Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Ambrosius von Mailand (340-397) - Der Tod ein Gut (De bono mortis)

10. Die Schrift bestätigt, daß die Seele unsterblich ist; thöricht aber ist die Meinung der Philosophen von einer Seelenwanderung.

43. Wir haben nach dem Gesagten einen hinreichenden Beweis für die Unsterblichkeit; derselbe ist aber doch nur ein natürliches, menschliches Zeugniß. Es fehlt indessen [S. 409] nicht an göttlichem Ausspruche. „Ich habe die Macht,“ sagt unser Herr, „mein Leben hinzugeben und dasselbe wiederum zu nehmen.“ 1 Wenn die Seele hingegeben und wieder zurückgenommen, wenn sie in die Hände des Vaters empfohlen werden kann, so ist doch undenkbar, daß sie mit dem Leibe zugleich vergehe. Man könnte da vielleicht einwenden, es sei doch etwas ganz Besonderes, wenn es sich um Christus handele, der ja allerdings die Menschennatur angenommen habe, aber doch in anderer Weise. Wir wollen keine Zeit verlieren und deßhalb lediglich zum Beweise für unsere Behauptung auf jenes Wort hinweisen: „Weißt du nicht, daß Gott noch in dieser Nacht deine Seele von dir fordern kann?“ 2 Der Herr sagt nicht: „Deine Seele stirbt in dir,“ sondern: „sie wird von dir gefordert,“ wie sie dir gegeben ist. Die Seele wird also zurückgefordert, nicht vernichtet. Wird sie zurückgefordert, so bleibt sie auch; sie bliebe nicht, wenn sie stürbe. Wie kann aber die Seele sterben, wenn die göttliche Weisheit mahnt. Denjenigen nicht zu fürchten, der den Leib tödten, aber die Seele nicht tödten kann? So sagt auch der Prophet: „Meine Seele ist immerdar in deinen Händen.“ „Immerdar“ sagt er, nicht: „für einige Zeit.“

44. So empfiehl denn auch du deine Seele in die Hände des Herrn; — nicht bloß in dem Augenblicke, wo sie aus dem Leibe scheidet, sondern auch, während sie noch im Leibe weilt, ruht sie in Gottes Hand: du freilich siehst nicht, woher sie kommt, wohin sie geht. In dir ist deine Seele, aber sie ist auch mit Gott vereinigt. Auch das Herz des Königs ist nach der Schrift in der Hand des Herrn und wird von ihm regiert und geleitet. Das Herz wird nun erfüllt vom Geiste, der ja die eigentliche Kraft der Seele ist; eine Kraft, die sich nicht in äusseren Proben bewährt, [S. 410] sondern in billigen, frommen, gerechten Entschlüssen kund gibt. Wenn man somit sagen darf, das Herz eines Menschen sei in Gottes Hand, so gilt Das noch viel mehr von der Seele. Ist aber die Seele in Gottes Hand, so kann sie auch niemals im Grabe mit dem Leibe eingeschlossen, niemals mit ihm verbrannt werden: sie erfreut sich vielmehr nach ihrem Hinscheiden seliger Ruhe. Darum bauen denn auch die Menschen eigentlich ohne Grund kostbare Grabmäler, als wären dieselben für die Seelen, nicht aber für den Leib bestimmt.

45. Daß die Wohnungen für die Seelen im Jenseits liegen, wird durch das Zeugniß der heiligen Schrift vollauf bestätigt. Lesen wir ja auch in den Büchern Esdras: 3 „Wenn dereinst der Tag des Gerichts kommt, dann wird die Erde die Leiber der Gestorbenen zurückgeben; aus dem Staube des Grabes werden sich die Gebeine Derer erheben, die dort ihre Ruhe gefunden haben. Die himmlischen Wohnungen werden alsdann die Seelen, die dort weilen, zurückgeben, und der Allerhöchste wird sich offenbaren auf dem Throne des Gerichtes.“ Das sind die Wohnungen, von denen der Herr sagt, daß ihrer viele im Reiche seines Vaters seien, und daß er, zum Vater gehend, seinen Jüngern diese Wohnungen bereiten würde. Das Wort des Esdras führte ich an, um festzustellen, daß Das, was in den Büchern der Weltweisen bewundert wird, im Grunde aus unseren heiligen Büchern genommen ist: wenn jene Philosophen nur nicht in thörichter Weise allerlei überflüssige, unnütze Dinge eingemischt hätten. Sie behaupten, zwischen den Seelen der Menschen und Thiere bestehe kein Unterschied; darin aber liege ein erhabener Trost, daß die Seelen der Philosophen sich Bienen oder Nachtigallen zum Wohnsitze [S. 411] nähmen; vordem hätten sie durch ihre Reden die Menschen genährt und gefesselt, jetzt aber erquickten sie dieselben durch die Süßigkeit des Honigs oder durch die Lieblichkeit ihres Gesanges. Im Grunde war es schon ausreichend, daß sie gesagt hatten, die vom Leibe befreiten Seelen stiegen zum Hades hinab; damit bezeichneten sie den Ort, der in der lateinischen Sprache allgemein Unterwelt heißt; sie sagten „Hades“, weil er von Niemandem gesehen werden kann. 4

46. So bezeichnet denn also auch die Schrift die Leibeshüllen als Wohnungen. Um der Klage entgegen zu treten, die früher hingeschiedenen Gerechten würden für die ganze Zeit, welche bis zum Tage des Gerichtes vergeht, ihres vollen Lohnes beraubt, sagt die Schrift, daß jener Gerichtstag einer Heereskrönung wunderbar ähnlich sehe: da sei von einer Zögerung der letzten ebenso wenig die Rede, wie von einer Beeilung derer, welche zuerst gekommen. Der Tag der Siegeskrönung wird von Allen in gleicher Weise erwartet: an diesem Tage sollen die Besiegten der Beschämung verfallen, während die Sieger die Siegeskrone erhalten. Die Schrift läßt aber auch jenen anderen, eben erwähnten Umstand nicht im Dunkel; sie nimmt das Gleichniß von der gewöhnlichen menschlichen Geburt. Wie Diejenigen, welche von jugendlichen Eltern geboren werden, stärker sind, während die im Alter der Eltern Geborenen schwächer werden: so erscheinen auch die früher Geborenen an jenem Tage edler, höher, die Späteren dagegen schwächer. Es ist ja, als wenn auch die Zeit, der Mutter vergleichlich, wegen der großen Menge ihrer Kinder schwächer werde, als wenn die alternde Schöpfung die Stärke der Jugend mit der schwindenden Frische ihrer Kraft verlöre.

47. Während nun die Fülle der Zeit erwartet wird, harren auch die Seelen ihres verdienten Lohnes. Die Einen [S. 412] erwartet Strafe, die Andern Ruhm und Ehre: gleichwohl sind Jene auch inzwischen nicht ohne Pein, wie Diese nicht ohne Lohn sind. Wenn Jene sehen, daß Denjenigen, welche das Gesetz Gottes beobachten, der Lohn ewiger Glorie hinterlegt ist, daß ihre Leibeshüllen von Engeln bewacht werden, während sie selbst für sich die Strafen der Heuchelei und hartnäckiger Widersetzlichkeit, Schande und Schmach nämlich erwarten müssen: dann müssen sie im Aufblicke zur göttlichen Majestät sich scheuen, vor das Angesicht ihres Gottes zu treten, dessen Gebote sie leichtfertig verachtet haben. Übertretung und verwirrende Scham sind hier verbunden wie bei Adam. Er hatte in sorgloser Leichtfertigkeit das himmlische Gebot übertreten und verbarg sich dann im Gefühle der Scham über einen solchen Fall, weil er nicht wagte, mit seinem schuldbeladenen Gewissen in den Glanz der göttlichen Gegenwart zu treten: gerade so werden auch die Seelen der Sünder den Glanz des strahlenden Lichtes nicht ertragen, wenn sie sich erinnern, daß dieses Licht der Zeuge ihrer Verirrungen war.

1: Joh. 10, 18.
2: Luk. 12, 20.
3: IV. Edr. 7, 32. Der heilige Ambrosius citirt dieses apokryphe Buch als einen Theil der heiligen Schrift.
4: Hades Ἅιδης von α-ἰδεῖν.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zur Schrift Tod ein Gut
Bilder Vorlage

Navigation
. .  1. Wie sollte der ...
. . 2. Gleichwohl ist der ...
. . 3. Der Segen des Todes; ...
. . 4. Weßhalb man den ...
. . 5. Ermahnung, die Furc...
. . 6. Wie wir den Fesseln ...
. . 7. So viel Beschwer ...
. . 8. Nicht der Tod an ...
. . 9. Der Zerfall des ...
. . 10. Die Schrift bestä...
. . 11. Die siebenfache ...
. . 12. Die ewige Seligkeit, ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger