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Leo der Grosse († 461) - Sämtliche Sermonen (Sermones)
Sermo XXXIX-L: Zwölf Predigten auf Quadragesima.
Sermo XLIII. 5. Predigt auf die vierzigtägige Fastenzeit.

2.

Mag auch einer die Grenze zwischen Gutem und Bösen in den feinsten Unterschieden zu wahren wissen, so ist doch selbst bei der Behauptung der Tugenden das Maß so schwankend und die Unterscheidung so unsicher, daß sich sogar jener, der sich eines redlichen Lebenswandels vollkommen bewußt ist, nur schwer vor der spitzen Zunge seiner Verleumder hüten kann und auch ein Freund der Gerechtigkeit nur schwer dem Tadel Übelgesinnter entrinnt. Und richtet erst der Mensch seine Gedanken auf die mannigfachen Erscheinungen in dieser Welt, wieviel Unbegreifliches drängt sich ihm da nicht auf, wie viele aus verkehrten Ansichten entspringende Irrtümer treten ihm da nicht entgegen, so daß ihm gerade die Widersprüche, die er findet, Anlaß zur Klage geben! Keiner der Gläubigen zweifelt daran, daß Gottes Vorsehung alle Teile dieser Welt und alle Zeiten umspannt und daß nicht von dem Einfluß der Gestirne einen solchen gibt es ja nicht der Erfolg unserer Unternehmungen auf Erden abhängt. Sie wissen vielmehr, daß der höchste König alles nach seinem so gerechten und gütigen Willen leitet; denn nach dem Worte der Schrift "sind alle Wege des Herrn Barmherzigkeit und Wahrheit"1 . Dennoch liegt es nur allzu nahe und kommt es nur allzu häufig vor, daß selbst große Seelen wankend werden und sich zu irgendeiner murrenden Äußerung ihrer Unzufriedenheit hinreißen lassen, wenn etwas nicht so ausfällt, wie wir es wünschen, wenn infolge des dem Irrtum unterworfenen menschlichen Urteils gar oft die Sache des Gottlosen über die des Gerechten triumphiert. Bekennt doch sogar ein so trefflicher Mann wie der Prophet David, daß sein Inneres durch solch verschiedenartige Beobachtungen in gefährlicher Weise beunruhigt worden sei. So sagt er: "Meine Füße aber wären bald gestrauchelt und meine Schritte wären bald ausgeglitten; denn ich ereiferte mich gegen die Sünder, da ich den Frieden der Sünder sah"2 . Weil nun wenigen ein so unerschütterlicher und starker Geist eigen ist, daß sie sich nicht durch derartige Widersprüche irgendwie verwirren lassen, und weil vielen Gläubigen nicht nur das Unglück, sondern sogar das Glück verderblich wird, so muß man voll Eifer an die Heilung dieser Wunden gehen, die dem hinfälligen Menschen geschlagen werden. Darum habe ich auch einige von den Gefahren, an denen die Welt so reich ist, in Kürze angeführt, damit alle erkennen, daß ihnen Verzeihung der Sünden und ein Mittel zur Genesung vonnöten ist. Heißt es doch in der Schrift: "Wer kann sich rühmen, daß er ein keusches Herz habe oder rein von Sünden sei?"3

1: Ps 24,10
2: Ps 72,2f.
3: Spr 20.9 LXX;vgl. 3 Kön 8,46; 2 Chron 6,36; Ekkle 7,21; 1 Joh 1,8

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger