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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Zweites Buch: Über den Glauben an die Auferstehung

6.

34. Auch Jeremias beklagt seine Geburt mit diesen Worten: „Weh mir! meine Mutter, warum hast du mich geboren, einen Mann, mit dem man hadert und zanket im ganzen Lande? Ich habe keinen Nutzen gebracht, und auch mir hat Niemand genützet; hingeschwunden ist meine Kraft.“1 Wenn nun heilige Männer das Leben fliehen, obschon es für uns als nützlich, wenngleich für sie selber als nutzlos erscheint: was sollen dann wir thun, die wir Anderen in keiner Weise nützen können, und die wir fühlen, wie, zinsbringendem Gelde [S. 376] gleich, das mit dem Keim der Selbstvermehrung wucherischem Kapitale entnommen ist, auch uns das Leben täglich mit steigender Sündenschuld belastet wird?

35. „Ich sterbe jeden Tag“ sagt der Apostel. Das ist sicher besser als das Verfahren der Philosophen, welche die Betrachtung des Todes für Weisheit gehalten haben: diese predigten geistige Beschäftigung mit dem Tode, jener übte das Sterben selbst. Sie hatten dabei sich selbst im Auge; Paulus aber, selbst vollkommen, starb nicht um seiner selbst, sondern um unserer Schwäche willen. Was ist übrigens das Betrachten des Todes anders, als in gewissem Sinne ein Trennen von Leib und Seele? Wird ja der Tod im gewöhnlichen Sinne lediglich als Trennung des Leibes von der Seele erklärt.

36. Nach der Schrift freilich nehmen wir einen dreifachen Tod an. Der erste Tod tritt ein, wenn wir der Sünde sterben und Gott zu leben beginnen: selig der Tod, entronnen der Sünde, Gott ergeben zu sein, geschieden vom Sterblichen, geweiht dem Unsterblichen! Der zweite Tod ist der Ausgang dieses Lebens, wie ihn Abraham, wie ihn David starb, da sie versammelt wurden zu ihren Vätern: da wird die Seele von den Banden des Leibes befreiet. Der dritte Tod ist der, von dem gesagt ist: „Laß die Todten ihre Todten begraben.“ Da stirbt nicht der Leib allein, da stirbt auch die Seele, gemäß dem Worte: „Welche Seele gesündigt hat, die soll sterben.“ Sie stirbt dem Herrn nicht wegen der Gebrechlichkeit der Natur, sondern wegen der Schuld. Dieser Tod ist nicht die Vollendung dieses Lebens, sondern der Abschluß der Verirrung.

37. Der eine Tod ist also ein geistiger Tod, der andere ein natürlicher, der dritte ein zur Strafe verhängter. Der natürliche Tod ist nicht ein zur Strafe verhängter: denn Gott der Herr hat den Tod nicht als Strafe, sondern als Heilmittel eintreten lassen. Beides, Strafe und Heilmittel, wurde Adam verkündigt; die Strafe mit folgenden Worten: „Da du gehört hast auf die Stimme deines Weibes und gegessen hast von dem Baume, von dem ich dir geboten [S. 377] hatte, daß du nicht davon essen solltest, so soll die Erde verflucht sein in deinen Werken: in Trauer sollst du ihre Frucht genießen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln soll sie dir tragen, und du sollst das Kraut der Erde essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brod essen, bis du wieder zur Erde zurückkehrest, von der du genommen bist.“

38. Da hast du aber auch Ruhetage der Strafen, weil letztere gegen die Dornen der Welt, gegen die Sorgen der Zeit und gegen die Lüste des Reichthums, die das ewige Wort ausschließen, die Strafe enthalten: der Tod ist nämlich auch als Heilmittel gegeben, als das Ende der Uebel. Denn der Herr hat nicht gesagt: „Da du auf die Stimme des Weibes gehört hast, so sollst du zur Erde wiederkehren;“ sondern: „Verflucht sei die Erde; Disteln und Dornen soll sie dir tragen, bis du zur Erde wiederkehrest.“ Du siehst, wie der Tod die Grenzmarke für unsere Strafen ist, und daß damit der Abschluß des Lebens zusammenfällt.

1: Jer. 15, 10. Die Übersetzung nach dem griechischen Texte der LXX.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger