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Rufin von Aquileia (345–411/412) - Kommentar zum apostolischen Glaubensbekenntnis (Expositio Symboli)

2.

Wie eine alte Tradition meldet, 1 gab der Herr nach seiner Himmelfahrt den Aposteln, als sich durch die Herabkunft des heiligen Geistes auf Jeden von ihnen feurige Zungen niedergelassen hatten und sie in mancherlei verschiedenen Sprachen redeten, durch welche Gabe ihnen kein Volk mehr verschlossen, noch irgendwie durch die Fremdheit der Sprache unerreichbar und unzugänglich war, den Auftrag, einzeln zu den verschiedenen Nationen hinauszuziehen, um ihnen das Wort Gottes zu predigen. Im Begriffe nun, von einander zu scheiden, stellten sie sich vorher gemeinsam eine Norm ihrer zukünftigen Predigt auf, damit sie nicht etwa, wenn der Eine vom Andern getrennt wäre, denen, welche zum christlichen Glauben eingeladen werden sollten, [S. 22] Verschiedenes vortrügen. Indem so alle vereint und vom heiligen Geist erfüllt ihre gemeinsamen Überzeugungen zusammenstellten, setzten sie, wie wir sagten, jenes kurze Erkennungszeichen ihrer zukünftigen Predigt fest und fanden darin eine feste Regel, welche sie den Gläubigen zu geben beschloßen. Daß sie dieses aber Symbolum nannten, geschah aus vielen und sehr zutreffenden Gründen. Das Wort Symbolum bedeutet nämlich in der griechischen Sprache sowohl Zeichen als auch Sammlung, d. h. eine Einheit, welche von Mehreren zusammengetragen ist. Dieß eben haben die Apostel in jenen Sätzen gethan, indem sie einzeln ihre Überzeugungen zusammenstellten. Ein Merkmal aber oder Erkennungszeichen wird das Symbolum deßhalb genannt, weil in damaliger Zeit, wie der Apostel Paulus sagt, 2 und wie in der Apostelgeschichte berichtet wird 3 viele Juden umhergingen und sich fälschlich für Apostel Christi ausgaben; sie zogen aus Gewinnsucht oder um des Bauches willen zur Predigt aus, Christum zwar nennend, aber ohne ihn zu verkünden nach den ächten Grundlinien der Überlieferungen. Aus diesem Grunde wurde jenes Zeichen aufgestellt, damit an ihm Derjenige wohl erkannt werden könne, der wahrhaft nach den apostolischen Satzungen Christum predige. Wird doch auch, wie man sagt, bei Bürgerkriegen die Beobachtung gemacht, daß die einzelnen Führer ihren Soldaten bestimmte Symbole (Erkennungszeichen), 4 die in der lateinischen Sprache mit signa oder indicia bezeichnet werden, geben, damit nicht bei gleicher Waffenrüstung, gleichem Ruf der Stimme, gleichem Verhalten und bei denselben Kriegseinrichtungen eine hinterlistige Täuschung stattfinden könne; der Zweck ist dieser, daß, wenn man zufällig auf eine zweifelhafte Persönlichkeit stößt, diese, nach dem [S. 23] Symbol gefragt, sofort sich ausweist als Freund oder Feind. Diese Tradition aber haben die Apostel deßhalb nicht zur Aufzeichnung auf Pergament oder Papier gegeben, sondern zur Aufbewahrung in den Herzen der Gläubigen, damit es sicher sei, daß Niemand dieselbe aus der Lesung, wozu ja zuweilen auch die Heiden Gelegenheit zu finden pflegen, 5 sondern aus der Apostel mündlicher Predigt erlernt habe. So haben denn die Apostel, da sie im Begriffe standen, zur Predigt des Evangeliums von einander zu scheiden, wie wir es schon gesagt haben, jenes Zeichen ihres einmüthigen Glaubens gesetzt, - nicht wie die Söhne Noe's, die, ebenfalls im Begriffe, von einander zu scheiden, einen Thurm aus Ziegelstein und Asphalt bauten, dessen Spitze bis zum Himmel reichen sollte: 6 sondern sie erbauten Denkmäler des Glaubens, die wider das Antlitz des Feindes stehen sollten, aus lebendigen und kostbaren Steinen, welche sie vom Herrn empfangen hatten: ein Gebäude, geschützt vor dem Ansturm der Winde, gegen die vernichtende Gewalt der Blitze, wider die Erschütterungen brausender Wetter und Stürme. Mit Recht wurden daher Jene, welche zur Trennung genöthigt den Thurm des Hochmuthes erbauten, mit der Verwirrung der Sprache bestraft, so daß Keiner des nächsten Rede verstehen konnte. Diesen aber, die den Thurm des Glaubens bauten, wurde aller Sprachen Kenntniß und Verständniß gegeben, - jene Erscheinung ein Denkzeichen der Sünde, diese des Glaubens. Doch ist es an der Zeit, daß wir nun auch über jene kostbaren Edelsteine selbst Etwas sagen, unter welchen die erste Stelle einnimmt als Quelle und Ursprung der übrigen der Satz:

1: Daß die Apostel vor ihrer Zerstreuung in alle Welt über einen einheitlichen Grundtypus, den Glauben zu predigen und vor der Taufe zu bekennen, sich auf Grund der Taufformel verständigt haben, ist schon a priori wahrscheinlich; dafür spricht auch die Tatsache, daß die Glaubenssymbole des Orients und Occidents im Großen und Ganzen dieselbe Gestalt haben. Nicht erst Rufin, sondern schon der hl. Ambrosius (explanatio Symboli; Mai, script. vett. collectio tom. VII pag. 156 sqq.) redet von einer "Tradition," daß die Apostel gemeinsam ein "breviarium fidei" aufgesetzt haben, welches nach der Zahl der Apostel zwölf Artikel ("sententiae") umfasse. Nach Ambrosius wäre das von der römischen Kirche zu seiner Zeit gebrauchte Taufsymbol das ursprüngliche apostolische. Unser jetziges ist mehrfach erweitert und rührt in seiner dermaligen Gestalt nicht von den Aposteln her; übrigens der Hauptsache nach ist es sicherlich apostolisch und insofern die Bezeichnung als "symbolum apostolorum" berechtigt. Ambrosius kennt auch schon die Deutung von "sumbolon" (xxx) im Sinne von "collatio." Rufin legt seiner Erklärung das Taufsymbol der Kirche von Aquileja zu Grund.
2: 2Kor 9.
3: Apg 15.
4: Die Parole; das Symbolum ist die Parole des miles Christi.
5: Rufin deutet hier auf die disciplina arcani, unter welche das Taufsymbol fiel.
6: Gen 11.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Rufin's Leben und Schriften.

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger