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Cassian († 430/35) - Sieben Bücher über die Menschwerdung Christi (De incarnatione Domini contra Nestorium)
Drittes Buch

7. Nun lehrt er noch mit andern Zeugnissen des Apostels, daß Christus Gott sei.

Hier will ich nun, o Häretiker, daß du mir auseinandersetzest, ob Derjenige, von welchem der Apostel sagt, daß er in ihm rede, Mensch sei oder Gott. Wenn ein Mensch, wie konnte der Leib eines Andern in seinem Herzen reden? Wenn Gott, so ist ja Christus nicht Mensch, sondern Gott; denn da Christus in dem Apostel redete, nur Gott aber in ihm reden konnte, so hat eben der Gott Christus in ihm geredet. Du siehst also, daß sich hier Nichts weiter sagen läßt, und daß keine Trennung oder Theilung zwischen Christus und Gott geschehen könne, weil Gott ganz in Christus und Christus ganz in Gott ist. Hier darf keine Scheidung, keine Zerreissung angenommen werden; es gibt nur ein Bekenntniß, welches voll Einfalt, nur Eines, welches fromm, nur Eines, das gesund ist: anzubeten, zu lieben, zu verehren den Gott = Christus. Willst du aber noch vollständiger, noch umfassender wissen, daß zwischen Gott und Christus kein Unterschied sei, und daß ganz Ebenderselbe als Gott zu erkennen sei, den wir als Christus kennen: so höre, was der Apostel zu den Korinthern spricht:1 „Wir alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhle Christi, damit Jeglicher entgegennehme das dem Leibe Gebührende, so wie er geübt hat, sei es Gutes oder Böses.“ An einer andern Stelle aber sagt er in seinem Schreiben an die [S. 479] Römer:2 „Alle werden wir stehen vor dem Richterstuhle Gottes,3 denn es steht geschrieben:4 So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir wird sich beugen jedes Knie, und jede Zunge wird Gott bekennen.“ Du siehst also, daß der Richterstuhl Gottes und Christi einer und derselbe sein werde; erkenne also auch ohne zu zweifeln Christum als Gott: und wo du einmal siehst, daß die Wesenheit Gottes und Christi unzertrennlich seien, da erkenne auch, daß die Person untheilbar ist.5 Du müßtest nur etwa, weil der Apostel in dem einen Briefe sagt, daß wir vor dem Richterstuhle Christi erscheinen müssen, in dem andern vor dem Richterstuhle Gottes, zwei Tribunale annehmen und glauben, daß die Einen von Christus gerichtet werden, die Andern von Gott; aber derlei ist zu leichtsinnig und wahnwitzig und selbst für Irrsinnige zu unvernünftig. Erkenne also den Herrn Aller, erkenne den Gott des Weltalls, erkenne in dem Richterstuhle Christi den Richterstuhl Gottes! Liebe dein Leben, dein Heil, liebe Denjenigen, von welchem du geschaffen bist, fürchte Jenen, von welchem du gerichtet werden wirst. Denn du magst nun wollen oder nicht, du mußt dich doch zeigen vor dem Richterstuhle Christi. Da wirst du die gottlose Lästerung und den Singsang ungläubiger Worte, als ob du den Richterstuhl Gottes für einen andern haltest als den Christi, wohl unterlassen und wirst vor den Richterstuhl Christi kommen, um in einem ganz unaussprechlichen Beweise zu finden, daß Gottes und Christi Tribunal das gleiche seien, und daß in dem Sohne Gottes Christus die ganze Majestät und Macht sowohl Gottes des Sohnes als Gottes des Vaters sei. „Denn nicht der Vater richtet irgend Einen, sondern er hat alles Gericht dem [S. 480] Sohne übergeben, damit Alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren.“6 . . . . . ., „der da läugnet den Vater und den Sohn. Jeder, der den Sohn läugnet, hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater.“7 Lerne also, daß die Ehre des Vaters und des Sohnes untrennbar ist, untrennbar ihre Würde; und daß der Sohn nicht geehrt werden könne ohne den Vater, noch der Vater ohne den Sohn. Keiner aber vermag Gott und den Sohn Gottes zu ehren ausser in Christus, dem eingeborenen Sohne Gottes, weil er schlechterdings den Geist, Gott zu ehren, nicht haben kann ausser im Geiste Christi, da der Apostel sagt:8 Ihr aber seid nicht im Fleische sondern im Geiste, wenn anders Gottes Geist in euch wohnt. Wenn aber Jemand Christi Geist nicht hat, so gehört er auch nicht ihm an;“ und wieder:9 „Wer wird Anklage erheben gegen die Auserwählten Gottes? Gott ist es, welcher rechtfertigt; wer ist nun, der verdammen sollte? Christus Jesus, der gestorben ist, ja der auch auferstanden ist.“ Du siehst also nun, selbst wenn du nicht willst, daß durchaus kein Unterschied sei zwischen dem Geiste Gottes und dem Geiste Christi, zwischen dem Gerichte Gottes und dem Gerichte Christi. Wähle nun, denn Eins von Beiden muß geschehen — ob du lieber durch den Glauben einsehen willst, daß Christus Gott sei, oder ob du den Gott in Christus durch die Verdammung erkennen willst!

1: II. Kor. 5, 10.
2: Röm. 14, 10. 11.
3: Im hl. Texte steht hier Christi, nicht Gottes.
4: Is. 45, 23.
5: Cassian sagt beide Male inseperabilis, aber es ist klar, daß es jedesmal anders zu verstehen ist. Die Person ist numerisch eine, die Wesenheit doppelt, aber unzertrennlich geeint.
6: Joh. 5, 22. 23.
7: I. Joh. 2, 22. Es ist nicht ersichtlich, warum Cassian den Anfang des Satzes nicht aufgenommen hat: „Der ist der Widerchrist, der da“ etc. So hat der erste Halbstz keine Bedeutung.
8: Röm. 8, 9.
9: Röm. 8, 33.

 

 

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Einleitung zu den sieben Büchern über die Menschwerdung Christi
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger