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Ambrosius von Mailand (340-397) - Der Tod ein Gut (De bono mortis)

4. Weßhalb man den Tod eine Wohlthat nennen kann.

13. Vielleicht wendet Jemand ein: es stehe geschrieben, daß Gott den Tod nicht gemacht habe. In der That war das Leben im Paradiese, wo der Baum des Lebens stand, [S. 384] und das Leben war gewissermaßen das Tagesgestirn für die Menschen. Der Tod war also, weil er gegen den Willen Gottes eingedrungen, ein Übel. Dem halte ich aber entgegen: wie kann der Tod ein Übel sein, wenn er nach der Meinung der Heiden volle Gefühllosigkeit bringt? und noch mehr, wenn er, wie der Apostel sagt, Christum den Herrn gewinnen läßt? Wo kein Gefühl ist, da ist auch kein Schmerz über irgend welche Unbild; denn der Schmerz ist ja ein Gefühl. Nun tritt freilich, dessen sind wir gewiß, mit dem Tode nicht Gefühllosigkeit ein; es muß also auch noch das Leben herrschen, und zwar ist es die Seele, welche den Tod überdauert, wie sie Gefühl und Leben fortsetzt. Wenn aber nach dem Tode Leben und Seele noch fortbesteht, so bleibt auch der bessere Theil des Menschen nicht bloß, sondern wird in seinen Vorzügen noch gesteigert. Nach dem Tode wird die Seele durch Nichts mehr zurückgehalten oder gehindert, was früher dem Tode verfallen war: darum ist ihr Wirken und Thun auch gesteigert, weil sie die eigenen Kräfte ganz frei gebrauchen kann, ohne durch die Gemeinschaft mit dem Leibe, der im Grunde doch mehr zur Hinderung diente, gehemmt zu sein. Welches Übel soll aber daraus der Seele erwachsen, wenn sie ihre Reinigkeit bewahrt und die Übung der Tugend allezeit festgehalten hat? War Das nicht der Fall, so liegt das Übel nicht im Tode, sondern im Leben, das vor Gott gar nicht als Leben galt. Was wäre das auch für ein Leben, das mit Sünden und Fehlern bedeckt ist? Wie kommen wir also dazu, den Tod anzuklagen, da dieser doch den wahren Werth des Lebens zur Einlösung bringt oder Leid und Kreuz der Lebenstage abschließt? So bietet der Tod entweder in der Ruhe, die er bringt, das ihm eigentümliche Gut, oder er müht sich um ein Übel, das seinem Wesen fremd ist.

14. Darnach müssen wir also wohl beachten: Wenn das Leben zur Last wird, so ist der Tod Erlösung; wenn das Leben zur Qual werden kann, so ist der Tod das Heilmittel. Sagt man aber, daß nach dem Tode das Gericht [S. 385] folge, so darf man auch nicht vergessen, daß nach dem Tode das Leben anhebt. Das Leben auf Erden ist nicht wahrhaft gut; ist es aber doch immerhin gut, wie sollte der Tod nicht erst recht gut sein, da mit ihm die Furcht vor dem schrecklichen Gerichte endigt? Und wenn das Leben hier auf Erden gut ist, wodurch erwirbt es den Anspruch auf diese Bezeichnung, wenn nicht durch die Tugend und Reinheit der Sitten? Der Vorzug liegt also keineswegs in der Verbindung von Leib und Seele, sondern darin, daß man durch die Tugend Alles, was sonst im Leben als Übel gelten muß, siegreich zurückweist. Die Wohlthat aber, welche den Tod begleitet, tritt sofort ein, indem Das, was der Seele recht eigentlich angehört, mehr als Das, was im Gefolge der Verbindung von Leib und Seele sich kund gibt, zur vollen Wirksamkeit entfaltet wird. Wenn nun das Leben, sofern sich in ihm die vom Leibeselend losgelöste Seele abspiegelt, gut ist; wenn ferner die Seele gut und heilig genannt werden muß, welche sich losmacht von den Fesseln des Leibes: dann ist der Tod unter allen Umständen eine Wohlthat, weil er die Seele aus der Gemeinschaft dieses Leibes für immer löst und befreit.

15. Nach allen Richtungen hin darf man also den Tod eine Wohlthat nennen, mag man nun erwägen, daß er Widerstrebendes trennt, so daß für immer der Streit ruht, oder daß er ein Hafen ist, nach welchem Diejenigen als nach dem Orte seliger Ruhe sich sehnen, welche von den Stürmen des Lebensmeeres ruhelos umhergeworfen wurden. Und auch Das bleibt von Bedeutung, daß er den Zustand des Menschen nicht verschlechtert: vielmehr läßt er ihn unverändert so, wie er ihn findet, um dem Richter das Urtheil anheimzugeben; die Ruhe selbst aber, die er gewährt, entzieht den Menschen ebenso aller Unbill der Gegenwart, wie er in der Erwartung der Zukunft stille Befriedigung gewährt. Dazu kommt dann, daß Diejenigen ganz ohne Grund den Tod fürchten, welche denselben als das Ende der Natur ansehen. Wenn wir nämlich festhalten, daß Gott den Tod [S. 386] nicht geschaffen hat, daß vielmehr der Mensch, nachdem er den Frevel treulosen Ungehorsams sich aufgeladen, von dem Urteilsspruche getroffen ist: es solle der Staub zum Staube zurückkehren; wenn wir daran festhalten, so werden wir finden, daß der Tod nur der Sünde Ziel und Ende setzt; wird ja doch nur die Schuld um so größer und schwerer, als das Leben länger dauert. So hat denn der Herr es in seiner Erbarmung gefügt, daß der Tod eintritt, damit die Schuld schwindet. Die Vernichtung der Natur wird aber durch die Auferstehung der Todten verhindert: hört im Tode und durch ihn die Schuld auf, so wird durch die Auferstehung auch das natürliche Leben der Unsterblichkeit theilhaftig. So ist denn der Tod eigentlich nur ein Übergang, den man herzhaft ausführen muß: ein Übergang von der Verwesung zur Unverweslichkeit, von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit, von Sturm und Unruhe zu seliger Ruhe. Der Tod darf uns somit nicht erschrecken, sondern die Segnungen, welche der gut vollbrachte Übergang uns verheißt, müssen uns mit Freude erfüllen. Oder was ist der Tod anders als die Bestattung der Sünden, die Auferstehung der Tugenden? Dieser Überzeugung entstammt jener Wunsch: „Möge meine Seele sterben in den Seelen dieser Gerechten!“ 1 Möge sie zur Ruhe gelangen, indem sie ihrer Sündhaftigkeit entkleidet wird; möge sie die gnadenreiche Schönheit der Gerechten annehmen, welche die Abtödtung unseres Herrn an Leib und Seele tragen. Die Abtödtung aber nach dem Beispiele Christi schließt die Tilgung der Sünden, Sühnung der Fehler, Widerruf der Verirrungen, Annahme der Gnaden ein. Und endlich: was können wir Erhabeneres von der Wohltat des Todes sagen, als Dieses, daß der Tod die Welt erlöst hat?!

1: IV. Mos. 23, 10.

 

 

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Gregor Emmenegger