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Makarius, ps./ Symeon von Mesopotamien (4. Jhd.) - Fünfzig geistliche Homilien
50. Homilie.

4.

Wenn nun der Geist in solchem Maße schon in den Schatten ausgegossen ward, um wieviel mehr in den Neuen Bund, ins Kreuz, in die Ankunft Christi, wo die Geistausgießung in berauschender Fülle geschah! „Denn ich werde“, heißt es, „von meinem Geiste über alles Fleisch ausgießen“1. Das ist, was der Herr selbst gesagt: „Ich werde bei euch sein bis ans Ende der Welt“2. „Ein jeder, der sucht, findet“3. „Wenn ihr, obgleich [S. 353] ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset, um wieviel mehr wird euer himmlischer Vater den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten“4 und zwar, wie der Apostel sagt, „mit Kraft und großer Gewißheit“5. Solches nun erlangt man durch rechtes Maßhalten, viel Anstrengung und Mühe, Geduld und Liebe zu ihm, mittels Übung der Seelensinne durch Gutes und Böses, wie erwähnt, nämlich durch die Ränke und Anschläge und vielfältigen Angriffe und Nachstellungen der Bosheit, wie auch durch die verschiedenen Gnadengaben und mannigfachen Hilfeleistungen der Geisteskraft und Macht. Wer die Narbe der Bosheit kennt, die durch die Leidenschaften den „inneren Menschen“ befleckt, in sich aber nicht die Hilfe des Heiligen „Geistes der Wahrheit“6 merkt, der seiner Schwäche aufhilft und die Seele in „Herzensjubel“7 erneuert, der wandelt in Unentschiedenheit, er erkennt wahrlich nicht das vielfältige „Walten der Gnade und des Friedens Gottes“8. Dagegen täuscht und betrügt sich der, der vom Herrn Hilfe empfängt und in geistiger Freude und himmlischen Gnadengaben erfunden wird, wenn er glaubt, der Sünde nicht mehr unterworfen zu sein. Denn er erwägt nicht das subtile Wesen der Bosheit und bedenkt nicht, daß er erst zum Teil der Unmündigkeit entwachsen und zur Vollkommenheit in Christus gelangt ist. Durch den „Beistand“ des Heiligen und göttlichen „Geistes“9 aber wird zugleich der Glaube vermehrt und gefördert10 und jedwede Burg böser Gedanken allmählich vollständig niedergerissen11. Darum muß ein jeder von uns erforschen, ob er in „diesem irdenen Gefäße den Schatz“12 [S. 354] gefunden, ob er das Purpurgewand des Geistes angezogen, ob er den himmlischen König gesehen und in seiner nächsten Nähe geruht oder ob er sich noch in wildfremden Häusern herumtreibe. Denn die Seele besitzt viele Glieder und eine große Tiefe. Hat die Sünde in ihr Eingang gefunden, so nimmt sie alle ihre Glieder und alle Weideplätze des Herzens in Besitz. Trägt dann der Mensch ein [Gnaden] verlangen, so kommt die Gnade zu ihm und bemächtigt sich zweier Seelenglieder gleichmäßig. Der Unerfahrene, von der Gnade heimgesucht, meint nun, die Gnade sei gekommen und habe alle Seelenglieder in Besitz genommen und die Sünde sei mit der Wurzel ausgerissen. Allein der größte Teil ist noch von der Sünde beherrscht, nur ein Teil von der Gnade. Er wird getäuscht und merkt es nicht. Wir könnten darüber noch eingehendere Weisungen eurer aufrichtigen Liebe13 geben.

1: Joel 2, 28; Apg. 2, 17.
2: Matth. 28, 20.
3: Ebd. [Matth.] 7, 8; Luk. 11, 10.
4: Matth. 7, 11.
5: 1 Thess. 1, 5.
6: Joh. 14, 17; 15, 26; 16, 13; 1 Joh. 4, 6.
7: Ps. 118, 111 [Ps. 119, 111]; Ekkli. 31, 36 [=Ekklisiastikus = Sirach].
8: Eph. 3, 2; Röm. 1, 7; 1 Kor. 1, 3; 2 Kor. 1, 2; Gal. 1, 3; Eph. 1, 2; Phil. 1, 2; Kol. 1, 2; 1 Thess. 1, 1 nach dem griechischen Text; 2 Thess. 1, 2; 1 Tim. 1, 2; 2 Tim. 1, 2; Tit. 1, 4; Philem. 3; 1 Petr. 1, 2; Off. 1, 4.
9: Phil. 1, 19.
10: Vgl. ebd. [Phil.] 1, 12.
11: Vgl. 2 Kor. 10, 4.
12: 2 Kor. 4, 7.
13: ἡ διάθεσις τῆς ὑμετέρας εἰλικρινείας [hē diathesis tēs hymeteras eilikrineias], eine „echt byzantinische Höflichkeitsformel“, bemerkt Stiglmayr (Sachl. u. Sprachl. b. Mak. S. 8). Von dieser Titulatur „lassen sich die zwei einzelnen Bestandteile aus dem vierten Jahrh. immerhin belegen, aber die Zusammensetzung der beiden Abstracta διάθεσις [diathesis] und εἰλικρίνεια [eilikrineia] in eine kombinierte Formel dürfte schon nach der herkömmlichen Etikette für frühere Jahrhunderte unmöglich sein.“

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger