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Rufin von Aquileia (345–411/412) - Kommentar zum apostolischen Glaubensbekenntnis (Expositio Symboli)

5.

Was aber unsere Bemerkung über den von den orientalischen Kirchen überlieferten Zusatz: "einen Gott, den allmächtigen Vater" betrifft, so ist hier unter dem Worte 'einer' nicht der Zahlbegriff, sondern der Begriff der Einzigkeit zu verstehen. Wenn Jemand z. B. sagt: ein Mensch, ein Pferd, dann nimmt er das Wort 'ein' als Zahl, da es ja auch einen zweiten und dritten Menschen. ein zweites und drittes Pferd gibt. Wo aber ein Zweiter oder Dritter nicht gedacht werden kann, da ist 'ein' nicht Zahlbegriff, sondern da drückt es vielmehr die Einzigkeit aus. Wenn wir nun, um ein Beispiel anzuführen, sagen: die eine Sonne, so ist hier das Wort eine in einer Verbindung gebraucht, daß eine zweite oder dritte Sonne nicht hinzugefügt werden kann; denn es gibt nur eine einzige Sonne. Um so eher wird das Wort Einer, wenn wir von Gott sagen, daß er Einer ist, nicht als Zahlbegriff, sondern als Bezeichnung der Einzigkeit gebraucht, d. h. Gott wird deßhalb Einer genannt, weil ein anderer Gott nicht existirt. Und in gleicher Weise ist es vom Herrn zu verstehen, daß er ein Herr Jesus Christus ist, durch den Gott der Vater Alles beherrscht. Deßhalb bezeichnet auch sofort unser Artikel Gott als den Allmächtigen. Und zwar wird er der Allmächtige deßhalb genannt, weil er die Macht über Alles besitzt. Es beherrscht aber der Vater Alles durch den Sohn, wie auch der Apostel sagt: "Denn durch ihn ist Alles erschaffen worden, die sichtbaren und unsichtbaren Dinge, seien es Throne oder Herrschaften, Fürstenthümer oder Mächte." 1 und wiederum sagt er im Briefe an die Hebräer: "Denn durch ihn gründete er die Welt, und ihn setzte er ein [S. 30] zum Erben von Allem." 2 Wenn nun also der Vater durch ihn die Welt begründete, und wenn durch ihn Alles erschaffen ist, und wenn er der Erbe von Allem ist, dann hält der Vater auch durch ihn die Macht über Alles. Denn wie das Licht vom Lichte, die Wahrheit von der Wahrheit, so ist er, der Allmächtige, geboren vom Allmächtigen, wie in der Apokalypse des Johannes von den Seraphim geschrieben steht: "Und sie hatten nicht Ruhe Tag und Nacht, indem sie riefen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Gott Sabaoth, der da war, der da ist und der da kommen wird als Allmächtiger." 3 Allmächtig wird also Derjenige genannt, "Derjenige, der da kommen soll"; und wer anders ist Derjenige. der da kommen soll, als Christus, der Sohn Gottes? Dem bisherigen Wortlaute unseres Artikels wird nun noch zugefügt: den unsichtbaren und leidensunfähigen. Es ist hier zu bemerken, daß diese beiden Ausdrücke im Symbolum der römischen Kirche fehlen. Bei uns aber sind sie bekanntermaßen jener Irrlehre des Sabellius wegen zugefügt worden, welche deßhalb die patripassianische genannt wird, weil sie vom Vater selbst behauptet, sowohl daß er aus der Jungfrau geboren und sichtbar geworden sei, als daß er im Fleische gelitten habe. Um nun eine so lästerliche Auffassung vom Vater auszuschließen, scheinen unsere Vorfahren diese Zusätze gemacht und erklärt zu haben, daß der Vater unsichtbar und leidensunfähig sei. Es steht nämlich fest, daß der Sohn, nicht der Vater Fleisch geworden und aus dem Fleische geboren worden ist, und daß durch die Geburt aus dem Fleische der Sohn sichtbar und leidensfähig geworden ist. Was aber die unsterbliche Substanz der Gottheit betrifft, wie sie als eine und dieselbe dem Sohne und dem Vater gemeinsam ist, so wird in dieser Beziehung weder vom Vater noch vom Sohne [S. 31] noch vom heiligen Geiste geglaubt, daß sie sichtbar und leidensfähig seien. In Hinsicht aber des angenommenen Fleisches ist der Sohn sichtbar geworden und hat er gelitten im Fleische. Dieß hatte ja auch der Prophet vorhergesagt an jener Stelle, wo er spricht: "Dieser ist unser Gott, und nicht wird in Vergleich gestellt ein Anderer mit ihm. Er machte ausfindig jeglichen Weg der Führung und theilte denselben mit an Jakob, seinen Diener, und an Israel, den von ihm Geliebten. Darauf ward er auf Erden gesehen und ist er unter den Menschen gewandelt." 4

1: Kol 1,16.
2: Hebr 1,2. – Im Texte ist die Stellung der beiden Sätze umgekehrt(xxx): o]n e;qhken klhrono,mon pa,ntwn( diV ou- kai. evpoi,hsen tou.j aivw/naj\
3: Offb 4,8.
4: Bar 3,36 ff.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Rufin's Leben und Schriften.

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger