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Ambrosius von Mailand (340-397) - Die Flucht vor der Welt (De fuga saeculi)

3. Auch der Apostel Paulus redet von den eben besprochenen Tugenden.

14. Die Tugenden, von welchen wir im alten Testamente die Vorbilder fanden, sind auch von dem Apostel Paulus nicht bloß verschleiert angedeutet, sondern ganz ausdrücklich erwähnt. Wir lesen bei ihm: „So bin ich, was an mir liegt, bereit, auch euch, die ihr zu Rom seid, das Evangelium zu verkündigen. Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, indem es eine Kraft Gottes ist zum Heile für einen Jeden, der daran glaubt, für die Juden zuerst und dann für die Heiden; denn Gerechtigkeit Gottes wird darin geoffenbart.“ Der Apostel fügt aber hinzu: [S. 438] „aus dem Glauben an den Glauben,“ wie geschrieben steht: „Der Gerechte lebt aus dem Glauben,“ d. h. in Demjenigen, der glaubt. 1 In wem aber wird die Gerechtigkeit Gottes geoffenbart, wenn nicht in Demjenigen, welcher dem Bilde des Sohnes Gottes gleichförmig ist? Da haben wir also die erste Vorschrift, welche uns mahnt, ein Ebenbild Gottes zu sein. Die zweite Hinweisung finden wir in den Worten: „Das Unsichtbare an ihm ist durch die erschaffenen Dinge erkennbar und sichtbar, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit, die in den Schöpfungswerken sich offenbart.“ An dritter Stelle finden wir auch hier das ewige Wort, bekleidet mit der königlichen und richterlichen Gewalt, wie es den Lohn für die guten Werke und die Vergeltung für die Sünden Allen aufbewahrt, die in’s Gericht kommen. „Wir wissen,“ sagt der Apostel, „daß das Gericht Gottes der Wahrheit gemäß ist über Alle, die Solches thun.“ Wer nun die Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit Gottes anerkennt, Der darf Das, was des Todes schuldig macht, nicht thun. Ebenso spricht dann der Apostel von der verzeihenden Güte Gottes: „Oder verachtest du den Reichthum seiner Güte, Geduld und Langmuth? Weißt du nicht, daß die Güte Gottes dich zur Buße leitet?“ Vielleicht sollte es heissen: „leiten müßte“? Die Güte Gottes ruft dich, weil sie dir die Hoffnung einflößt, daß du Verzeihung deiner Sünden erhalten kannst. Gott, der in seiner Güte bereit ist, zu verzeihen, will nicht strafen. Sodann wird auch auf den Gesetzgeber hingedeutet, damit Derjenige, welcher sich durch die Betrachtung der göttlichen Güte etwa mehr zur Lässigkeit als zur Buße führen ließe, erinnert werde, das Gesetz zu befolgen. „Alle, die ohne das Gesetz gesündigt haben, werden ohne das Gesetz verloren gehen; und Alle, die unter [S. 439] dem Gesetze gesündigt haben, werden durch das Gesetz gerichtet werden.“

15. Das Gesetz ist aber zweifach: das natürliche, in unsere Herzen eingeschriebene und das in die beiden Tafeln eingegrabene. So stehen also Alle unter dem Gesetze, wenn auch unter dem natürlichen: aber nicht von Allen kann man rühmen, daß sie sich selbst Gesetz sind. Derjenige nur ist sich selbst Gesetz, welcher aus eigenem Antriebe thut, was zum Gesetze gehört, und welcher so zeigt, „daß das Werk des Gesetzes in sein Herz geschrieben ist.“ Die Werke des Gesetzes sollen aber nicht bloß obenhin zu unserer Erkenntniß kommen, wir sollen nicht bloß davon hören, sondern wir sollen sie wirken: „Denn nicht die Hörer des Gesetzes sind gerecht vor Gott, sondern die Befolger des Gesetzes werden gerechtfertigt werden.“ Du hast auch, belehrt durch die Stimme des natürlichen Gesetzes, erkannt, was böse ist. Du weißt, daß man nicht stehlen darf, und du bestrafst unzweifelhaft deinen Knecht, wenn er sich eines Diebstahls schuldig gemacht hat. Ebenso wirst du dich berechtigt halten, Denjenigen zu verfolgen, der sündhaftes Gelüste nach deiner Gattin trägt. Willst du nun aber selbst begeben, was du in Anderen verurtheilst? „Du predigst, nicht zu stehlen, und stiehlst? Du sagst, man solle nicht ehebrechen, und brichst die Ehe?“ Das Gesetz, welches durch Moses gegeben wurde, ist nachgefolgt, damit durch dasselbe „die Erkenntniß der Sünde komme.“ Du weißt also, was du vermeiden sollst, und thust gleichwohl, was du als verboten erkennst? Was anders aber wäre der letzte Zweck des Gesetzes, als die Unterwerfung der ganzen Welt unter den Gehorsam gegen Gott: es ist ja doch nicht ganz ausschließlich dem Juden gegeben; auch für den Fremdling und den Proselyten gilt es. So soll das Gesetz „jeglichen Mund verstummen“ machen; aber freilich das Herz umschaffen kann es nicht. Darum ist die letzte Zufluchtsstätte uns geboten, damit wir dort Heilung und Genesung fänden, sofern uns der Tod des ewigen Hohenpriesters von jeder Furcht vor dem eigenen Tode befreien möchte. [S. 440]

16. Muß ich noch sagen, wer jener Hoherpriester ist? Ist es denn ein Anderer als Derjenige, von welchem gesagt worden ist: „Siehe, das Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünden der Welt“? — „Ihn hat Gott dargestellt als Sühnopfer durch den Glauben in seinem Blute, um seine Gerechtigkeit zu erweisen.“ 2 Ja, er ist der erhabenste und höchste Priester, von dem der Psalmist mit Recht sagt: „Du bist ein Priester ewiglich;“ alle anderen stehen in der Zeit unter der Sünde: er aber hat einzig das ganz reine, schuld- und sündenlose Priesterthum. Alle anderen Priester sind dem Tode unterworfen; er allein lebt ewig: und wie könnte auch wohl Derjenige, welcher Alle erlöset, selbst dem Tode geweiht sein? „Es geziemte uns aber,“ sagt der Apostel, „daß wir einen solchen Hohenpriester hätten.“ 3 Mit Recht gebraucht der Apostel das Wort: „Es geziemte sich.“ Einen gleichen Gebrauch des Wortes finden wir übrigens auch bei solchen Schriftstellern, denen reiche Auswahl von Wörtern zu Gebote stand. So spricht Sallust von einem „Orte, der hervorragender war, als es sich für Sieger geziemte“. Ich wollte Das nicht verschweigen, um zu zeigen, daß der Apostel seine Worte mehr nach dem einfachen als nach dem streng grammatischen Gebrauche wählt. 4 Er sagt also: „Es geziemte uns, daß wir einen solchen Hohenpriester hätten, der da wäre heilig, schuldlos, unbefleckt, ausgeschieden von den Sündern und höher als die Himmel geworden.“ Und das ist das ewige Wort, das über allen Himmeln wohnend Alles erleuchtet. Deßhalb heißt es auch von ihnen, daß er „vom Vater seiner Natur nach gesalbt sei“. 5 Er ist das wahre „Licht, das [S. 441] da jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt.“ Das ist das ewige Wort, dem jenes höchste Priesterthum verliehen war, dessen Gewandung Moses in dem Schmucke des Hohenpriesters gefunden und beschrieben hat: das Wort hat in seiner wesenhaften Macht die Welt wie ein Gewand umgethan, und von ihr gleichsam gegürtet erglänzt es in Allem. 6 In die Verwandtschaft des menschlichen Geschlechtes ist das Wort eingetreten, indem es in unsagbarer Liebe Fleisch angenommen hat: in Alle ergießt es sich im Geiste und in der Fülle der Gottheit, von welcher wir alle empfangen haben, damit wir die übergroße Liebe Christi erkannten, damit wir alle zur eigenen Vollendung in die ganze Fülle Gottes eingeführt würden. Das Haupt Aller ist Christus; ihm verdankt der Leib, dessen Glieder wir sind, sein Dasein; mit ihm ist dieser Leib durch gegenseitige Einigung verbunden, von ihm empfängt er die Mehrung der Liebe zur eigenen Vervollkommnung. Das also ist das Wort, von welchem Moses bei Erbauung der Arche des Bundes spricht, wenn er sagt: „In die Lade lege das Zeugniß, das ich dir geben werde; und einen Gnadenthron mache vom reinsten Golde! — Von da herab will ich gebieten und zu dir reden.“ Damit wird auf das Wort hingedeutet, das über allen Himmeln wohnt, das von dort herab, wo es beim Vater ist, reden wird.

1: Röm. 1, 15 ff. Die im Evangelium geoffenbarte Gerechtigkeit stammt aus dem Glauben und wird an den Glauben d. h. an Jeden, der glaubt, verliehen.
2: Joh. 1, 29; Röm. 3, 25.
3: Hebr. 7, 26.
4: Die Berufung auf Sallust wird freilich hinfällig gegenüber dem griechischen Texte: τοιοῦτος…ἔπρεπεν ἀρχιερεύς, „ein solcher Hohepriester ziemte uns“ d. h. war unseren dermaligen Verhältnissen angemessen, durch unsere Bedürfnisse erheischt.
5: Apostelg. 4, 26.
6: Diese Deutung des hohenpriesterlichen Gewandes ist wieder Philo entnommen: „ἐνδύεσται ὁ μὲν περσβύτατος τοῦ ὄντος λόγος τὸν κόσμον.“ Vgl. II. Mos. 19, 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger