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Ambrosius von Mailand (340-397) - Der Tod ein Gut (De bono mortis)

8. Nicht der Tod an sich, sondern die falsche Meinung vom Tode ist schrecklich.

[S. 400] 31. Wenn nun deßungeachtet der Tod den Lebenden schrecklich erscheint, so trifft Das eigentlich nicht den Tod an sich, sondern die falsche vorgefaßte Meinung, die sich Jeder vom Tode je nach seinem Gefühle bildet, oder die ihm von der Angst seines unruhigen Gewissens aufgezwungen wird. In letzterem Falle täte man aber besser, die Sündenwunde des Gewissens statt die Bitterkeit des Todes anzuklagen. In der That erscheint ja der Tod den Gerechten wie ein Hafen des Friedens; nur den Sündern stellt er sich in den Schrecken des Schiffbruches dar. Für Diejenigen, welche unter einer drückenden Furcht vor dem Tode leiden, ist das Drückende eben nicht der Tod, sondern die Furcht vor dem Tode. Die Furcht aber wurzelt in der eigenthümlichen Auffassung, die der Wahrheit widerstreitet und nur ein Ausfluß unserer Armseligkeit ist, die ferner dem Leben, nicht dem Tode selbst angehört. Wir hätten ja tatsächlich im Tode Nichts zu fürchten, wenn das Leben nicht mit Thaten belastet ist, die jene Furcht begründen müssen. Die richtige Erkenntniß lehrt uns, daß wir die Strafen für unsere Vergehungen fürchten müssen; diese Vergehungen sind nicht Handlungen der Todten, sondern der Lebendigen. Das Leben gehört aber uns; seine Handlungen stehen in unserer Gewalt. Der Tod liegt ausser uns; er scheidet Leib und Seele; die Seele macht sich los, der Leib zerfällt! Was sich gelöst von den Fesseln des Irdischen aufschwingt, jubelt in hoher Freude: was in Staub zerfällt, hat kein Gefühl und hat deßhalb gar keine Beziehung mehr zu uns.

32. Wäre der Tod wirklich ein Übel, wie sollte man dann in der Jugend nicht das Greisenalter fürchten, das dem Tode so nahe steht? Und doch sieht Derjenige geduldiger auf das Schwinden seiner Kräfte im Alter, welcher den Tod vor Augen hat, als Derjenige, der unerwartet vom [S. 401] Tode getroffen wird. „Für Diejenigen aber, die deßungeachtet den Tod für ein Übel halten, glaube ich die passendste Antwort in dem Hinweis zu haben, daß der Durchgang zum Tode das Leben ist, wie andererseits wiederum die Rückkehr zum Leben durch die Pforte des Todes führt: kann doch Niemand auferstehen, der nicht zuvor gestorben ist! Nur thörichte Menschen erschrecken also vor dem Tode als dem größten Übel; wahrhaft Weise aber sehen im Tode nur die erwünschte Ruhe nach schwerer Arbeit und das Ende aller Übel.

33. Solch’ thörichte Furcht hat wesentlich zwei Ursachen. Zunächst entspringt sie dem Wahn, daß der Tod eine Vernichtung sei. Das ist aber schon um deßwillen unmöglich, weil die Seele den Körper überlebt, ganz abgesehen davon, daß auch des sterblichen Fleisches die Auferstehung harrt. Als zweiter Grund muß die Furcht vor Strafen und Qualen im Jenseits gelten, die in der Phantasie der Fabeldichter ihren Ursprung haben. Da liest man freilich von dem wüthenden Geheul des Cerberus, von den schauerigen Untiefen des Cocytus und dem noch viel traurigeren Fährmann Charon; von den Schaaren der Furien, von den gähnenden Höhlen, in denen die schreckliche Hydra ihren Sitz hat. Da erfährt man, daß die Eingeweide des Tityus für stets frische Qualen sich erneuern, während die schrecklichen Geier unaufhörlich an ihnen sich nähren. Auch von den rastlosen Drehungen des feurigen Rades, an welches zu furchtbarer Strafe Ixion angeschmiedet war, kann man erfahren; endlich von dem Felsblocke, der zu Häupten der beim Mahle Versammelten jeden Augenblick schrecklichen Sturz droht. Solche Annahmen sind ja Nichts als eine Anhäufung von Fabeleien, wenn ich auch weit entfernt bin, zu leugnen, daß es nach dem Tode Strafen und Peinen gibt. Aber was hat Das mit dem Tode an sich zu thun, wenn es erst nach dem Tode eintritt? Will man indessen einmal Das, was nach dem Tode kommt, auf den Tod selbst beziehen, so muß man auch Das, was nach dem Leben [S. 402] eintritt, auf das Leben beziehen. Strafen und Peinen, die dem Tode eigentümlich wären, gibt es aber gar nicht. Der Tod ist lediglich die Lösung der Seele vom Leibe: die kann aber kein Übel sein, weil es „ja viel besser ist, aufgelöst und mit Christus zu sein“. Der Tod an sich ist also kein Übel. Ganz in gleichem Sinne sagt die Schrift: „Der Tod der Sünder ist gar böse;“ nicht der Tod allgemein, ohne Einschränkung, sondern nur der Tod der Sünder. Auf der andern Seite heißt es: „Der Tod der Gerechten ist kostbar in den Augen des Herrn.“ Somit liegt die Bitterkeit nicht im Tode, sondern lediglich in der Schuld.

34. Mit Recht haben deßhalb die Griechen auch den Tod als „Ende“ bezeichnet, weil derselbe das Leben zum Abschluß bringt. So bezeichnet ferner die Schrift den Tod als „Schlaf“, wie der Herr sagt: „Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn zu erwecken.“ Der Schlaf aber ist ein Gut, weil er Ruhe bringt, wie der Psalmist sagt: „Ich schlief und ruhte und stand wieder auf; denn der Herr nahm mich auf.“ 1 Auch die Ruhe des Todes ist süß; der Herr weckt die Ruhenden auf: er ist ja die Auferstehung.

35. Jenes andere Wort der Schrift ferner ist beachtenswerth: „Vor dem Tode sollst du Niemanden loben.“ 2 Seinem wahren Werthe nach wird ja Jeder erst in seinen letzten Tagen erkannt, wie er in seinen Kindern die richtige Schätzung findet, je nachdem er sie gut erzogen hat: wird ja die Verderbtheit der Söhne unbedenklich auf den Leichtsinn und die Nachlässigkeit des Vaters zurückgeführt. Man soll vor dem Tode aber auch um deßwillen Niemanden loben, weil Jeder, so lange er lebt, dem Falle ausgesetzt ist und auch das Alter nicht sicher ist vor Vergehungen. Deßhalb liest man von Abraham, „er sei in gutem Alter [S. 403] gestorben,“ weil er in seinen guten Vorsätzen treu verharrte. Im Tode darf man das Zeugniß für das hingeschwundene Leben suchen. Auch der Steuermann soll nicht eher gelobt werden, als bis er das Schiff glücklich zum Hafen geführt hat: wie wollte man da einen Menschen loben, ehe er den Ruhepunkt im Tode erreicht hat? Er ist sein eigener Steuermann, da er auf den Untiefen des Lebens umhergeworfen wird; so lange er aber auf des Lebens Meere weilt, ist er auch der Gefahr des Schiffbruches ausgesetzt. Der Feldherr greift nicht nach dem Siegeskranze, ehe die Schlacht zu Ende geführt und entschieden ist; der Soldat im Kriege legt nicht eher seine Waffen nieder, verlangt nicht eher nach dem Lohne seiner Kriegsmühen, als bis der Feind überwunden ist. Der Tod bringt in gleicher Weise die volle Berechtigung auf des Lebens Sold und Lohn; mit ihm tritt erst die verdiente Gunst ehrenvoller Entlassung ein.

36. Wie hoch stellte doch Job den Tod, da er sprach: Der Segen dessen, der sterben will, möge auf mich kommen!“ 3 Zwar segnete auch Isaak sterbend seine Söhne, wie Jakob den zwölf Stammvätern des auserwählten Volkes seinen Segen gab; die Gnadenwirkung dieses Segens konnte aber lediglich den hohen Verdiensten der Segnenden oder der väterlichen Liebe zugeschrieben werden. Bei dem Ausspruche Job´s handelt es sich gar nicht um das Vorrecht der [S. 404] Verdienste, auch nicht um die Wirkung der Liebe, sondern lediglich um das Vorrecht des Todes an und für sich: es muß in dem Segen des Sterbenden überhaupt eine besondere Kraft liegen, da Job sich jenen wünscht. Darum sollen wir jenes Wort erwägen und dem Herzen tief einprägen.

37. Wenn wir Jemanden sehen, der in Noth und Armuth zu sterben droht, so sollen wir mit unserem Vermögen ihm beispringen; Jeder von uns möge in solchem Falle sagen: „Der Segen des Sterbenden komme über mich.“ Sehen wir Jemanden schwach und gebrechlich: verlassen wir ihn nicht; finden wir Jemanden, der im Todeskampfe ringt, bleiben wir bei ihm! Dann mag auch uns gestattet sein, zu sagen: „Der Segen des Sterbenden komme über mich.“ Auch dich möge loben und benedeien der Sterbende, wie Der, welcher am Leben verzweifeln muß; der schwer Verwundete, wie Der, welcher vom Siechthum gebrochen und dem Tode nahe ist, möge dich rühmen. Wie viele Segnungen schließt das Wort des Dulders Job ein! Wie oft aber hat es mich mit Scham erfüllt, wenn ich an einem Sterbenden vorüberging, wenn ich schwer Kranke nicht besuchte, wenn ich von den Dürftigen mich verächtlich abwendete, wenn ich Gefangene nicht loskaufte, wenn ich den schwachen Greis übersah! So muß denn jenes Wort ständig in unserem Herzen sein, die Hartherzigen aufzustacheln und Diejenigen zu mahnen, die geneigteren Herzens sind. Es mögen die letzten Worte des Sterbenden dir entgegentönen; es möge die Seele, wenn sie des Leibes Wohnung verläßt, den reichsten Segen dir zuführen. Auch Den, welcher zum Tode geführt wird, entreisse der Gefahr; wäre er ohne deine Vermittlung zu Grunde gegangen, so kannst du wiederum mit Job sagen: „Der Segen des Verlorenen komme über mich.“

1: Ps. 3, 6.
2: Ekkl. 11, 30.
3: Job 29, 13. Das steht an der angeführten Stelle nun freilich nicht: Job spricht von dem Glanze seiner vergangenen Tage und darf sich dabei nicht bloß auf die allgemeine Bewunderung berufen, sondern auch auf die dankbare Anerkennung Derjenigen, denen er helfend beisprang. „Der Segen Verlorener“ (XXX) d. h. Solcher, die ohne mich verloren waren (benedictio perituri), kam über mich. Mit dieser Klarstellung schwindet auch die Berechtigung der von dem heiligen Ambrosius gemachten Anwendung.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger