Cassian († 430/35) - Sieben Bücher über die Menschwerdung Christi (De incarnatione Domini contra Nestorium) Erstes Buch
[S. 436] 1. Die Häresie wird mit der Schlange der Dichter verglichen. Es erzählen die Fabeln der Dichter, dass einer Schlange für abgeschnittene Köpfe mehrere wuchsen und sie durch ihren Verlust größer wurde, so dass in einem neuen und unerhörten Wunder diesem durch seinen Tod vermehrten Ungeheuer der Verlust zu einer Art des Gewinnes wurde, weil eben, was immer das Eisen des Schneidenden trennte, durch eine verschwenderische Fruchtbarkeit sich ganz wieder erzeugte, bis endlich Einer, der das angefangene Abschneiden mit heisser Mühe verfolgte, nachdem seine Kraft so oft in erfolgloser Arbeit vergeblich gewesen war, die Kriegerstärke mit kluger Geschicklichkeit ausrüstete. Er wandte, wie man erzählt, Feuer an, schnitt den vielfachen Nachwuchs des merkwürdigen Körpers mit glühendem Schwerte ab, und als er so durch Verbrennung des innersten Markes die unnachgiebigen Ouellen der schändlichen Fruchtbarkeit verbrannt [S. 437] hatte, da hörte endlich die ungeheuerliche Erzeugung auf. So haben nun die Häresien in den Kirchen eine Ähnlichkeit mit jener Schlange, welche die Poeten in ihren Dichtungen erfunden haben; denn auch sie zischen gegen uns mit tierischen Zungen, auch sie spritzen ein tödliches Gift aus, auch sie erzeugen sich nach abgeschnittenen Köpfen auf's Neue. Aber weil bei dem Wiederaufleben der Krankheit die Medizin nicht fehlen darf, so muss auch der Heilversuch um so eifriger sein, je schwerer die Krankheit ist; denn der Herr unser Gott ist mächtig genug, dass bei den wilden Tieren der Kirche die Wahrheit das tue, was heidnischer Wahn über den Tod jener Schlange erdichtet hat, und dass das feurige Schwert des hl. Geistes bei Vertilgung der neuen Häresie das Mark der verderblichen Zeugungskraft so vollständig versenge, dass endlich die verschwenderische Fruchtbarkeit durch die Vernichtung der QuelIen zu gebären aufhöre.
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