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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Zweites Buch: Über den Glauben an die Auferstehung

10.

54. Was zweifelst du, daß Leib vom Leibe auferstehen wird? Das Saatkorn wird eingesenkt, das Saatkorn ersteht; aber es wird mit Blüthe und Fruchthaut umkleidet. So sagt der Apostel auch: „Dieses Verwesliche muß bekleidet werden mit Unverweslichkeit; dieses Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit.“1 Die Blüthe der Auferstehung ist die [S. 384] Unsterblichkeit, ist die Unverweslichkeit. Gibt es denn nun etwas Fruchtbareres als die Grabesruhe?

55. Du wunderst dich aber, wie das in Fäulniß Zerfallene sich wieder festigen, wie das Aufgelöste sich wieder einigen, wie das Geschwundene wieder hergerichtet werde? Und doch wunderst du dich nicht darüber, daß die Samenkörner, aufgelöst in der warmen Umhüllung der Erde, wieder ergrünen! Denn diese Samenkörner, welche in der Erde begraben der Fäulniß anheimfallen und sich auflösen, werden doch, obwohl sie verdeckt und gestorben sind, von dem Safte des mütterlichen Bodens belebt, und dann hauchen sie mit der wieder erhaltenen Lebenswärme gewissermaßen die Seele der grünenden Pflanze aus. Allmählich richtet sich dann im Halme die zarte Jugend der sprossenden Aehre auf, und die Natur umgibt, einer sorgsamen Mutter vergleichbar, dieselbe mit schützender Haut, damit die starre Eiseskälte die schwellende Frucht nicht verderbe, damit die übergroße Gluth der Sonne sie nicht versenge. Wenn dann die Frucht selbst gleichsam aus ihrer Wiegenumhüllung hervorbricht, dann umhegt die Natur sie mit einer Schutzwehr von Stacheln, damit der strömende Regen sie nicht verwasche, der Wind sie nicht umherstreue, damit das Nagen der kleinen Vögel sie nicht schädige.

56. Wie kannst du dich denn nun wundern, wenn die Erde die Menschenleiber, die sie aufgenommen hat, wieder heraus geben soll? Belebt, kleidet, bewahrt und beschützt sie doch alle Saatkörner, die ihr anvertraut werden! So höre denn auf zu zweifeln, daß die Treue der Erde die Hinterlage an menschlichem Gebein wieder herausgeben werde, da sie alle anvertraute Saat mit Wucherzins in der Befruchtung zurückgibt. Was brauche ich noch von den Arten der Bäume zu reden, die sich aus dem eingelegten Kerne erheben und in wiederbelebter Fruchtbarkeit reiche Ernten bieten? Sie erhalten die altgewohnte Form und Gestalt, und mancher Baum überdauert siegreich die Jahrhunderte. Wir sehen die Beere der Traube verwesen, aber den Weinstock erstehen; der Schößling wird eingesenkt, der Baum wächst empor.

57. [S. 385] Soll denn nun die göttliche Vorsehung um das Aufgehen der Baume Sorge tragen und der Menschen nicht gedenken? Wenn sie das, was sie zum Gebrauche der Menschen geschaffen, nicht zu Grunde gehen läßt: soll sie gestatten, daß der Mensch vernichtet werde, der doch nach Gottes Ebenbilde geschaffen ist?

58. Erscheint es dir gleichwohl unglaublich, daß die Todten wieder zum Leben erstehen? „Du Thor,“ antwortet der Apostel, „was du säest, lebt nicht auf, wenn es nicht zuvor stirbt.“ Säe du nur die dürre Frucht: sie wird wieder belebt werden. „Freilich,“ erwiderst du, „weil sie den Lebenssaft in sich trägt.“ Aber unser Körper hat auch seinen Lebenssaft im Blute. Deßhalb erscheint mir auch abgeschmackt, daß Einige behaupten, der verdorrende Schößling lebe nicht wieder auf, und daß sie dieses dann auch gegen das Wiederaufstehen des Fleisches auszubeuten suchen. Das Fleisch ist ja nicht verdorret; denn alles Fleisch ist aus Lehm gebildet, der Lehm aber hat Theil an der Lebensfeuchtigkeit der Erde. Zudem ersprossen viele Pflanzen mit unvergänglicher Frische aus dürrem, sandigen Erdreich; die Erde bereitet sich selbst hinreichenden Lebenssaft. Soll sie denn nun gerade beim Menschen Vernichtung eintreten lassen, während sie sonst immer neu belebt? Daraus erhellt schon, daß es keineswegs bezweifelt werden darf, wie es mehr der Natur entspricht, als ihr widerstreitet, daß Alles erstehe: im Gegentheile ist das „Vernichtet-Werden“ der Natur zuwiderlaufend.

59. Es folgt nun, was die Heiden meistens in Verwirrung bringt: wie es nämlich zugehe, daß die Erde Diejenigen zurückgebe, welche das Meer verschlungen, welche wilde Thiere zerrissen haben. Damit kommt man denn nothwendiger Weise schon dahin, daß man nicht mehr den Glauben an die Auferstehung bestreitet, sondern nur theilweise bezweifelt. Nehmen wir an, daß die Leiber der so Zerrissenen nicht auferstehen, so erstehen doch die Übrigen: die Auferstehung wird also noch nicht aufgehoben, wenn eine bestimmte Ausnahme zugelassen würde. Ich wundere [S. 386] mich meinerseits allerdings, wie man hinsichtlich Jener zweifeln zu dürfen glaubt, als ob nicht Alles, was von der Erde kommt, auch wieder zur Erde zurückkehrte und wieder zu Erde würde. Wirft doch das Meer selbst oft genug die Leiber, die ihm zum Opfer gefallen, mit seinen Wellen an das nächste Ufer! Und wenn das auch nicht der Fall wäre: soll ich denn glauben, es fiele Gott schwer, das Gelöste und Zerstreute wieder zu verbinden? Gehorcht ihm denn nicht die Welt, fügen sich denn nicht stumm und willig die Elemente, dient ihm nicht die Natur? Oder ist es denn in der That nicht ein größeres Wunder, den Lehm zu beseelen, als ihn wieder zu verbinden?

1: I. Kor. 15, 53.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger