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Ambrosius von Mailand (340-397) - Die Flucht vor der Welt (De fuga saeculi)

6. Wie schnell man fliehen und zu welchen Gütern man sich erheben müsse.

32. Wer aber flieht, der möge seine Flucht beschleunigen, [S. 455] damit er nicht ergriffen werde: er beraube schnell diese Welt, wie einst die Juden Ägypten beraubten. Er hüte sich, daß er sein Herz belastet habe mit Ungerechtigkeit, damit er nicht durch sie gehindert werde; er möge sorgen, daß seine Seele gekräftigt und herangewachsen sei in Christo Jesu. Die Flucht soll nicht in der Sabbathruhe, sondern in vollem Eifer geschehen; auch nicht in winterlicher Kälte, sondern beladen mit der Frucht einer reichen Ernte. Darum hat der Herr ja gerade gesagt: „Betet, daß eure Flucht nicht am Sabbathe und nicht im Winter geschehe.“ Stattfinden soll diese Flucht mit einem Schatze von Tugenden, nicht aber im Zustande des Mangels an Verdiensten, nicht im Zustande geistiger Schwäche. Dann kennt sie Nichts von der Kälte der Furcht, weiß Nichts von den Schrecken des Todes. Nichts von der Beklommenheit einsamen Wandelns; unbekannt bleibt ihr müßige Zerstreutheit und müde Trägheit, wie üppige Feier ausgelassener Freude; sie sucht den unverdrossenen Wanderer zum himmlischen Leben, den entschlossenen Bewerber um das erhabene Reich Gottes, den reichen Besitzer, der seine Früchte sich erzwingt und im Zwange sich ihrer bemächtigt.

33. Was wird denn nun, du Menschenkind, Anderes von dir verlangt, als daß du den Herrn fürchtest, ihn suchest, daß du ihm nachfolgest und seine Fußtapfen inne hältst? Würde darauf gefragt: Wodurch soll ich ihn denn gewinnen? etwa durch zahlreiche Brandopfer? — so müßte die Antwort lauten: Nicht in Tausenden von Widdern und Stieren wird der Herr versöhnt, werden die Sünden vergeben; sondern in heiligem Leben wird die Huld und Gnade Gottes erworben. Es ist dir, o Mensch, ja ganz klar verkündet, was gut ist und heilig, und was der Herr von dir verlangt. Was Anderes wäre Das, als daß du Gerechtigkeit übest und Barmherzigkeit liebest und bereit bist, mit dem Herrn, deinem Gotte, zu wandeln? Das Evangelium sagt dir: „Stehet auf, lasset uns von hinnen gehen!“ Das Gesetz sagt: „Du sollst dem Herrn, deinem Gotte, nachgehen." [S. 456] Du weißt also, wie du fliehen sollst; warum zögerst du noch? Inzwischen mahnt das Evangelium: „Ihr Schlangengezücht, wer hat euch gelehrt, dem künftigen Zorne zu entgehen?“ Und Das ist Solchen gesagt, die kamen, um die Taufe der Buße zu empfangen.

34. So ist denn der Weg der Buße eine gute Flucht. Die Gnade Gottes aber ist das Ziel, bei dem die Flucht enden soll. Auch jene Wüste birgt solches Ziel, zu dem Elias, Elisäus, Johannes der Täufer flohen. Elias floh vor der sündhaften Königin Jezabel, deren Name auf die Ergüsse sündhafter Eitelkeit deutet; er floh zum Berge Horeb, der „Trockenheit“ bedeutet: so sollte in ihm der Erguß fleischlicher eitler Lust verdorren, er selbst aber sollte Gott vollkommener erkennen. Bei dem Flusse Charrad, 1 dessen Name auf steigende Erkenntnis hinweist, weilte er: dort sollte er überströmende Fülle himmlischer Erkenntniß schöpfen. So vollständig floh er die Welt, daß er nicht einmal Speise verlangte, ausser dem Wenigen, was die Vögel ihm zutrugen; seine gewöhnliche Speise war ja auch nicht von der Erde. In Kraft der Speise, die er empfangen, wanderte er vierzig Tage. So floh denn dieser so große Prophet im Grunde nicht vor dem Weibe, sondern vor der Welt. Fürchtete Der etwa den Tod, der sich freiwillig dem Häscher darbot? der zum Herrn sprach: „Nimm meine Seele“? der damit viel mehr Eckel als dauernde Lust am Leben offenbarte? Aber die irdische Lust, die Annäherung an den verderbten Verkehr und die Gottesschändungen eines übermüthigen, sündhaften Volkes: die fürchtete und floh er.

35. Auch Salomo erläutert die Verderbtheit dieser Welt unter der Gestalt jenes Weibes und lehrt, ihren [S. 457] buhlerischen Künsten zu entgehen. Das ist das fremde, verworfene Weib, vor welchem du dich nach seiner Mahnung hüten und bewahren sollst. Wende dein Herz nicht auf die Wege dieser Welt, sondern stelle es ganz in die Hand des Herrn, in der ja auch das Herz des Königs ruht. Wer sich selbst beherrscht, — Das will ja mehr sagen, als Anderen gebieten, — dessen Herz ist in der Hand Gottes, und er wendet es, wohin immer er will. Ist es etwa zu verwundern, wenn er es zum Guten lenkt, da er ja selbst die höchste, vollkommenste Güte ist? In der Hand Gottes ruht unser Herz, damit wir jenes unvergängliche und unveränderliche Gut suchen, von dem der Prophet Amos sagt: „Suchet das Gute und nicht das Böse, auf daß ihr lebet, so wird der Herr, der allmächtige Gott, mit euch sein.“ 2 Wie sagtet ihr: Wir haben das Böse gehaßt, das Gute geliebt? Wo der ewig gute Gott ist, da sind alle Güter. David wünschte, aber er vertraute auch, daß er sie sähe. „Ich glaube,“ sprach er, „daß ich des Herrn Güter schaue im Lande der Lebendigen.“ 3 Das allein sind wahrhaft und wesenhaft Güter, welche ewig bleiben, welche durch Zeit und Alter nicht verderben.

36. Im Besitze dieser Güter ist Derjenige, welcher Gott gesucht und gefunden hat: wo das Herz des Menschen ist, da ist ja auch sein Schatz. Der Herr versagt aber Denen, die ihn darum bitten, keine gute Gabe. Weil also der Herr unsäglich gut ist und vor Allem gegen Diejenigen, die treu zu ihm halten, so wollen wir ihm anhangen; ihm wollen wir uns ergeben mit unserer ganzen Seele, mit ganzem Herzen, mit allen Kräften: dann werden wir in seinem Lichte die ewige Glorie sehen und höchster Wonne uns erfreuen. Zu jenem Gute sollen wir unser Herz erheben; unser ganzes Sein und Leben und Sinnen soll ihm [S. 458] gehören, der alles Denken und Betrachten weit überragt, der auch im ewigen Frieden ruht. Und auch dieser Friede übersteigt alles Denken und Fühlen. Das ist das ewige Gut, das Alles durchdringt; in ihm leben wir alle, von ihm hängen wir ab: höher ist Nichts, weil es göttlich ist. Eigentlich ist ja auch Gott allein wahrhaft gut, so daß man sagen darf: was gut ist, ist göttlich, und was göttlich ist, ist gut. Darum heißt es auch: „Du thust deine Hand auf und erfüllest Alles mit Gutthaten.“ Durch die Güte Gottes wird uns alles Gute zu Theil ohne Beimischung des Üblen. Wir sollen also jenem höchsten Gute ähnlich zu werden suchen, damit wir erlangen, was wahrhaft gut ist. Dieses Gut ist ohne Übelthat, ohne Hinterlist, ohne abstoßende Härte: voll der Huld und Liebe, voll von lauterstem Wohlwollen und voll der Gerechtigkeit. Alle Tugenden schließt dieses Gut ein.

1: Die Etymologie trifft bei „Horeb“ zu, dagegen weist der Name des Baches Karith auf „Scheidung“, der Name Jezabel wohl auf „unversehrt“.
2: Amos 5, 14.
3: Ps. 26, 13.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger