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Ambrosius von Mailand (340-397) - Der Tod ein Gut (De bono mortis)

2. Gleichwohl ist der Tod in unserem Sinne eine Wohlthat, weil er uns von zahllosem Elende befreit.

3. Wir können einen dreifachen Tod unterscheiden. Zunächst schließt die Sünde ein Sterben ein. „Die Seele, welche sündigt,“ sagt der Prophet, 1 „die stirbt.“ Wir reden aber auch von einem mystischen Tode bei Demjenigen, welcher der Sünde abstirbt und sein Leben in Gott beginnt. Darauf geht das Wort des Apostels: „Wir sind mit ihm durch die Taufe zum Tode begraben.“ Sonst aber [S. 374] ist der Tod die Scheidung von Seele und Leib, welche den Lauf dieses Lebens abschließt. Unzweifelhaft ist jener Tod, der in der Sünde erfolgt, ein Übel, wie der andere Tod, in welchem man von tödlicher Sündenschuld wieder gerechtfertigt wird, ein unbeschreiblich hohes Gut ist. Der Tod im dritten Sinne des Wortes endlich liegt zwischen gut und böse: er erscheint den Gerechten als ein Gut, während er den Meisten Furcht einflößt; er befreit zwar Alle, aber doch erfreut er nur Wenige. Was aber den Tod schwer macht, liegt nicht im Sterben selbst, sondern in unserer Gebrechlichkeit: wir lassen uns von körperlichem Wohlbehagen und von unserer Lebenslust derart gefangen nehmen, daß wir erschrecken, wenn es sich um den Abschluß eines Lebenslaufes handelt, der doch im Grunde reicher an Bitterkeit als an Freude ist. Heilige und weise Männer dachten anders; sie seufzten über die lange Dauer dieser irdischen Wanderschaft. „Aufgelöst und mit Christo zu sein“ erschien ihnen als ein schöneres Ziel. Und mit Job mochte Mancher den Tag seiner Geburt verfluchend ausrufen: „Verloren sei der Tag, an dem ich geboren ward.“ 2

4. Was ist denn auch wahrhaft Erquickendes in einem Leben, das so voll von Qual und Mühe ist? Zahllose Kränkungen und Mühseligkeiten umlagern den Lebenspfad. Wer zählt die Thränen Derer, welche unter den Mühen des Lebens seufzen, ohne daß eine milde Hand sie trocknet ? Darum sagt der Prediger: „Ich pries die Todten glücklicher als die Lebendigen und hielt für glücklicher als Beide Den, der noch nicht geboren ward, der die Übelthaten noch nicht gesehen hat, die unter der Sonne geschehen.“ 3 Anderswo sagt er, daß eine unzeitige Geburt glücklicher sei als ein hochbetagter Mann; der Todtgeborne komme nicht in die Finsterniß dieser Welt und brauche inmitten ihrer Thorheit sein Leben nicht zu verbringen; er habe die Ruhe [S. 375] gefunden, die Demjenigen, der in die Welt eintrete, nicht beschieden sei. 4 Was gibt es also Trostreiches in diesem Leben für den Menschen, der im Dunkeln wandelt und die Erfüllung seiner Wünsche vergeblich ersehnt? Und hätte er alle Reichthümer auf sich zusammengehäuft: er verlöre den ruhigen Genuß gleichwohl, weil er nun ängstlich behüten müßte, was er mit gierigem Geize zusammengerafft hätte. Das ist aber ein gar armseliger Besitz, der für den Besitzer selbst ohne Nutzen ist. Oder kann es etwas Jammervolleres geben, als wenn Jemand einen Überfluß ängstlich hüten muß, der für ihn ganz nutzlos ist?

5. Wenn also das Leben voller Mühseligkeiten ist, so muß sein Ende Erleichterung gewähren, und dann ergibt sich der einfache Schluß: jede Erleichterung ist eine Wohlthat; der Tod ist aber eine große Erleichterung, weil er die Mühen des Lebens endet: folglich ist der Tod auch eine Wohlthat. Deßhalb gerade äusserte auch Simeon seine Freude bei der Darstellung des Herrn im Tempel. Er hatte vom heiligen Geiste die Zusage erhalten, daß er den Tod nicht schauen würde, bis er den Gesalbten des Herrn gesehen; und als er nun das Kind sah, nahm er es auf seine Arme und sprach: „Nun, Herr, lassest du deinen Diener in Frieden scheiden.“ Es ist, als wenn aus diesen Worten das Gefühl spräche, daß er nur gezwungen im Leben zurückgehalten würde, nicht aber aus seiner eigenen freien Willensentschließung. Er bittet, entlassen zu werden, als gälte es, aus den Fesseln des Kerkers zur Freiheit zu eilen. Wir sind ja auch in der That in diesem Leibesleben von Fesseln gehalten; und schlimmer sind noch die Fesseln, mit denen die Versuchungen uns umstricken und nach dem herrschenden Gesetze der Sünde in die schmachvollste Botmäßigkeit bringen. So sehen wir auch, wie im Todesaugenblicke die Seele des Sterbenden sich allmälig von den [S. 376] Fesseln des Leibes löst und gleichsam aus einer Kerkerhütte entlassen sich aufschwingt. So drängt es auch David, diesen Ort der Wanderschaft zu verlassen, wenn er sagt: „Ein Ankömmling bin ich dir in diesem Lande und ein Fremdling, wie auch unsere Väter es waren.“ 5 Und weil er ein Fremdling ist, darum will er zu jenem gemeinsamen Vaterlande aller heiligen Seelen eilen: er hat nur die eine Bitte, es möchten ihm, ehe er aus dem Leben scheide, die Sünden vergeben werden, welche ihm nach der Armseligkeit der irdischen Wanderschaft ankleben. Er wußte, daß Demjenigen, welchem hier die Sünden nicht nachgelassen sind, dort im Vaterlande der Heiligen keine Wohnstätte bereitet wird. Dort wird Niemand sein, der nicht würdig ist, in das ewige Leben einzugehen; ― denn das ewige Leben ist volle Schuldlosigkeit. Darum fügt David hinzu: „Vergib mir, daß ich erquicket werde, ehe denn ich hingehe und nicht mehr bin.“ 6

6. Wie hätten wir also Grund, diesem Leben Wunsch und Begehr zuzuwenden, da wir doch nur um so mehr mit Sündenlast beschwert werden, je länger wir hier verweilen? Darum sagt auch der Herr: „Jeder Tag hat genug an seiner Plage.“ 7 Wir verstehen dann auch das Wort Jakobs: „Die Tage meiner Wanderschaft sind hundert und dreissig Jahre, wenige und böse;“ 8 nicht, als ob die Tage an sich böse wären, sondern weil für uns mit dem Wachsen der Tage auch das Wachsen der Sünde sich häuft: geht doch kein Tag ohne Sünde vorüber!

7. Wie erhaben sind deßhalb die Worte des Apostels: „Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn.“ 9 [S. 377] Damit bezeichnet Paulus den Grund, warum wir dieses Leben aushalten müssen, aber auch den Segen, den der Tod bringt. Christus, dem wir dienen müssen, ist unser Leben, wie er das Leben der Heiligen war, die ihm in der Verkündigung seines Evangeliums den vollen Beweis ihres hingebenden Gehorsams brachten. Auch Simeon hatte Christus erwartet, bis er sagte: „Nun, Herr, entlässest du deinen Diener.“ Christus ist unser König, und was der König gebietet, dürfen wir weder zurückweisen noch verachten. Wie Manchen entsenden die Herrscher dieser Erde der Ehre oder des Amtes halber zu langem Aufenthalte in weit entlegene Länder: und wagen es Diese etwa ohne Zustimmung ihres Königs den angewiesenen Platz zu verlassen? Wieviel mehr ist es aber Pflicht, den göttlichen Befehlen zu gehorchen, wenn wir schon den menschlichen uns fügen! Dem Heiligen ist also Christus das Leben, aber Sterben ist ihm Gewinn. Als treuer Knecht verweigert der Apostel nicht die gehorsame Hingabe des Lebens; als Weiser aber streckt er seine Hand aus nach dem Gewinne, den der Tod ihm bringt. Es ist ja in der That ein Gewinn, dem Anwachsen der Sündenschuld entgangen zu sein; ein Gewinn ist es, Schlechteres zu verlassen, um Besseres zu erlangen. Darum fügt eben der Apostel bei: „Aufgelöst und mit Christo zu sein, wäre zwar viel besser; bleiben aber im Fleische ist nothwendig euretwegen.“ Die Nothwendigkeit liegt in der Förderung des Werkes, das der Herr ihm übertragen hat; das Bessere liegt in der Huld und Liebe Christi und in der Vereinigung mit ihm.

1: Ezech. 18, 4.
2: Job 3, 2.
3: Ekkl. 4, 2.
4: Ekkl. 6, 3.
5: Ps. 38, 13.
6: Der Psalmist hat freilich einen andern Gedanken. Er ruft flehentlich zu Gott in seiner Leidensqual: „Wende deinen Zornesblick von mir ab!“
7: Matth. 6, 34.
8: I. Mos. 47, 9.
9: Phil. 1, 21.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger