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Cassian († 430/35) - Sieben Bücher über die Menschwerdung Christi (De incarnatione Domini contra Nestorium)
Drittes Buch

6. Aus der Erscheinung Christi, welche dem Apostel bei seiner Verfolgung der Kirche zu Theil wurde, beweist er nun, daß beide Naturen in ihm gewesen seien.

So sagt denn auch der Apostel in seiner Rede vor dem König Agrippa und den übrigen Richtern dieser Welt, wie folgt:1 „Als ich mit Vollmacht und Erlaubniß des Hohenpriesters nach Damaskus ging, da sah ich, o König, mitten am Tage auf der Straße vom Himmel her mich und Alle, die bei mir waren, ein Licht umleuchten, heller als der Glanz der Sonne. Und als wir alle zur Erde gestürzt waren, hörte ich eine Stimme, welche zu mir in hebräischer Sprache sagte: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Hart ist es dir, wider den Stachel auszuschlagen.“ Ich aber sprach: „Wer bist du Herr?“ Und der Herr sagte zu mir: „Ich bin Jesus von Nazareth, den du verfolgst.“ Siehst du nun, daß der Apostel mit Recht sagte, er kenne Den nicht mehr dem Fleische nach, welchen er in einem solchen Glanze der Majestät gesehen hatte? Denn als er jenen Glanz des göttlichen Lichtes, den er nicht ertragen konnte, bei seinem Niederstürzen gesehen hatte, da folgte diese Anrede: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Auf seine Frage, wer es sei, antwortet dann der Herr mit deutlicher Bezeichnung seiner Person also: „Ich bin Jesus von Nazareth, den du verfolgst.“ Nun sage ich, o Häretiker, [S. 476] und frage dich und fordere dich auf: Glaubst du dem Apostel über sich selbst, oder glaubst du ihm nicht? Und wenn dir das zu wenig scheint, glaubst du dem Herrn über sich, oder glaubst du ihm nicht? Wenn du glaubst, so ist die Frage bereinigt; denn du mußt glauben, was wir glauben. Wir aber kennen nach dem Apostel, wenn wir Christum auch dem Fleische nach kannten, ihn nun nicht mehr. Wir thun Christo keine Schmähungen an, wir trennen nicht das Menschliche von dem Gotte und glauben, daß Alles, was Christus ist, in Gott ist. Wenn du also Dasselbe glaubst wie wir, so mußt du auch dieselben Glaubensgeheimnisse zugestehen. Wenn du aber von uns abweichst, wenn du weder den Kirchen noch dem Apostel, ja nicht einmal dem von sich redenden Gotte glaubst, so zeige uns, was in dem Gesichte des Apostels Mensch und was Gott sei. Ich vermag nemlich hier nicht zu unterscheiden. Ich sehe ein unausprechliches Licht, sehe eine unerklärliche Helle, einen für die menschliche Gebrechlichkeit unerträglichen Glanz und eine unfaßbare Majestät, die über Alles hinausgeht, was menschliche Augen ertragen können, und im Lichte Gottes leuchtet. Wo ist hier die Trennung, wo die Unterscheidung? In der Stimme hören wir Jesus, in der Majestät sehen wir Gott; wie geht es also anders, als daß wir glauben, in einer und derselben Person sei Gott und Jesus? Ich will aber gerade über diesen Punkt noch Etwas mit dir reden. Sage mir, ich bitte dich, wenn dir bei Verfolgung des katholischen Glaubens Das erscheinen würde, was damals dem noch unwissenden Apostel erschien; wenn dich wider dein Vermuthen, mitten in deiner Sorglosigkeit jener Glanz umgeben würde, wenn dich das Leuchten eines unendlichen Lichtes treffen, erschrecken, niederschmettern würde und du nun daliegen würdest in der Finsterniß deiner Augen und deiner Irrthümer: wie würde dir dein zagender Geist die Angst ins Unermeßliche und Unaussprechliche vermehren! Sage mir, ich beschwöre dich: wenn dich der Schauer des nahenden Todes pressen und die Furcht vor der von oben herab drohenden Majestät bedrängen würde; wenn du in [S. 477] Geistesverwirrung noch jenes für deine Bosheit so passende Wort hörtest: „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“ — und dir dann auf deine Frage, wer Dieß sei, vom Himmel her geantwortet würde: „Ich bin Jesus von Nazareth, den du verfolgst“: was würdest du sagen? Etwa: Ich weiß es nicht, ich glaube es noch nicht ganz und will erst bei mir weiter überlegen, für wen ich dich halten solle, der du vom Himmel herab mit mir redest, der du mich mit dem Glanze deiner Gottheit bedeckst, dessen Stimme ich höre, und dessen Majestät ich nicht ertragen kann? Es bedarf erst einer Verhandlung über diese Sache, ob man dir glauben soll oder nicht; ob du Christus bist oder Gott; ob du Gott allein bist oder in Christus, ob du Christus allein bist oder in Gott. Ich will genau die Unterscheidung machen und erwägen, wofür man dich halten, wie man dich beurtheilen soll; denn ich will meine Leistungen nicht verschwenden, so daß ich dir Etwas von göttlicher Ehre erwiese, während ich dich als einen Menschen gering schätzen sollte. Wenn du also niedergeschmettert da lägest, wie damals der Apostel Paulus, wenn du, geblendet von dem Glanze des göttlichen Lichtes, den letzten Atemzug zu thun glaubtest: würdest du da etwa so reden und in solch müßiger, wortreicher Geschwätzigkeit nergeln? Und was thun wir? Etwas ganz Anderes, wie es damals dem Apostel gut schien. Als er nemlich zitternd und halbtodt zusammengebrochen war, da glaubte er nicht weiter Etwas verläugnen, nicht weiter Etwas überlegen zu müssen, und es war ihm hinreichend, durch unaussprechliche Erfahrung ermahnt, Den als Gott erkannt zu haben, welchen er vorher in seiner Unwissenheit für einen Menschen gehalten hatte. Er verläugnete nicht, er schob nicht auf, er verlängerte nicht den leider empfangenen Irrthum noch weiter durch ungläubiges Grübeln, sondern nachdem er den Namen seines Herrn Jesu vom Himmel gehört hatte, antwortete er mit unterwürfiger Rede wie ein Diener, mit zitternder wie ein Geschlagener, mit andächtiger wie ein Bekehrter: „Was soll ich thun, o Herr?“ So verdiente er aber auch durch seinen so bereitwilligen [S. 478] und ergebenen Glauben sogleich, daß er Denjenigen nicht für immer entbehren mußte, an welchen er treu geglaubt hatte, und daß Derjenige selbst in sein Herz kam, zu welchem er sich von Herzen gewendet hatte, wie ja der Apostel von sich selbst sagt:2 „Sucht ihr vielleicht eine Probe dessen, der in mir spricht, Christi?“

1: Apostelg. 26, 12 ff.
2: II. Kor. 13, 3.

 

 

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Einleitung zu den sieben Büchern über die Menschwerdung Christi
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger