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Makarius, ps./ Symeon von Mesopotamien (4. Jhd.) - Fünfzig geistliche Homilien
46. Homilie.

3.

Es ist nicht so, wie einige1, durch falsche Lehren [S. 328] verführt, behaupten, der Mensch sei ganz und gar tot und vermöge durchaus nichts Gutes mehr zu tun. Das kleine Kind vermag nichts zu tun und kann nicht auf eigenen Füßen zur Mutter gehen. Gleichwohl aber wälzt es sich und schreit und weint im Verlangen nach der Mutter. Darüber erbarmt sich die Mutter und freut sich, daß das Kindlein mit Mühen und Schreien nach ihr verlangt. Mag auch das Kind unvermögend sein, zu ihr zu kommen, die Mutter geht wegen des heißen Verlangens des Kindes, von der Liebe zum Säugling gefesselt, selbst zu ihm hin und nimmt ihn auf die Arme und hegt ihn und nährt ihn in inniger Liebe2. So handelt auch der menschenfreundliche Gott mit der Seele, die zu ihm [S. 329] kommt und nach ihm verlangt. Aber mit einer viel größeren, ihm wesentlichen Liebe und mit der ihm eigenen Güte verbindet er sich mit ihrem Denken und wird mit ihr nach dem Worte des Apostels zu „einem Geiste“3. Denn verbindet sich die Seele mit dem Herrn, kommt der Herr aus Erbarmen und Liebe zu ihr und verbindet sich mit ihr, verbleiben ihre Gedanken unablässig in der Gnade des Herrn, so werden die Seele und der Herr zu einem Geiste und zu einer Mischung und zu einem Gedanken. Wohl muß ihr Leib noch auf Erden bleiben. Ihr Geist aber lebt ganz und gar im himmlischen Jerusalem, steigt hinauf „bis zum dritten Himmel“4, verbindet sich mit dem Herrn und dient ihm dort.

1: „Mak.“ bekämpft hier die Anhänger des sog. Augustinismus, jener Lehrrichtung, die im Kampfe gegen die Lehre des Pelagianismus, der Mensch könne mit seinen ungeschwächten natürlichen Kräften, ohne die Gnade, sein Heil wirken, behauptete, die gefallene Menschennatur sei für das eigentliche Heilswirken völlig unfähig, auch die allerersten Anfänge, die ersten Willenserregungen zur Bekehrung seien ein Werk „der zuvorkommenden Gnade.“ Bannerträger war hier der hl. Augustinus. „Mak.“ steht auf dem Standpunkt des Semipelagianismus, der lehrte, die Initiative im Heilswerke gehe von den natürlichen Kräften des Menschen aus. Als Hauptvertreter dieser Richtung gilt der Abt Johannes Kassianus. Siehe Stiglmayr, Sachl. u. Sprachl. b. Mak. S. 96 f.
2: Das nämliche Gleichnis treffen wir mit nur geringen Abweichungen bei Johannes Kassianus (Coll. 13, 14 Migne I. c. 938 f.). Er schreibt: „Eine liebevolle und besorgte Mutter trägt ihr Kind lange am Busen, bis sie es einmal gehen lehrt. Und dann läßt sie es zuerst kriechen, alsdann richtet sie es auf, damit es sich Mühe gebe, Schritte zu machen und stützt es mit kräftigem Arm. Bald läßt sie es ein wenig aus, ergreift es aber sogleich wieder, wenn sie es schwanken sieht und hält aufrecht das wankende. Ist es gefallen, so richtet sie es auf und hält es fest, daß es nicht wieder falle oder sie läßt es auch einen leichten Fall tun und hebt es nach dem Falle gleich wieder auf. Hat aber ihre Kraft es zum Knaben- und Jünglingsalter geführt, so legt sie ihm auch gewisse Lasten und Beschwerden auf, die jedoch keine Bedrückung, sondern Übung sein sollen und sie läßt es mit Rivalen kämpfen. Um wieviel mehr weiß jener himmlische Vater aller, wen er am Busen seiner Gnade tragen, wen er mittelst der Entscheidung seines freien Willens vor seinen Augen zur Tugend einüben solle, um wieviel mehr hilft er dem Bedrängten, erhört den Rufenden, verläßt den Suchenden nicht und entreißt auch zuweilen einen der Gefahr, ohne daß er es weiß.“ Siehe Stiglmayr in Theologie und Glaube a. a. O. S. 287.
3: 1 Kor. 6, 17.
4: 2 Kor. 12, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger