beispiele einer derartigen Geburt anführen. Und nun soll ein Vorgang, der durch göttliche Macht zur Wiederherstellung der ganzen Welt bewirkt worden, als unglaublich erscheinen, für den sich Analogien sogar in der Geburt von Thieren finden lassen! Übrigens ist es zu verwundern, daß Dieß den Heiden unmöglich scheint, da sie doch glauben, ihre Minerva sei aus dem Gehirn des Jupiter geboren. Was ist denn schwerer zu glauben, oder was ist mehr gegen die Natur? In unserm Falle ist da ein Weib, es wird die Ordnung der Natur gewahrt, Empfängniß und Geburt finden statt zur bestimmten Zeit: hier kein weibliches Geschlecht, sondern allein der Mann und die Geburt. Der Dieses glaubt, wie kann der über Jenes sich wundern? Doch auch den Vater Liber 2 lassen sie aus seinen (des Zeus) Lenden geboren werden. Siehe hier eine andere Art von Wunderding, und doch wird es geglaubt. Auch glauben sie, daß die Venus, welche sie Aphrodite nennen, aus dem Meeresschaum erzeugt worden sei, wie es auch ihre ganze Zusammensetzung bezeugt. 3 Kastor und Pollux 4 sind nach ihrer Behauptung [S. 40] aus einem Ei geboren, die Myrmidonen 5 aus einer Ameise; und tausend andere Dinge gibt es, die ihnen, obgleich sie gegen die Natur der Dinge angehen, doch glaublich erschienen sind, wie das Steinwerfen von Deukalion und Pyrrha und die aus ihr entsproßte Menschensaat. Und obgleich sie die Menge dieser und anderer Hirngespinste glauben, so erscheint ihnen dieses Eine als unmöglich. daß eine Jungfrau den göttlichen Sproß, nicht durch eines Mannes Fehl, sondern durch Gottes Hauch empfangen. Wenn Diese denn so schwer zum Glauben sich entschließen können, dann hätten sie nie in so vielen und schändlichen Undingen ihren Glauben an den Tag legen müssen. Fällt es ihnen aber nicht schwer, zu glauben, dann hätten sie viel geneigter diese unsere ehrbaren und heiligen, als jene so unwürdigen und schmutzigen Dinge glauben müssen.

1: Der Phönix ((xxx)) ist der fabelhafte heilige Vogel der Ägypter, der nach Herodot (2,73) alle 500 Jahre, wenn sein Vater gestorben war, aus seiner Heimath Arabien nach Heliopolis kam, um dort den Leichnam seines Vaters, den er in ein Ei von Myrrhen legt, im Tempel des Helios zu begraben. Abgebildet wurde er in Adlergestalt. Tacitus (ann. VI, 28) erzählt von ihm, daß er, wenn sein Ende herannahe, in Arabien ein Nest baue, aus dem ein junger Phönix hervorgehe, der, sobald er herangewachsen, seinen Vater auf dem Altar des Helios verbrenne und dann begrabe. Andere Fabeln vom Vogel Phönix finden sich bei Plin. X, 2 und Ovid. met. XV, 392. Vgl. Lübker, Reallexicon des classischen Alterthums, 3. Aufl. S. 763.
2: Liber (Dionysos, Bacchus) war der Sohn des Zeus und der Semele. Diese, die Tochter des Kadmos, wohnte in Theben und erbat sich auf Anstiften der Hora von Zeus, daß er ihr in seiner ganzen Herrlichkeit erscheine; als ihr nun Zeus mit Blitz und Donner nahte, ergriff die Flamme Semele, und sie gebar sterbend ein unreifes Kind, welches Zeus sich in die Hüfte nähen und später der Ino zur Pflege übergeben ließ. Vgl. Lübker a.a.O. 262.
3: Sicut et omnis ejus compositio ostendit. Durch diesen Zusatz will Rufin ohne Zweifel die Nichtigkeit der heidnischen Gottheit andeuten.
4: Kastor und Pollux, die sog. Dioskuren, gelten in der Mythologie entweder für die Söhne des Tyndareos oder des Zeus, der nach späterer Sage sie in Gestalt eines Schwanes gezeugt haben soll. Vgl. Lübker a.a.O. S. 264.
5: Die Myrmidonen waren der gewöhnlichen Sage nach von Aigina mit Peleus nach Thessalien ausgewandert. Der Name wird von einigen von Myrmidon, dem Sohne des Zeus und der Eurymedusa, abgeleitet, die Zeus in Gestalt einer Ameise berückte, andere leiten den Name von (xxx) die Ameise, deßhalb her, weil nach einer Pest Zeus Ameisen in Menschen verwandelt habe. Vgl. Lübker a.a.O. S. 647.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Rufin's Leben und Schriften.

Navigation
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. . 10.
. . 11.
. . 12.
. . 13.
. . 14.
. . 15.
. . 16.
. . 17.
. . 18.
. . 19.
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger