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Ambrosius von Mailand (340-397)
Der Tod ein Gut
(De bono mortis)

 [S. 372] 1. Wie sollte der Tod kein Übel sein, da er das Leben beendigt?

Nachdem ich bereits über die Seele gesprochen habe, scheint es mir, daß ich unschwer daran Einiges anknüpfe, um den Nachweis zu führen, daß der Tod ein wahres Gut sei. Alles nämlich, was der Seele schadet, kann als ein Übel betrachtet werden; was ihr aber in keiner Weise nachtheilig ist, kann auch nicht als ein Übel gelten. Wir können weiter schließen: Alles, was kein Übel ist, ist gut. Was aber fehlerhaft und verderblich ist, dürfen wir ein Übel nennen, während Dasjenige, was frei von verderblichen Fehlern ist, als Gut bezeichnet wird. Gut und Übel sind also einander entgegengesetzt und schließen sich gegenseitig aus. In ähnlicher Weise reden wir von Schuldlosigkeit, wo der Wille, zu schaden, nicht vorhanden ist. Wer aber jener Schuldlosigkeit sich nicht bewußt ist, Den nennen wir schuldig. Barmherzig ist Derjenige, der gerne verzeiht; unbarmherzig dagegen, wer zum Verzeihen und Nachgeben nicht zu bestimmen ist.

2. Vielleicht wird mir der Einwand gemacht: Kann es denn einen schärferen Gegensatz geben als Leben und [S. 373] Tod? Wenn nun das Leben ein Gut ist, wie wäre der Tod kein Übel? Wir brauchen aber nur näher festzustellen, was Leben und Tod eigentlich ist, um jenen Einwurf zu beseitigen. Leben heißt äusserlich genommen: athmen; denn mit dem letzten Athemzuge tritt der Tod ein. Man wird nun freilich geneigt sein, diesen Lebensodem als ein Gut zu betrachten und dann so zu schließen: Leben ist der Genuß, Sterben ist der Verlust eines hohen Gutes. So sagt ja auch die Schrift: „Siehe, ich habe euch vorgelegt Leben und Tod, Gutes und Böses.“ 1 Da wird das Leben als ein Gut, der Tod als Übel bezeichnet, und Beides wird zur Wahl gestellt. Im Anschlusse an die heutige Lesung wird auch vielleicht daran erinnert, daß der erste Mensch im Paradiese von allen Bäumen des Gartens, auch vom Baume des Lebens essen sollte; von dem Baume der Erkenntniß des Guten und Bösen aber sollte er nicht essen: an dem Tage, an welchem er davon aß, sollte er des Todes sterben. Der Mensch mißachtete das göttliche Gebot; die Vergeltung blieb ihm nicht aus: aus dem Paradiese verstoßen, mußte er den Tod kosten. So ist denn der Tod ein Übel, weil er die Vollstreckung des Verwerfungurtheils ist.

1: V. Mos. 30, 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger