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Rufin von Aquileia (345–411/412) - Kommentar zum apostolischen Glaubensbekenntnis (Expositio Symboli)

4.

"Ich glaube," so heißt es, "in Gott den allmächtigen Vater."

Die orientalischen Kirchen 1 haben [S. 26] fast alle Folgenden Wortlaut: "Ich glaube in einen Gott, den allmächtigen Vater." Und wiederum in dem folgenden Artikel. wo wir sagen: "und in Christus Jesus, seinen einzigen Sohn, unsern Herrn," haben jene: "und in unsern einen Herrn Jesus Christus, seinen einzigen Sohn:" sie legen nämlich in ihrem Bekenntniß Gewicht auf die Einheit Gottes und die Einheit des Herrn, gestützt auf die Autorität des Apostels Paulus. 2 Doch hierauf werden wir an einer spätern Stelle zu sprechen kommen: nunmehr wollen wir zusehen, was die Worte bedeuten: "in Gott, den allmächtigen Vater." Das Wort "Gott" ist - soweit hier der menschliche Verstand in seinem Urtheile gehen darf - die eigentliche Benennung jener Natur oder Substanz, die über Alles geht. Das Wort "Vater" ist die Bezeichnung eines tiefen und unaussprechlichen Geheimnisses. Bei dem Worte Gott hat man zu denken an eine anfangs- und endlose, einfache, gänzlich unvermischte, unsichtbare, körperlose, unaussprechliche, unmeßbare Substanz, in welcher Nichts zusammengefügt, Nichts erschaffen ist. Denn ohne Urheber ist der, welcher im vollen Sinne des Wortes der Urheber von Allem ist. Bei dem Worte Vater hat man zu denken an den Vater des Sohnes, und dieser Sohn ist dann das Abbild der oben benannten Substanz. Wie nämlich Niemand Herr genannt wird, der keinen Besitz oder keinen Knecht hat, worüber er Herr ist: und wie Niemand den Namen eines Lehrers führt, der keinen Schüler hat, - so kann auch in keiner Weise Jemand Vater genannt werden, ohne [S. 27] einen Sohn zu haben. Durch diese Bezeichnung Gottes als Vater also ist zugleich die Mitexistenz des Sohnes mit dem Vater angezeigt. Wie aber der Vater den Sohn gezeugt habe, mag von der Erörterung ausgeschlossen bleiben; denn mit zu großer Neugierde soll man nicht hinabsteigen in die Tiefe des Geheimnisses, um nicht etwa durch zu vielverlangende Durchforschung des unzugänglichen Lichtglanzes selbst den beschränkten Einblick zu verlieren, der den Sterblichen durch göttliches Gnadengeschenk gewährt ist. Wollte aber Jemand bei diesem Gegenstande die Forschung zu einem erschöpfenden Abschlusse zu bringen versuchen. dann möge er einmal zunächst mit Dem beginnen, was uns nahe liegt: hat er hier das Erforderliche geleistet, so steige er dann auf vom Irdischen zum Himmlischen, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren; ein Solcher mag, wenn er es kann, zuerst erklären, wie der Verstand, der in ihm selbst ist, das Wort erzeugt. und welches das Wesen des Gedächtnisses ist: wie diese in ihrer Erscheinung und in ihren Akten verschiedenen Dinge dennoch eine gemeinsame Substanz oder Natur haben und, wenn sie auch aus der Seele hervorgehen, doch nimmer von ihr getrennt werden können. Bieten sich aber diese Dinge, obgleich sie in uns, in der Substanz unserer Seele sich finden, als eben so dunkel dar, wie das Unsichtbare dem körperlichen Auge, so wollen wir unsere Untersuchung auf einen näher liegenden Gegenstand hinlenken. Wie erzeugt die Quelle aus sich den Fluß, was macht diesen zum reissenden Strom? Wie reimt es sich, daß, obgleich Quelle und Fluß eines und untrennbar sind, doch unter Fluß nicht Quelle, unter Quelle nicht Fluß verstanden und das Eine nicht mit dem Namen des Andern bezeichnet werden darf? - Und doch schaut, wer den Fluß sieht, auch die Quelle. Hat man sich nun vorab in der Erklärung solcher Gegenstände versucht und nach Kräften derartige handgreifliche Dinge erörtert, - dann mag man zu Solchem übergehen, was über Jenes erhaben ist. Doch möge man nicht glauben, ich gäbe den Rath, sofort von der Erde über die Himmel hinaus vorzuschreiten, sondern vorerst möge [S. 28] man es sich gefallen lassen, sich zu dem dem Auge sichtbaren Firmamente hinaufführen zu lassen, um dort, wenn's möglich ist, die Natur dieses sichtbaren Lichtes zu untersuchen, - wie jenes himmlische Feuer aus sich den Lichtglanz erzeuge, auch wie es die Dünste hervorbringe: und wie diese Dinge, obwohl sie eine Dreiheit in der Erscheinung ausmachen, doch nur eine Einheit sind dem Wesen nach. Und gesetzt, es gelänge auch, diese Dinge im Einzelnen zu durchdringen, so muß man wissen, daß dennoch das Geheimniß der göttlichen Zeugung von jener Zeugung um soviel verschieden und so hoch über sie erhaben ist. um wie viel der Schöpfer mächtiger ist als die Geschöpfe, der Künstler vorzüglicher als sein Werk, der Ewige höhern Adel besitzt als das aus dem Nichts Entstandene. Daß Gott der Vater seines einzigen Sohnes ist, ist somit Gegenstand des Glaubens , nicht der Forschung . Steht es doch auch einem Knechte nicht zu, Nachforschungen über die Herkunft seines Herrn anzustellen. Vom Himmel her hat der Vater Zeugniß gegeben, indem er sprach. "Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe, ihn höret!" 3 Es sagt also der Vater. daß Jener sein Sohn sei, und er befiehlt ihn zu hören. Der Sohn hinwiederum sagt: "Wer mich sieht, sieht auch den Vater" und: "Ich und der Vater sind Eins" und: "Ich bin vom Vater ausgegangen und in diese Welt gekommen." Wer möchte sich zwischen diese Aussprüche des Vaters und des Sohnes als untersuchender Zwischenrichter drängen, um die Gottheit zu theilen, das Verbundene zu trennen, die Substanz zu zerreissen, den Geist zu zerschneiden, um zu leugnen, daß wahr sei, was die Wahrheit selbst sagt? Es ist also Gott wahrer Vater, und zwar in dem Sinne, wie er Vater der Wahrheit ist, nicht ausser sich den Sohn schaffend, sondern aus Dem, was er gelbst ist, ihn erzeugend, d. h. als der Weise die Weisheit, [S. 29] als der Gerechte die Gerechtigkeit, als der Ewige den Ewigen, als der Unsterbliche den Unsterblichen, als der Unsichtbare den Unsichtbaren, - wie ja auch das Licht den Glanz, der Verstand das Wort erzeugt.

1: Rufin scheint hier besonders das Symbolum Niceanum und Constantinopolitanum im Auge zu haben, wie auch die vom hl. Cyrill von Jerusalem in seinen Katechesen mitgetheilte Form.
2: 1Kor 8,6. – Die Stelle des ersten Korintherbriefes, auf welche Rufin hindeutet, lautet: "Denn es gibt wohl einige, die man Götter nennt, sei es im Himmel oder auf Erden (wie es denn viele Götter und viele Herren gibt), aber wir haben doch nur einen Gott, den Vater, von dem Alles ist, und für den wir sind, und einen Herrn, Jesum Christum, durch welchen Alles ist, und wir durch ihn."
3: Mt 17.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Rufin's Leben und Schriften.

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger