Cassian († 430/35) - Sieben Bücher über die Menschwerdung Christi (De incarnatione Domini contra Nestorium) Siebentes Buch
9. Im Irrtum seien jene, welche sagten, dass die Geburt Christi verborgen gewesen sei, da sie selbst dem Patriarchen Jakob deutlich gezeigt worden. Aber du entschuldigst ja die dem Herrn in der niedrigen Ehrenerweisung zugefügte Beleidigung damit, dass du sagst: [S. 599] „Wie ein Ebenbild des verborgenen Gottes.“ Damit, dass du ihn Ebenbild nennst, stellst du ihn in die Lage der übrigen Menschen; mit den Worten des „verborgenen Gottes“ tust du seiner so gewissen Würde Abbruch. Denn David sagt:1 „Gott wird sichtbar kommen, unser Gott, und er wird nicht schweigen.“ Und er kam in der Tat und schwieg nicht, da er ja, bevor er selbst nach seiner Geburt etwas sprach, seine Ankunft durch irdische und himmlische Zeugen gleichmäßig verkündete, so dass der Stern sie anzeigte, die Magier anbeteten, die Engel Botschaft brachten. Was suchst du noch mehr? Seine Stimme schwieg noch auf Erden und schon rief seine Ehre am Himmel. Du behauptest also, es sei Gott in ihm verborgen gewesen und noch verborgen; aber dies haben nicht die Propheten, nicht die Patriarchen, kurz das ganze Gesetz nicht vorausgesagt; denn sie sagten nicht, dass derjenige verborgen sein werde, der nach ihrer Prophezeiung allen erscheinen werde. Du irrst, o unselige Blindheit, da du Stoff zum Lästern suchst und nicht findest. Du sagst, dass er auch nach seiner Ankunft verborgen gewesen sei; ich lasse aber nicht einmal gelten, dass er verborgen war, ehe er kam. Da ist jener herrIiche Patriarch, welchem die Schauung des gegenwärtigen Gottes einen Namen beilegte, da er durch dieselbe von der Benennung des „Hinterlistigen“ (Jakob) zu dem Namen Israel gelangte! War ihm vielleicht das Geheimnis des Gottes, der aus der Jungfrau geboren werden sollte, verborgen, während er doch, nachdem er das Mysterium der zukünftigen Menschwerdung aus dem Kampfe eines mit ihm ringenden Menschen erkannt hatte, ausrief:2 „Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und meine Seele ist gerettet worden“? Was hatte er denn, ich ditte dich, gesehen, um glauben zu können, er habe Gott gesehen? Hatte sich ihm Gott unter Blitz und Donner dargeboten, oder hatte im aufgeschlossenen Himmel sich ihm das leuchtende Antlitz der [S. 600] Gottheit gezeigt? Wahrhaftig nichts von alle dem, sondern vielmehr sah er einen Menschen sich gegenüber und erkannte Gott. O, wahrhaftig würdig ist er des erlangten Namens, da er, mehr durch die innern als durch die äussern Augen die Würde des von Gott gegebenen Namens verdiente. Er sah eine menschliche Gestalt mit sich ringen und bezeugte, dass er Gott schaue. Er wusste in der Tat, dass jene menschliche Scheingestalt wahrhaft Gott sei, weil Gott in jener Gestalt, in welcher er damals geschaut worden war, später wirklich kommen wollte. Was wundern wir uns übrigens, wenn ein so großer Patriarch unzweifelhaft glaubte, was ihm Gott selbst unmittelbar so deutlich zeigte, dass er sagt: „Ich sah Gott von Angesicht zu Angesicht und meine Seele ist gerettet worden.“ Was hatte ihm denn Gott von der gegenwärtigen Gottheit gezeigt, dass er sagte, es sei ihm das Angesicht Gottes enthüllt worden? Es war ihm ja dem Anscheine nach nur ein Mensch erschienen, welchen er auch im Kampfe überwunden hatte. Aber Gott beabsichtigte sicherlich durch die vorausgehenden Anzeichen des Kommenden dieses, dass es niemanden geben solle, welcher nicht an den aus dem Menschen geborenen Gott glauben möchte, da schon der Patriarch Gott in menschlicher Gestalt gesehen hatte.
1: Ps 49:3 2: Gen 32:24
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