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Makarius, ps./ Symeon von Mesopotamien (4. Jhd.) - Fünfzig geistliche Homilien
5. Homilie.

6.

Wenn also die fleischlichen Menschen nach der Herrlichkeit des irdischen Königs so sehr verlangen, um wieviel mehr müssen die, in die jener Tropfen des göttlichen Lebensgeistes geträufelt ist, der ihr Herz mit göttlicher Liebe zum himmlischen König Christus verwundet hat, zu jener Schönheit, unaussprechlichen Herrlichkeit und unvergänglichen Pracht, zu dem unbegreiflichen Reichtum des wahren, ewigen Königs Christus sich hingezogen fühlen! Sehnsucht und Verlangen nach ihm hält sie gefesselt, da sie ganz und gar ihm [S. 46] angehören. Und wie müssen sie verlangen, jener unaussprechlichen Güter teilhaftig zu werden, die sie durch den Geist schauen, derentwegen sie alle Erdenschönheit, Pracht und Herrlichkeit, Ehren und Reichtum von Königen und Fürsten für nichts erachten! Denn sie sind von der göttlichen Schönheit verwundet, das Leben himmlischer Unsterblichkeit ist in ihre Seelen geträufelt. Deshalb sehnen sie sich auch nach jener Liebe des himmlischen Königs, haben in heißem Verlangen nur ihn vor Augen, durch ihn machen sie sich von aller Weltliebe los und entwinden sich jeder irdischen Fessel, damit sie immerfort nur mehr jenes Verlangen in ihren Herzen haben und mit ihm nichts anderes vermengen können.

Sehr wenige gibt es, die auf den guten Anfang ein gutes Ende folgen lassen, die bis zum Ende einen untadelhaften Wandel führen, ihre ganze Liebe einzig ihrem Gotte schenken und sich selbst von allem losschälen. Wohl ergreift viele heftige Zerknirschung, viele werden der himmlischen Gnade teilhaftig und von himmlischer Liebessehnsucht verwundet. Allein in den dazwischen kommenden Streiten, Kämpfen und Mühen und den verschiedenen Versuchungen des Bösen (des Teufels) halten sie nicht aus, sie lassen sich durch mannigfache und verschiedene weltliche Begierden abwendig machen. Ein jeder will eben noch etwas von dieser Welt lieben und die Liebe zu ihr nicht vollständig aufgeben. Sie verharren [in der Liebe zur Welt] und werden infolge der Unmännlichkeit, Schlaffheit und Feigheit ihres Willens oder wegen einer irdischen Liebe in die Tiefe der Welt versenkt. Denn die in Wahrheit einen guten Lebenswandel bis zum Ende führen wollen, dürfen keine andere Sehnsucht und andere Liebe zu jener himmlischen freiwillig hinzunehmen und mit ihr vermischen1, damit sie nicht im Geistigen gehindert werden, Rückschritte machen und schließlich des Lebens verlustig gehen. Denn wie die Verheißungen Gottes groß, unaussprechlich und unbeschreiblich sind, so bedarf es auch eines starken Glaubens und Hoffens, großer Mühen und Kämpfe und vielfacher Prüfung. Nicht [S. 47] gering sind ja die Güter, die der Mensch erhofft, der nach dem Himmelreiche trachtet. Mit Christus willst du in endlose Ewigkeit herrschen, und die Kämpfe, Mühen und Versuchungen dieser kurzen Lebenszeit willst du nicht bereitwillig bis zum Tode auf dich nehmen? Ruft doch der Herr aus: „Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst, nehme täglich mit Freude sein Kreuz auf sich und folge mir nach“2. Und wiederum: „Wenn jemand nicht Vater, Mutter, Weib, Kind, Brüder, Schwestern und außerdem auch noch sein eigenes Leben haßt, so kann er mein Jünger nicht sein“3. Die meisten Menschen wünschen zwar das Reich zu erlangen, sie wollen das ewige Leben erwerben, aber sie wollen nach ihren eigenen Willensneigungen leben, sie verschmähen es nicht, ihnen zu folgen, noch mehr aber dem, der Eitles sät. Ohne sich selbst zu verleugnen, wollen sie „das ewige Leben empfangen“4; allein das ist unmöglich.

Denn das Wort Gottes ist untrüglich. Nur die kommen ohne Fall durchs Leben, die nach dem Gebote des Herrn sich ganz und gar verleugnen, alle Gelüste der Welt, alle Bande, Überhebungen, Vergnügungen und hemmenden Beschäftigungen verabscheuen, nur ihn vor Augen haben und seine Gebote zu erfüllen trachten, so daß ein jeder vom festen Willen durchdrungen ist, das Reich Gottes in Wahrheit [in sich] aufzunehmen, sich selbst zu verleugnen, alles nur mit jener Liebe zu lieben, nicht an Freuden und Gelüsten dieser Welt sich zu ergötzen und die ganze Liebe dem Herrn zu weihen, soweit nur sein Wille sich hierzu entschließen kann. An einem einzigen Beispiele soll dir alles klar werden. Manchmal urteilt man richtig und sieht ein, daß das, was man tun will, nicht statthaft ist. Allein da man es liebt und sich nicht von ihm lossagt, unterliegt man ihm. Zuerst entbrennt innen im Herzen der Kampf, da ist das Ringen und das Gewicht und der Ausschlag und die Wage der Gottesliebe und der Weltliebe. Dann geht [S. 48] man weiter und erwägt, ob es zu Streit und Schlägerei gegen den Bruder kommen soll. Man spricht bei sich: Soll ich reden? Soll ich sprechen? Soll ich nicht sprechen? Man denkt zwar an Gott, aber man ist auch um seine eigene Ehre besorgt und verleugnet sich nicht. Allein wenn die Liebe zur Welt und ihr Gewicht auf der Wage des Herzens auch nur ein wenig abwärts zieht, so tritt das böse Wort sogleich bis zu den Lippen. Dann spannt der Geist gleichsam sein Geschoß und schießt von innen heraus mittels der Zunge auf den Nächsten und sendet mit freiem Willen die Pfeile unziemlicher Reden ab, während er auf seine eigene Ehre bedacht ist. Weiterhin drückt er meist durch Schmähreden solange Pfeile auf den Nächsten ab, bis die Sünde sich auch in die Glieder ergießt. Und da die Glieder des Leibes miteinander Krieg führen, so kommt es bisweilen zu Zusammenstößen und Verwundungen, ja manchmal zu Mord und Tod. So endet mit Mord das Verlangen des Bösen. Nun sieh, welchen Anfang und welches Ende die Liebe zur weltlichen Ehre genommen, da sie durch das Übergewicht der Herzenswage infolge eigenen Willens beschwert ward. Weil man sich nicht selbst verleugnet und etwas von der Welt geliebt hat, sind alle jene Untaten geschehen. So, glaube mir, entsteht jede Sünde und schlimme Tat: Die Bosheit schmeichelt und lenkt den Willen des Geistes zu weltlichen Begierden, zu Trug und Lust des Fleisches hin. Auf diese Weise kommt jedes Werk der Bosheit zustande, so Unzucht und Diebstahl, so Habsucht und Trunkenheit, so Geldgier und Ruhmsucht, so Neid und Herrschsucht, überhaupt jedes andere Bosheitswerk. Manchmal werden Werke verrichtet, die trefflich scheinen, weil die Menschen sie rühmen und loben, die aber in den Augen Gottes gleichbedeutend mit Ungerechtigkeit, Diebstahl und den anderen Sünden sind. Denn so heißt es: „Gott zerstreut die Gebeine derer, die den Menschen zu gefallen suchen“5. Darum will der Böse durch gutscheinende Werke gefallen. Denn er versteht sich auf mannigfachen Trug und Täuschung in den Gelüsten der Welt. [S. 49] Einer irdischen, fleischlichen Liebe wegen, deren Fesseln ein Mensch aus eigenem Willen trägt, wird er von der Bosheit geködert, sie wird ihm Kette, Fessel und schwere Last, die ihn in die Welt der Schlechtigkeit versenkt und erstickt, da sie ihm nicht gestattet, sich zu erheben und zu Gott zu kommen. Denn wenn jemand etwas von der Welt liebt, so drückt es seinen Geist nieder, hält ihn fest und läßt ihn nicht mehr aufkommen. An diesem Gewichte und diesem Ausschlagsmoment und diesem Wagebalken der Bosheit hängt ja und wird geprüft das ganze Geschlecht der Menschen d. h. der Christen6, mögen sie in Städten oder auf Bergen, in Zellen oder auf dem Lande oder an einsamem Orte wohnen. Von seinem eigenen Willen verleitet, liebt der Mensch etwas, und wo immer seine Liebe gefesselt ist, da glüht sie nicht mehr ganz für Gott. Da liebt einer z. B. Besitztum, ein anderer Gold und Silber, ein anderer weltliche Redeweisheit des menschlichen Ruhmes wegen, ein anderer liebt Herrschermacht, ein anderer Ruhm und Ehrenbezeigungen von seiten der Menschen, ein anderer Zorn und unversöhnlichen Groll. Denn weil man sich schnell der Leidenschaft hingibt, liebt man sie. Der eine liebt unschickliche Gespräche, ein anderer Neid, ein anderer lebt den ganzen Tag in Hoffart und Vergnügen, ein anderer gibt sich in müßigen Berechnungen Täuschungen hin, ein anderer liebt es, Menschenruhmes wegen als Rechtslehrer zu gelten, ein anderer hat seine Freude an einem weichlichen, sorgenlosen Dasein, einem anderen haben es Kleider und Fetzen angetan, ein anderer ergibt sich irdischen Sorgen, ein anderer liebt Schlaf und Scherz oder schmutzige Reden. Kurz, mag man eine kleine oder große Weltfessel tragen, man wird darin festgehalten und kann sich nicht [S. 50] erheben. Denn jeder liebt die Leidenschaft, gegen die er nicht wacker kämpft. Diese beherrscht und belastet ihn, sie wird ihm zum Hemmschuh und zu einer Kette. Darum kann er seinen Geist nicht zu Gott erheben und ihm gefallen, nicht ihm allein dienen, dem Reiche nützen und ewiges Leben erlangen. Denn eine Seele, die wahrhaft dem Herrn zueilt, richtet ihre ganze und volle Liebe auf ihn, an ihn allein bindet sie sich aus freien Stücken, so gut sie kann, erlangt von ihm die Gnadenhilfe, verleugnet sich selbst und folgt nicht dem Willen ihres Geistes; denn dieser geht trügerisch mit uns um, da in uns das Böse wohnt und uns berückt; vielmehr überläßt sie sich vollständig dem Worte des Herrn, macht sich, soweit ihr Wille es vermag, von jeder sichtbaren Fessel los und übergibt sich ohne jeden Vorbehalt dem Herrn. So wird es ihr möglich werden, durch die Kämpfe, Mühen und Drangsale mit Leichtigkeit hindurchzukommen. Denn von dort, wo ein Mensch Liebe erfährt, kommt ihm Hilfe und von dort Belastung. Liebt er etwas von der Welt, so wird gerade dieses ihm zur Last und zu Fesseln, die nach unten ziehen und ihn nicht nach oben zu Gott kommen lassen. Liebt er aber den Herrn und seine Gebote, so empfängt er von ihm Hilfe und Erleichterung, leicht werden ihm alle Gebote des Herrn, wenn er seine Liebe zu ihm unversehrt bewahrt, ihre Last zieht zum Guten, noch mehr, sie machen leicht und erträglich jeglichen Kampf und jede Trübsal, durch die göttliche Kraft zerschlägt er die Welt und die Mächte der Bosheit, die seiner Seele Fallstricke legen und sie mit den Schlingen mannigfacher Begierden im Abgrunde der Welt fesseln. So wird er aus ihnen durch seinen Glauben, große Anstrengung und durch die Hilfe von oben, wohin seine Liebe gezielt, befreit und des ewigen Reiches gewürdigt, das er mit freiem Willen in Wahrheit geliebt, mit der Hilfe des Herrn geht er des ewigen Lebens nicht verlustig. Wir wollen nun an sichtbaren Dingen zeigen, wie viele durch eigenen Willen zugrunde gehen, ins Meer versenkt und in Gefangenschaft geschleppt werden. Setzen wir den Fall, ein Haus wird vom Feuer ergriffen. Wer sich nun retten will, der flieht, sobald er den Brand bemerkt, nackt davon, läßt [S. 51] alles zurück und ist entschlossen, nur für sein Leben zu sorgen. Ein anderer aber will noch einige Hausgeräte oder andere Dinge retten und geht ins Haus hinein, um sie fortzutragen; und wie er sie nimmt, bemächtigt sich das Feuer des ganzen Hauses, erfaßt ihn darin und verbrennt ihn. Siehst du, wie er durch eigenen Willen infolge der Liebe, die er eine Zeitlang zu gewissen Dingen in sich trug, im Feuer zugrunde ging? Das gleiche wiederholt sich, wenn Leute auf dem Meere in einen Wogensturm geraten und Schiffbruch leiden. Wer seine Kleider auszieht und sich nackt ins Wasser stürzt, nur um sich selbst zu retten, der wird in diesem Zustande von den Wellen gehoben, schwimmt auf ihnen dahin, da ihn nichts hemmt, und er kann das bittere Meer durchmessen. So rettet er sein Leben. Ein anderer aber will noch etwas von seinem Gewande retten; er meint, er könne samt dem, was er mitträgt, schwimmen und durchkommen. Aber gerade das, was er mitgenommen, belastet ihn und versenkt ihn in die Meerestiefe. Eines geringen Gewinnes wegen geht er zugrunde, er kann nicht einmal sein Leben retten. Siehst du, wie er durch seinen eigenen Willen den Tod fand? Denke Dir ferner, es gehe das Gerücht von einem feindlichen Überfall. Da ergreift der eine, sobald er davon hört, sogleich die Flucht, er wirft kein Gewand um, sondern flieht nackt davon. Ein anderer aber glaubt nicht, daß die Feinde heranrücken, oder er will noch etwas von seinem Eigentum retten; und da er es mit sich nehmen will, verzögert er seine Flucht. Die Feinde stürmen heran, ergreifen ihn, führen ihn gefangen in Feindesland und zwingen ihn daselbst zu Sklavendienst. Siehst du, wie er durch seinen eigenen Willen infolge seiner Saumseligkeit, Feigheit und Liebe zum Eigentum in die Gefangenschaft geschleppt wurde? Ebenso werden auch die, welche die Gebote des Herrn nicht befolgen, sich nicht selbst verleugnen und den Herrn allein lieben, sondern sich freiwillig von irdischen Banden fesseln lassen, beim Ausbruch des ewigen Feuers gleichsam als Gefangene der Tugenden d. h., um es richtiger auszudrücken, als in der Weltliebe Gefangene erscheinen. Darum werden sie in den Abgrund gestürzt werden; sie werden vom bitteren [S. 52] Meere der Bosheit verschlungen und von den Feinden d. h. den Geistern der Bosheit in die Gefangenschaft geschleppt und gehen so zugrunde.

Willst du die gerade, vollkommene Liebe zum Herrn aus den heiligen, „von Gott eingegebenen Schriften7 kennen lernen, so schau hin auf Job, wie er sozusagen alles auszog, was er besaß: Kinder, Besitztümer, Sklaven und die übrige Habe, wie er [von allem] entblößt floh und sich rettete, selbst sein Gewand zurückließ und es dem Satan hinwarf, weder mit dem Munde noch im Herzen noch mit den Lippen ein Wort der Lästerung vor dem Angesichte des Herrn ausstieß, sondern im Gegenteil den Herrn pries, indem er sprach: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gefallen, so ist es geschehen; der Name des Herrn sei gepriesen8. Zwar schien er vieles zu besitzen; als er aber vom Herrn geprüft wurde, da zeigte es sich, daß er nichts besaß als Gott allein. Ebenso hat Abraham, als der Herr ihm befahl, sein Land, seine Verwandtschaft, sein Vaterhaus zu verlassen, augenblicklich sozusagen alles ausgezogen: Vaterhaus, Heimatland, Verwandte und Eltern, und dem Worte des Herrn gehorcht9. In der Folge kamen zahlreiche Prüfungen und Versuchungen über ihn. Man nahm ihm sein Weib weg10, er mußte in der Fremde weilen und Unrecht erdulden; doch durch all das hat er gezeigt, daß er Gott allein über alles liebte. Als er später nach vielen Jahren auf Grund der Verheißung11 den heißersehnten einzigen Sohn bekam12 und nun in eigener Person diesen bereitwillig zum Opfer bringen sollte13, da hat er in Wahrheit sich selbst ausgezogen (= entäußert) und verleugnet. Ja, durch die Opferung seines eingeborenen Sohnes hat er bewiesen, daß er außer Gott nichts anderes liebte. Denn wenn er bereitwillig jenen [S. 53] auszog (= hingab), um wieviel mehr hätte er, wäre ihm befohlen worden, allen übrigen Besitz zu verlassen oder auf einmal unter die Armen zu verteilen, dieses bereitwillig und gerne getan. Siehst du da die gerade, vollkommene, freiwillige Liebe zum Herrn? So dürfen auch die, welche Miterben mit diesen (= mit Job und Abraham) werden wollen, außer Gott nichts lieben, auf daß sie sich in den Prüfungen tüchtig und bewährt zeigen und ihre Liebe zum Herrn vollkommen bewahren. Nur solche, die aus freiem Willen Gott allein immerdar lieben und sich von jeglicher Weltliebe losschälen, werden den Kampf bis ans Ende bestehen können. Freilich, nur sehr wenige finden sich, die es zu einer solchen Liebe bringen, sich von allen Freuden und Gelüsten der Welt abkehren und gelassen die Ankämpfungen und Versuchungen des Bösen (= des Teufels) aushalten. Viele setzen über Flüsse und werden von den Wassern fortgerissen. Allein gibt es deshalb nicht auch solche, die über die schlammigen Flüsse der verschiedenartigen Weltgelüste und mannigfachen Versuchungen der bösen Geister schreiten? Viele Schiffe werden auf dem Meere von den Wogen bedeckt und verschlungen. Gibt es darum nicht auch solche, die hinüberkommen, über die Wogen dahinfahren und im Hafen des Friedens landen? Darum kostet es stets starken Glauben, Ausdauer, Kampf, Geduld, Mühen, Hunger und Durst nach dem Guten, Scharfsinn, Unerschrockenheit, Urteilskraft und Verstand. Die meisten Menschen wollen nämlich ohne Mühen, Kämpfe und Schweiß das Reich erlangen; allein das ist unmöglich. In der Welt gehen manche Männer zu einem Reichen, um bei der Ernte oder bei einer anderen Arbeit zu helfen, damit sie sich den nötigen Lebensunterhalt verschaffen. Unter ihnen aber sind einige träg und faul, mühen sich nicht sonderlich ab und leisten keine entsprechende Arbeit. Obgleich diese sich nicht abgemüht und durch ihre Arbeit dem Hause des Reichen nicht genützt haben, wollen sie doch den gleichen Lohn erhalten wie jene, die wacker, rasch, mit ihrer ganzen Kraft gearbeitet haben, gleich als hätten sie schon ihre Arbeit getan. Wenn wir in den heiligen Schriften lesen, wie dieser oder jener Gerechte Gott gefallen, ein Freund [S. 54] und Hausgenosse Gottes geworden ist, wie alle Väter Freunde und Erben Gottes geworden, wie viele Drangsale sie ausgestanden, wie viele Leiden sie um Gottes willen erduldet, welch wackere Taten sie vollbracht, welch tapfere Kämpfe sie ausgefochten, so preisen wir sie, wünschen der gleichen Belohnungen und Ehren teilhaftig zu werden und tragen glühendes Verlangen nach jenen herrlichen Gnadengaben; allein an ihren Mühen, Kämpfen, Drangsalen und Leiden gehen wir vorüber. Ihre Ehren und Würden, die sie von Gott erlangt, wollen wir freudig in Empfang nehmen, aber ihre Mühseligkeiten, Beschwerden und Kämpfe nehmen wir nicht auf uns. Ich sage dir aber: Dieses begehrt und wünscht jeder Mensch, auch Huren, Zöllner und Ungerechte möchten leichthin, ohne Mühen und Kämpfe das Reich erlangen. Allein eben deshalb liegen Versuchungen, viele Prüfungen, Drangsale, Kämpfe und Schweißtropfen dazwischen, damit man sieht, wer in Wahrheit bis zum Tode mit seinem ganzen Willen und seiner ganzen Kraft den Herrn liebt und neben dieser Liebe zu ihm keine andere Sehnsucht im Herzen trägt. Deshalb gehen mit Recht nur die ins Himmelreich ein, die nach dem Ausspruche des Herrn sich selbst verleugnet und aus freier Wahl den Herrn allein geliebt haben. Darum werden auch die höchsten Himmelsgaben der Lohn für diese ihre höchste Liebe sein. Denn in die Trübsale und die Leiden, in Geduld und Glauben sind die Verheißungen, die Herrlichkeit und Wiedererlangung der himmlischen Güter eingehüllt wie die Frucht im Samenkorn, das man auf den Acker streut oder im Baume, der von Fäulnis bedeckt ist und durch Schmutz hindurchwächst. Einst aber wird es an den Tag kommen, daß diese das schöne, herrliche Gewand und die vielfältige Frucht besitzen, wie auch der Apostel sagt: „Durch viele Trübsale werden wir ins Himmelreich eingehen14. Und der Herr spricht: „In eurer Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen“15. Und wiederum: „In der Welt werdet ihr Bedrängnis haben“16. Denn Mühe kostet es, Eifer, [S. 55] Nüchternheit, große Aufmerksamkeit, Scharfsinn und unaufhörliches Flehen zum Herrn, um den irdischen Gelüsten, den Schlingen und Netzen der Vergnügungen und den Stürmen der Welt entgehen und den Ankämpfungen der bösen Geister entkommen und richtig erkennen zu können, mit welch nüchternem, lebendigem Glauben und Liebe die Heiligen den himmlischen Schatz d. i. die Kraft des Geistes in ihren Seelen hienieden erwarben. Darin besteht ja das Unterpfand des Reiches. Der selige Apostel Paulus spricht sich über diesen himmlischen Schatz d. i. die Gnade des Geistes aus, er kündet das Übermaß der Trübsale an, zeigt aber auch zugleich, was ein jeder hier suchen muß. Und was er erlangen soll, das spricht er in den Worten aus: „Denn wir wissen, daß, wenn unsere irdische Hütte abgebrochen wird, wir einen Bau von Gott empfangen, ein nicht mit Menschenhänden gemachtes, ewiges Haus im Himmel“17.

1: Siehe h. 4, 9 1.
2: Matth. 16, 24.
3: Luk. 14, 26.
4: Matth. 19, 29; Mark. 10, 17; Luk. 10, 25; 18, 18.
5: Ps. 52, 6 [hebr. Ps. 53, 6].
6: Wie Stiglmayr (Sachliches und Sprachliches b. Mak. S. 29; Theologie und Glaube III (1911) 286) gefunden, verwertet dieses Gleichnis von der Wage, das „Mak.“ zur Genüge ausgeschlachtet, ganz kurz Basilius (Epp. class. I 42 Migne, P. G. XXXII 353 C), ebenso der Abt Johannes Kassianus (Coll. I 21 ed. Petschenig II 33; coll. 4, 12 Petschenig II 107). Hoch („Lehre des Joh. Cassianus über Natur und Gnade“ S. 62), verweist auch auf Julian und Augustinus. Stiglmayr a. a. O. S. 292.
7: 2 Tim. 3, 16.
8: [Job] 1, 21.
9: Gen. 12, 1 ff.
10: Ebd. [Gen.] 12, 15; 20, 2.
11: Ebd. [Gen.] 15, 4; 17, 16. 19; 18, 10.
12: Ebd. [Gen.] 21, 2.
13: Ebd. [Gen.] 22, 2 ff.
14: Apg. 14, 21.
15: Luk. 21, 19.
16: Joh. 16, 33.
17: 2 Kor. 5, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger