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Leo der Grosse († 461) - Sämtliche Sermonen (Sermones)
Sermo XXXIX-L: Zwölf Predigten auf Quadragesima.

Sermo XLVII. 9. Predigt auf die vierzigtägige Fastenzeit.

1.

Geliebteste! Unter allen christlichen Festen nimmt die Feier des Ostergeheimnisses dessen sind wir uns wohl bewußt eine hervorragende Stellung ein. Dieses in würdiger und entsprechender Weise zu begehen, darauf bereiten uns die Einrichtungen des ganzen Jahres vor. Ganz besonders aber machen uns die nunmehr angebrochenen Tage einen gottgefälligen Wandel zur Pflicht, die, wie wir wissen, jenem hoch erhabenen Geheimnisse der göttlichen Barmherzigkeit unmittelbar vorausgehen. An diesen wurde mit Recht von den ehrwürdigen Aposteln auf die Unterweisung des Heiligen Geistes hin ein größeres Fasten angesetzt. Dadurch sollen alle das Kreuz Christi auf sich nehmen, und auch wir etwas von dem tun, was er für uns getan hat! In diesem Sinne sagt der Apostel: "Wenn wir mit ihm leiden, werden wir auch mit ihm verherrlicht werden"1 . Mit Sicherheit und Zuversicht darf man dort auf die verheißene Glückseligkeit hoffen, wo man am Leiden des Herrn Anteil nimmt. Gibt es doch niemand, Geliebteste, dem durch die Zeitverhältnisse die Erreichung dieses herrlichen Zieles versagt bliebe, gleich als ob uns Ruhe und Frieden keine Gelegenheit gäben, die Tugend zu üben. Ruft uns ja der Apostel die belehrenden Worte zu: "Alle, welche gottselig in Christus leben wollen, werden Verfolgung leiden"2 . Darum fehlt auch nie die Trübsal der Verfolgung, wenn man es nie an der Beobachtung eines frommen Wandels fehlen läßt. Der Herr selbst sagt in seinen Ermahnungen: "Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert"3 . Dieser Ausspruch nimmt zweifellos nicht allein auf die Jünger Christi Bezug, sondern auch auf alle Gläubigen und die ganze Kirche. In den Aposteln, die4 um ihn sind, vernahm die Kirche im allgemeinen, was ihr frommt. Wie also für jede Zeit die Forderung gilt, ein gottesfürchtiges Leben zu führen, so gilt auch für jede Zeit die Forderung, das Kreuz zu tragen. Berechtigt aber ist es, bei jedem von " seinem" Kreuze zu sprechen, da bei jedem die Art und Schwere des Kreuzes, das er zu ertragen hat, eine besondere ist. Gemeinschaftlich ist der Begriff Verfolgung, verschieden aber die Ursache der Bedrängnis. Gefährlicher als der offene Feind ist zumeist jener, der uns im verborgenen nachstellt. Durch den Wechsel der Güter und Übel dieser Welt belehrt, sprach der fromme Job die gottergebenen und wahren Worte: "Ist nicht des Menschen Leben auf Erden eine Versuchung?"5 . Nicht allein körperlichen Qualen und Martern sieht sich die gläubige Seele ausgesetzt; nein, selbst wenn die Glieder ihres Leibes heil und unversehrt bleiben, wird sie doch von einer schweren Krankheit heimgesucht, wenn sie sich durch sinnliche Lust in Weichlichkeit verstricken läßt.

Da aber "das Fleisch wider den Geist gelüstet und den Geist wider das Fleisch"6 , so nimmt sich eine verständige Seele des Kreuz Christi als Schutzwaffe. Und wenn schädliche Begier sie reizt, so gibt sie sich nicht gefangen, weil sie sich kreuzigt mit den Nägeln der Enthaltsamkeit und sich durchdringen läßt von der Furcht des Herrn. So haben denn die im Guten Beharrenden auf Anstiften des Satans ihre Feinde in den Andersgesinnten. Leicht lassen sich die zum Hasse fortreißen, deren schlechte Sitten durch einen Vergleich mit jenen der Rechtschaffenen noch verabscheuungswürdiger erscheinen. Die Ungerechtigkeit hält keinen Frieden mit der Gerechtigkeit, und die Mäßigkeit erfährt den Groll der Trunkenheit. Keinerlei Einvernehmen besteht zwischen Lüge und Wahrheit. Der Hochmütige liebt nicht den Demütigen, der Schamlose nicht den Schamhaften und der Geizige nicht den Freigebigen. Aus dieser Gegensätzlichkeit entspringen solch hartnäckige Kämpfe, daß sich dadurch die Frommen in ihrem Innern unaufhörlich beunruhigt fühlen, selbst wenn nach außen hin die Ruhe ungestört bleiben sollte. Darum ist es auch wahr, daß die, "welche gottselig in Christus leben wollen, Verfolgung leiden werden", ist es auch wahr, "daß unser ganzes Leben eine Versuchung ist". Durch eigene Erfahrungen belehrt, wappne sich jeder Gläubige mit dem Kreuze Christi, damit er Christi würdig gehalten wird!

1: Röm 8,17
2: 2 Tim 3,12; vgl.Mt 10,22: Joh 15,19; 1 Thess 3,3
3: Mt 10,38; 16,24; Mk 8,34; Lk 14,27
4: gerade
5: Job 7,1.LXX
6: Gal 5,17

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger