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Ambrosius von Mailand (340-397) - Der Tod ein Gut (De bono mortis)

5. Ermahnung, die Furcht vor dem Tode zu besiegen durch Abtödtung, welche ein Bild des Todes ist.

16. Wir wollen inzwischen den Tod im gewöhnlichen [S. 387] Sinne des Wortes, dem Alle unterworfen sind, wieder betrachten. Warum sollten wir denselben fürchten, da er der Seele in keiner Weise schaden kann? Darum sagt ja auch der Herr: „Fürchtet nicht Diejenigen, welche zwar den Leib tödten können, die Seele aber zu tödten nicht vermögen.“ Durch diesen Tod wird vielmehr die Seele befreit, sofern er die Gemeinschaft mit dem Leibe aufhebt und die Fesseln der Gebrechlichkeit löst. Darum thun wir gut, wenn wir schon im Leibesleben sterben, indem wir unsere Seele über die Fleischeshülle sich erheben und so gleichsam aus ihrem Grabe erstehen lassen. Frei machen sollen wir uns von der Umarmung des Fleisches; lösen sollen wir; uns von Allem, was irdisch ist, damit unser Widersacher in uns Nichts findet, was er als sein Eigenthum ansehen könnte. Auf das Ewige sollen wir unseren Blick richten; zu jenem Göttlichen sollen wir auf den Flügeln der Liebe uns aufschwingen. Wir müssen uns hier erheben von Allem, was der Zeit und der Erde gehört. Darum sagte der Herr zu seinen Aposteln: „Stehet auf, lasset uns von hinnen gehen!“ Damit befahl er, daß man von dem Irdischen sich erhebe, den am Boden liegenden Geist zum Himmel emporrichte, damit das Wort der Schrift wahr werde: „Es wird deine Jugend wie die des Adlers erneuert werden.“ Das ist zur Seele gesagt worden. Unsere Seele soll gleich dem Adler der Höhe zustreben, über die Wolken hinaus ihren Flug nehmen; in neuer Umhüllung soll sie erglänzen, zum Himmel soll ihr Sehnen gehen, wo keine Fallstricke ihr drohen. Der Vogel, welcher aus der Höhe herabsteigt, oder welcher sich überhaupt nicht zur Höhe erschwingen kann, läuft vielfache Gefahr, von Fangstricken umgarnt oder von der Leimruthe festgehalten zu werden: kurz er ist allen Nachstellungen preisgegeben. So soll auch unsere Seele sich hüten, in das Irdische sich zu verlieren. Ihr lauert der Strick im Golde, die Leimruthe im Silber; ihr drohen schlimme Fesseln in reichem Grundbesitze; ihr birgt sich tödtliches Geschoß in der Liebe. Wenn wir nach Gold streben, wird uns dasselbe leicht zum Strick, der [S. 388] uns erdrosselt; wünschen wir den reichen Besitz von Silber, so haften wir leicht im Besitze, wie der Vogel an der Leimruthe; richten wir unser Verlangen auf Grundbesitz, so werden wir am Boden gefesselt zurückgehalten. Was suchen wir also hinfälligen, werthlosen Gewinn zum Nachtheile unserer überaus kostbaren Seele? Zu armselig ist ja die ganze Welt, als daß sie zum Lösegelde für eine einzige Seele ausreichte. Was nützt es denn auch dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, aber Schaden litte an seiner Seele? Oder welchen Entgelt könntest du für deine Seele geben? Durch Gold und Silber wird sie nicht erkauft, eher zu Grunde gerichtet. Auch die Schönheit des Weibes umstrickt die Seele, wenn man der Gefahr sich aussetzen zu dürfen glaubt. Begierlichkeit, Trauer, Zorn und alle anderen Leidenschaften sind ebenso viele Geschoße, welche in unsere Seele eindringen und sie wie mit schwerem Nagel dem Leibe verbinden.

17. Fliehen wir also diese Übel und erheben wir unsere Seele zur Ebenbildlichkeit mit Gott! Die Flucht vor der Sünde bringt diese Ebenbildlichkeit; und in treuer Tugendübung wird das Bild Gottes in uns ausgeprägt. Unser Schöpfer hat der Seele die Farbe der Tugend gegeben. Zu Jerusalem sagt der Herr: „Siehe, ich habe deine Mauern gemalt.“ So hüten wir uns denn, daß wir nicht durch unsere Nachlässigkeit das feste Bild, welches unserer Seele eingezeichnet ist, wie mit einem Schwamme wegwischen. Der Herr sagt: „Deine Mauern habe ich gemalt;“ von den Zinnen dieser Mauern können wir den Feind beobachten. 1 [S. 389]

18. Die Seele hat darnach auch ihre Mauern, auf denen sie thront und spricht: „Wie eine ummauerte, befestigte Stadt bin ich.“ Von jener Mauer geschützt und vertheidigt ist die Seele selbst wie eine Festung geworden. Mit dem hohen Liede kann die Seele sagen: „Ich bin eine Mauer, überragt von Thürmen.“ Von dieser Mauer hat der Herr gesagt: „Siehe, in meine Hände habe ich deine Mauern gezeichnet; du bist allezeit vor meinen Augen.“ Gut und glücklich ist die Seele, welche Gott zum Wächter bat, welche in seinen Händen ruht, welche allezeit vor seinem Blicke ist. Sie kann mit jener prophetischen Seele sprechen: „Des Herrn Augen ruhen auf dem Gerechten,“ 2 und mit dem Psalmisten: „Vor ihm bin ich geworden wie eine Seele, die den Frieden fand.“ Diese Seele hat zwei feste Thürme, für ihre Erkenntniß das Wort, für ihre Sitte die Unterweisung des Herrn. Diese Seele gleicht der Braut im hohen Liede, welche in die Gärten eilt und dort den Geliebten findet, wie er bei seinen Freunden weilt. Ihm ruft sie zu: „Der du in den Gärten sitzest, lasse deine Stimme mich hören“! 3 Sie sagt: „Lasse mich deine Stimme hören,“ nicht: „deine Freunde.“ Sie fügt hinzu: „Fliehe, mein Geliebter!“ So mahnt sie, weil sie selbst entschlossen ist, ihm zu folgen, wenn er Irdisches, Vergängliches flieht. „Werde gleich dem jungen Hirsche, welcher den Netzen entflieht,“ sagt sie ferner. Sie will eben selbst fliehen und über die Erde sich erheben.

19. Hier dürfen wir an jenen Garten erinnert werden, von welchem Plato erzählt, und den er einmal den Garten des Zeus, ein anderes Mal den Garten des Geistes nennt; [S. 390] Zeus bezeichnet er ja sowohl als Gott wie als Geist der ganzen Welt. In diesen Garten sei die Seele eingetreten, die er Venus nennt, damit sie an der Fülle und dem Reichthume desselben sich ersättige: dort aber habe gefüllt mit Nectar ein mächtiges Gefäß gestanden. Plato hat Dieses wohl aus dem hohen Liede entnommen. 4 Dort tritt die Gott ergebene Seele in einen geistigen Garten ein, in welchem eine reiche Fülle der verschiedensten Tugenden und die Blüthen erhabener Worte sich finden. Und wem wäre unbekannt, daß aus jenem Paradiese, in welchem der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen stand, daß aus ihm die Fülle der Tugenden in den Garten der Seele verpflanzt werden mußte? Von diesem Garten der Seele oder vielmehr von der Seele selbst spricht Salomon im hohen Liede. „Ein verschlossener [S. 391] Garten,“ sagt er, „bist du, meine Schwester, ein verschlossener Garten, eine versiegelte Quelle; deine Früchte sind ein Paradies.“ 5 Die Seele aber antwortet: „Hebe dich, Nordwind, komme, Südwind; durchwehe meinen Garten, so werden meine Gewürze fließen. Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse die Früchte seiner Äpfel.“ Wie erhaben ist dieser Gedanke, daß die mit den Blüthen der Tugend geschmückte Seele ein Garten sei, daß sie in sich ein duftendes Paradies trage! Und in diesen ihren Garten ladet sie das Wort, damit sie von seinem himmlischen Thaue benetzt, von seinem Reichthum getränkt werde. Das ewige Wort aber weidet sich an den Tugenden der Seele, wenn sie diese gehorsam und vollkommen findet: dann bricht dieses Wort die Früchte und erfreut sich an ihrem Anblicke. So lange aber das Wort in der Seele weilt, strömen aus ihr die Wohlgerüche heiliger Worte; weithin dringen alsdann die Düfte der Huld und Gnade vor Gott.

20. Darum antwortet der Bräutigam — das Wort ist aber der Bräutigam der Seele, die ihm in heiligem Bunde angetraut ist —: „Ich kam in meinen Garten, meine Schwester, meine Braut, um meine Myrrhe mit meinen Gewürzen zu pflücken, den Honigseim sammt meinem Honig zu essen, meinen Wein mit meiner Milch zu trinken: esset, trinket, berauschet euch, meine Brüder und Freunde! Ich schlafe, aber mein Herz wacht.“ 6 Da erkennen wir, an welchen Früchten Gott sich sättigt und erfreut: wenn die Seele der Sünde abstirbt, wenn sie ihre Schuld tilgt, ihre Ungerechtigkeiten für immer zur Ruhe bestattet. Die Myrrhe deutet uns die Bestattung der Todten. Todt aber sind die Sünden, welchen die Annehmlichkeit des Lebens nicht mehr vergönnt ist. Die Wunden, welche die Sünden geschlagen [S. 392] haben, werden von dem Balsam des göttlichen Wortes berührt; mit höherem Worte wird die Seele dann wie mit kräftigem Brode genährt, mit mildem Worte aber wie mit Honig geheilt. "Solche gute Worte sind in der That wie Honigseim," sagt Salomon in seinen Sprüchen. Da ist nun in jenem Garten ein Wort, welches die Schuld straft; ein anderes weist den Frevel zurecht; ein anderes lässt den Übermuth sterben und begräbt ihn gleichsam, sofern nämlich der Betroffene seinen Verirrungen entsagt. Kräftiger ist das Wort, welches das Herz des Menschen mit der erhabenen Speise der heiligen Schrift stärkt. Ein anderes Wort ist milde überredend wie Honig, und doch bringt es das Gewissen des Sünders bei aller Milde zur Zerknirschung. Wiederum ein anderes Wort von glühenderem Geiste berauscht, gleich dem Weine, und erfüllt das Herz mit hoher Freude. Endlich ist ein Wort, gleich der Milch, rein und weiss. Diese Speisen bietet der himmlische Bräutigam seinen Genossen: "Esset, meine Freunde, trinket, berauschet euch, meine Brüder!" Die Genossen sind Die, welche ihm folgen und dem Hochzeitsmahle beiwohnen. Wenn aber die Seele mit dieser Speise gesättigt, von solchem Tranke berauscht für die Welt entschläft, dann erwacht sie für Gott. Und dann verlangt auch das ewige Wort, da゚ ihm die Thüre dieser Seele geöffnet werde, damit er mit seinem Eintritt sie vollends beselige.

21. Da haben wir denn die Teilnehmer am Gastmahle, in anderer Weise, als Plato berichtet; — da ist der wahre Nektar aus Wein und Honig nach dem Worte des Propheten gemischt; dort finden wir jenen geheimnißvollen Schlaf, dort das ewige Leben, in welchem Gott die Seinigen speiset: und Christus selbst ist dieses Leben. Die Keime seiner Worte ruhen aber als fruchtbare Saatkörner in der Seele; und so entsteigt sie in dem Worte sich selbst. Die Seele aber, welche aus der Knechtschaft der Welt hervorgeht und über das Leibesleben sich erhebt, — diese Seele folgt auch dem Worte.

1: Der Prophet Jsaias sagt 49, 16 nicht, wie Ambrosius citirt: „Ecce ego pinxi muros tuos,“ sondern: „Sieh, auf die Handfläche habe ich dich gezeichnet; deine Mauern stehen vor mir immerfort.“ Das sagt der Herr, um die Möglichkeit abzuweisen, als könnte er jemals Sions vergessen. Die LXX haben dem Sinne nach Dasselbe, wenn sie auch τὰ τείχη als Objekt fassen: „Ἴδου, ἐπὶ τῶν χειρῶν μου ἐξωγράφησά σου τὰ τείχη, καὶ ἐνώπιόν μου εἶ διὰ παντός.“ Die Verwendung der Stelle, wie Ambrosius sie für zulässig erachtete, ist also nicht statthaft.
2: Ps. 33, 16.
3: Hohes Lied 8, 10.
4: Ambrosius benutzt in Vorstehendem die Erzählung aus Platon’s Symposion 203 B. Die Art der Benutzung verräth aber, daß der Heilige sich dabei auf sein Gedächtniß verlassen habe, da Plato die Sache doch anders und sicher nicht in Anlehnung an das hohe Lied darstellt. Nach ihm handelt es sich darum, zu erweisen, daß die „Liebe“ zwischen Gottheit und Menschheit vermittele; Porus, der Gott der reichsten Fülle, ist bei einem der Venus zu Ehren gegebenen Feste trunken geworden und lagert im Garten des Zeus; dort findet ihn Penia, die Göttin der Armuth (οὐ σοφὴ καὶ ἄπορος), und wird die Mutter des Gottes der Liebe. Den Sinn der platonischen Fabel hat Stallbaum (zu dieser Stelle) mit folgenden Worten angegeben: „Quum intellexisset, amorem h. e. pulchri et boni studium contineri insatiabili quadam cupiditate rerum maxime exoptatarum; verissime duplicem cujusque amantis esse vidit statum, alterum indigentiae, quatenus studio illi boni atque pulchri nondum satisfactum esset, alterum divini cujusdam fervoris, quo correptus animus raperetur ad ea, quae bona esse vidisset…“ ― Der heilige Ambrosius hat πρός nicht als mythische Person, sondern als „Becken, Kanal“ gefaßt.
5: Hohes Lied 4, 12 ff.
6: Ebd. 5, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger