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Ambrosius von Mailand (340-397) - Der Tod ein Gut (De bono mortis)

6. Wie wir den Fesseln der Welt entgehen können.

22. Es gibt aber mächtige Gewalten, welche uns von der Höhe unserer Seelenmauer herabstoßen wollen. Gewalten, die nach den Worten des Apostels in der Luft wie auf der Erde sind: sie suchen uns zu hindern, wenn wir geraden Weges fortgehen; wollen wir dem Himmlischen zustreben, so möchten sie uns herabziehen und an die Erde fesseln. Um so viel mehr müssen wir unseren Geist auf das Himmlische richten und dem ewigen Worte folgen. Jene Mächte überschütten uns mit weltlichen Sorgen, um uns vom rechten Wege abzulenken: wir aber sollen dann um so entschiedener unsere Schritte zu Christus hinwenden. Jene Mächte werfen in deine Seele die ungezügelte Begier nach Gold, Silber und fremdem Besitzthum, damit du dich unter dem Vorwande, jenes erwerben zu müssen, von der Theilnahme an dem Hochzeitsmahle des Sohnes Gottes entschuldigen möchtest. Hüte du dich aber vor solcher Entschuldigung; ziehe vielmehr das hochzeitliche Gewand an und nimm Theil an dem Gastmahle des himmlischen Königs! Es könnte sonst auch dir begegnen, daß der Herr dich ausschlöße und für dich, während du weltlichen Sorgen hingegeben bist, Andere einladet. Auch das ungebührliche Streben nach Ehre legen jene Mächte der Welt in die Seele, damit du dich erhebest wie Adam und so, während du Gott gleich sein willst in der Fülle seiner Macht, die göttlichen Gebote verachtest. Damit würdest du dann auch diejenigen göttlichen Gaben, welche du wirklich besitzest, verlieren, nach dem Worte der Schrift: „Wer Nichts gewann, Dem wird auch Das, was er hatte, genommen.“

23. Wie oft überfluthet uns nicht im Gebete, während wir doch Gott nahe sind, Schmachvolles und Sündhaftes, um uns vom Eifer der Andacht abzuhalten! Wie oft wagt der Feind der Seelen uns Gedanken einzuflößen, um uns von heiligen Entschlüssen und frommen Vorsätzen abwendig [S. 394] zu machen! Wie oft entflammt er nicht fleischliche Begierden! Wie oft läßt er unsere Augen Unkeusches erblicken, wodurch der keusche Sinn des Frommen versucht wird, um ihn unvorbereitet durch das Geschoß sündhafter Liebe zu verwunden! Wie oft wird nicht in deinem Herzen ein ungerecht begehrlich Wort laut, so daß schlummernde Gedanken der Ungerechtigkeit lebendig werden! Davon sagt das Gesetz: „Hüte dich, daß nicht etwa ein verborgener Gedanke der Ungerechtigkeit in dir sich rege.“ 1 Dann würde der Herr dir sagen: „Was denkst du Böses in deinem Herzen?“ Oder kannst du von dem Reichthume an Gold, Silber und Ackergütern, wie auch von den Ehren, deren du dich erfreust, sagen: Meine eigene Kraft hat mir dieses Alles erworben, — so daß du dann des Herrn, deines Gottes, vergeben dürftest?

24. Durch solche Belästigungen wird die Seele, während sie ihren Flug zum Himmel richten möchte, niedergezogen. Du aber sollst als ein guter Streiter Christi kämpfen, das Irdische mißachten und vergessen, zum Himmlischen und Ewigen dich erheben. So laß denn deine Seele in der Höhe bleiben, damit sie nicht durch die Lockspeise der Welt verführt werde. Die Lüste der Welt sind solche böse, gefährliche Lockspeisen; wenn du sie suchst, wirst du den Fallstricken nicht entgehen. Der Blick der Buhlerin ist eine Fessel für Den, der ihr ergeben ist. Mehr noch gilt Das von der süßen Schmeichelrede, die im ersten Augenblicke dich mit Wonne erfüllt, nachher aber alle Bitterkeit des sündhaften, schuldbeladenen Gewissens zu kosten gibt. Ein Fallstrick ist auch der Besitz fremden Gutes, wie voll der Annehmlichkeit dasselbe auch sein mag. Kurz jeder Weg, den unser Leben zieht, ist mit Fallstricken belegt. Darum sagt der Gerechte: „Auf dem Wege, auf welchem ich wandelte, verbargen sie mir Schlingen;“ 2 daraus sollst du lernen, daß du Dem folgen mußt, der von sich gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ 3 Dann kannst du sagen mit dem Psalmisten: „Der Herr hat meine Seele bekehrt; er hat mich auf die Wege der Gerechtigkeit geführt um seines Namens willen.“ 4

25. So soll uns denn die Welt sterben; sterben soll uns die fleischliche Klugheit dieser Welt, weil sie Gott widerstrebt. Christus allein soll unsere Seele gehören, so daß wir sagen können: „Soll etwa meine Seele nicht Gott unterworfen sein?“ 5 Der Psalmist sagt damit, daß die Seele der Welt oder irdischem Gute nicht unterworfen sein sollte. Jemand, der habsüchtig oder geizig ist, kann Das nicht sagen; wohl aber sagt Das der Gerechte und Genügsame. Der Geizige aber sagt: „Meine Seele, du hast viele Güter für lange Jahre aufgehäuft: ruhe nun aus, iß, trink und laß dir wohl sein!“ 6 Seine Seele ist körperlicher Begierde unterworfen; die Seele des Gerechten aber bedient sich des Körpers lediglich als eines Werkzeuges, das ihr wie einem erfahrenen Künstler zu Willen sein muß. So bildet sie aus dem Leibe diejenige Gestalt, die sie ihm geben will. In ihm läßt sie den Widerhall ihrer tugendhaften Stimmung widertönen, indem sie jetzt die Silberglocke der Keuschheit, jetzt den Gesang der Mäßigkeit und Enthaltsamkeit ertönen läßt: die süße Lieblichkeit jungfräulichen Sinnes und den Ernst würdigen Wittwenstandes läßt sie unverkennbar widerstrahlen. Bisweilen freilich leidet die Seele auch unter dem Leibe, aber immer als freie Herrscherin: darum richte du Alles auf ehrbare Weise, damit auch dieses Mitleiden ganz in den Grenzen der Ehrbarkeit bleibe. Wird ja sonst auch Der, welcher siehet, meist durch das Sehen, wie der Hörende durch das Hören [S. 396] errregt: und darum mahnt die Schrift: „Deine Augen sollen das Rechte sehen;“ und an einer andern Stelle: „Warum solltest du dich verführen lassen von einer Fremden? Blicke nicht auf zu den Augen einer Dirne; achte nicht auf die Worte einer Buhlerin!“ 7

1: V. Mos. 15, 9.
2: Ps. 141, 4.
3: Joh. 14, 6.
4: Ps. 22, 3.
5: Ebd. 61, 2.
6: Luk. 12, 19.
7: Sprüchw. 24, 5 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger