Cassian († 430/35) - Sieben Bücher über die Menschwerdung Christi (De incarnatione Domini contra Nestorium) Siebentes Buch
18. Wie jenes Wort des Apostels zu verstehen sei: „Er erschien im Fleische, wurde gerechtfertigt im Geiste“? 1 Tim 3: 16. Zuerst nun suchst du die von dir angeführte Stelle: „Dass er mit Gerechtigkeit erfüllt habe, was geschaffen ist,“ durch das apostolische Wort zu bekräftigen: ,,Er erschien im Fleische, wurde gerechtfertigt im Geiste.“ Beides aber sagst du in törichtem Sinne und wahnwitzigem Geiste; denn auch diese Meinung, dass du ihn vom hl. Geiste mit Gerechtigkeit willst erfüllt sein lassen, stellst du deswegen auf, weil du seine Leerheit zeigen möchtest, welcher dann nach deiner Behauptung die Erfüllung mit Gerechtigkeit gewährt worden wäre. Darin aber, dass du für diese Sache einen Ausspruch des Apostels anwendest, betrügst du, sowohl was die Reihenfolge als den Sinn des göttlichen Zeugnisses betrifft. Denn nicht so wurde es vom Apostel hingestellt, wie du es verstümmelt und verfälscht anführst. Oder was sagt der Apostel? „Und offenbar ist es ein großes Geheimnis der Gottseligkeit, welches erschienen ist im Fleische und gerechtfertigt wurde im Geiste.“ Siehst du also, dass der Apostel gelehrt hat, es sei das Geheimnis oder das Heiligtum der Gottseligkeit gerechtfertigt worden? Denn er war [S. 612] doch nicht so uneingedenk seiner Worte und seiner Lehren dass er gesagt hätte, jener habe der Gerechtigkeit bedurft, welchen er immer die Gerechtigkeit genannt hatte mit den Worten:1 „Der uns geworden ist Gerechtigkeit und Heiligung und Erlösung.“ Auch an einer andern Stelle sagt er: „Aber ihr seid abgewaschen, ihr seid gerechtfertigt, ihr seid geheiligt im Namen unseres Herrn Jesu Christi.“2 Wie ferne also lag es ihm doch, einer Erfüllung mit Gerechtigkeit zu bedürfen, da er selbst alles mit Gerechtigkeit erfüllte; und dass die Majestät desjenigen die Gerechtigkeit nicht sollte gehabt haben, dessen Namen schon alles rechtfertigt. Siehst du also, wie ungeschickt entweder deine Gotteslästerung ist, oder wie wahnsinnig, dass sie unserm Herrn das zu nehmen strebt, was von ihm sich stets auf alle Gläubigen so reichlich ausgießt, dass es sich in seinem beständigen Reichtum niemals vermindert.
1: 1 Kor 1:30 2: 1 Kor 6:11
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