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Ambrosius von Mailand (340-397) - Der Tod ein Gut (De bono mortis)

9. Der Zerfall des Leibes, während die Seele fortdauert, macht den Tod zu einem hohen Gute.

38. Kann man denn noch im Ernste bezweifeln, daß der [S. 405] Tod ein Gut ist, wenn man bedenkt, daß in ihm Alles, was uns Unruhe, Beschämung, Elend bringt, Alles, was voll Gefahren und Versuchungen ist, zur Ruhe gebracht wird? daß Dieses alles gleichsam in den Käfig des Grabes eingeschlossen ist? Das Grab birgt nun die wilde Wuth des Sturmes, gleich einem entseelten Leichname; das Band aber, welches die Seele an den Leib fesselte, ist zu Staub geworden. Dagegen ist das Bessere im Menschen, was der Tugend hold, dem Gehorsam unterworfen, dem Guten zugethan war, was der ewigen Glorie zustrebte und Gott in steter Treue sich unterwarf, hinaufgeeilt zum Himmel: dort bleibt es mit dem reinen, unsterblichen, ewigen höchsten Gute unzertrennlich vereint. Bei ihm weilt die Seele, dessen Ebenbild sie ist, nach jenem Worte: „Wir sind seines Geschlechtes.“ Das ist ja doch ausser allem Zweifel, daß die Seele nicht mit dem Leibe stirbt, weil sie nicht vom Leibe ist, wie uns die Schrift an vielen Stellen lehrt. Adam empfing von Gott dem Herrn den Hauch des Lebens, und so ward der Mensch zum lebendigen Wesen. David aber sagt: 1 „Kehre zurück, meine Seele, in deine Ruhe; denn der Herr hat dir wohlgethan.“ Worin die Wohlthat bestand, sagt er selbst: „Er hat meine Füße befreit vom Falle.“ Er beglückwünscht also den Tod als ein Heilmittel, welches jeglicher Verirrung ein Ende bereitet: also hört die Schuld auf, nicht das Wesen der Seele.

39. Dann fügt der Psalmist hinzu, gleichsam seiner Freiheit zurückgegeben: „Ich will gefallen dem Herrn im Lande der Lebendigen.“ Dort im Jenseits ist das Land der Lebendigen. Dort, wo die Seele zur Ruhe eingegangen ist, finden wir das Land der Lebendigen, in welches keine Sünde Zutritt findet, in dem die Glorie der verklärten Tugend zu vollem Leben sich entfaltet. Hier aber ist das Land, welches bedeckt ist mit Todten; darauf deutet denn auch das Wort [S. 406] des Herrn: „Laß die Todten die Todten begraben!“ Der Psalmist aber hatte schon früher gesagt: 2 „Seine Seele wird weilen im Guten, und sein Same wird erben das Land.“ Nichts Anderes will er sagen als Dieses, daß die Seele Desjenigen, der Gott fürchtet, im Guten ist, um immerdar daselbst zu bleiben gemäß der eigenen Natur. Ja sogar im Leibesleben kann Das die Seele schon erlangen, daß sie im Guten wohnt, wenn sie Gott fürchtet; sie kann es erlangen, daß sie schon hier den Himmel besitzt, wenn sie über ihren Leib wie über einen Sklaven herrscht; dann wird sie auch zum Voraus der Erbschaft ewiger Glorie und himmlischer Verheissungen sicher sein.

40. Wollen nun auch wir nach dem Tode des Leibes im Guten sein, so müssen wir uns hüten, daß nicht unsere Seele zum Leibe herabsinke, mit ihm sich gewissermaßen vermische; daß sie nicht zu fest in ihm hafte und von ihm verführt werde: dann würde sie, gleichsam trunken von seinen Leidenschaften, unsicher wanken; darum soll sie sich ihm und seinen Lüsten nicht anvertrauen, seinen sinnlichen Regungen sich nicht überlassen. Das Auge birgt Irrthum und Trug, weil das Gesicht getäuscht wird; das Ohr ist jeder Irrung des Gehörs offen; der Geschmack theilt dasselbe Loos. Deßhalb war denn auch die Mahnung wohl am Platze: „Laß deine Augen nur sehen, was recht ist,“ und die andere: „Bewahre deine Zunge, daß sie nichts Böses rede!“ 3 Die Mahnung wäre gar nicht ausgesprochen, wenn nicht Auge und Zunge vielfachen Verirrungen verfiele. Hast du eine Buhlerin gesehen, hat ihr Anblick dich gefesselt, weil ihre Gestalt Liebreiz zeigte, — so hat dein Auge doch geirrt: es hat Verwerfliches geschaut, während es dir Anderes kund that. Hätten diese deine Augen das wesenhaft Wahre bemerkt, so würden sie die schmachvollen Neigungen der Buhlerin, ihre kecke Unverschämtheit erkannt haben; sie hätten entehrende Lüste, [S. 407] verzehrende Leidenschaften, grauenvolle Verwirrung, tiefe Wunden der Seelen, schwer vernarbende Bisse des Gewissens erblickt. Nach dem Worte unseres Herrn: „Wer ein Weib nur ansieht, um ihrer zu begehren,“ hat Derjenige, welcher dem Ehebruch und nicht der Wahrheit sein Auge leiht, etwas wesenhaft Unwahres gesucht: hat er ja zu sehen gewünscht, um seiner Begierde zu fröhnen, nicht um die Wahrheit zu erkennen. So täuscht das Auge, wo die Regung des Herzens bereits sich verirrt hat. Die Herzensgefühle sind also der Täuschung ebenso wie das Gesicht ausgesetzt. Gerade deßhalb ist gesagt: „Gib dich nicht gefangen deinen Augen,“ d. h. laß deine Seele nicht von den Augen in Fesseln schlagen; „eine Buhlerin aber fängt des Mannes kostbare Seele.“ 4 Auch das Gehör ist der Bestrickung ausgesetzt. Oft genug hat ein buhlerisches Weib mit schmeichelndem Worte das Herz eines Jünglings umstrickt, verführt und elend betrogen.

41. So sollen wir uns denn niemals jenen Fesseln und Netzen anvertrauen, die Täuschung und Betrug bergen: wie das Herz versucht wird, so werden die Gedanken der Menschen in ihrer Freiheit behindert durch Gesicht, Gehör, Geruch, Gefühl, Geschmack. Darum sollen wir nicht schlüpfrigem, verführerischem Wege folgen: wir sollen dem wahrhaft Guten nachstreben; ihm sollen wir in treuer Nachahmung anhängen: seine Gegenwart, die Gemeinschaft mit ihm soll uns besser und edler machen, soll unsere Gesittung nach Gottes Bilde gestalten; die stete Gemeinschaft mit der Tugend soll uns gewissermaßen für die Tugend selbst erziehen. Wer dem Guten anhängt, der nimmt ganz von selbst auch das Gute in sich auf, wie geschrieben steht: „Mit dem Heiligen wirst du heilig sein und mit dem unschuldigen Manne unschuldig; mit dem Auserwählten wirst du auserwählt sein und mit dem Verkehrten verkehrt.“ 5 Der fortgesetzte Verkehr und [S. 408] die stete Nachahmung bringt ja schließlich ein Bild voller Ähnlichkeit hervor, weßhalb auch der Psalmist hinzusetzt: „Denn du, o Herr, erleuchtest meine Leuchte.“ Wer nahe zum Lichte hinzutritt, der wird gar schnell erleuchtet: so erglänzt in ihm auch der Strahl des ewigen Lichtes leuchtender aus nächster Nähe. Deßhalb muß denn auch die Seele, welche jenem unsichtbaren, ewig guten Gotte anhängt und Alles flieht, was irdisch und vergänglich ist, eine solche Seele muß Dem ähnlich werden, was sie verlangt, worin sie lebt, wovon sie sich nährt. Sie strebt dem Unsterblichen zu, und darum ist sie selbst nicht mehr sterblich. Die Seele, welche sündigt, stirbt, — zwar nicht in dem Sinne, daß sie in sich selbst aufgelöst würde und zerfiele; wohl aber stirbt sie Gott, weil sie der Sünde lebt. Die Seele, welche von der Sünde sich frei hält, stirbt also auch nicht; sie bleibt, wie in ihrer Wesenheit ungetheilt, so auch in der Gnade und Glorie.

42. Wie sollte auch die Wesenheit der Seele zu Grunde gehen können, da es ja die Seele ist, von welcher das Leben ausgeht! Mit der Seele wird das Leben eingegossen; scheidet aber die Seele, so scheidet auch das Leben: die Seele ist also das Leben. Wie sollte sie nun dem Tode ausgesetzt sein, da sie den Tod aufhebt? Schnee und Feuersgluth vertragen sich nicht, vielmehr schmilzt der Schnee alsbald von der Wärme; Licht und Finsterniß sind nicht vereinbar, da die Finsterniß von dem Licht zerstreut wird: genau so nimmt aber auch die Seele, von welcher alles Leben ausgeht, den Tod nicht an, und darum stirbt sie denn auch nicht.

1: Ps. 114, 7.
2: Ps. 24, 13.
3: Ebd. 33, 14.
4: Sprüchw. 6, 25.
5: Ps. 17, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger