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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Zweites Buch: Über den Glauben an die Auferstehung

5.

26. O höchster Trost der Sehnsucht! o wahres Urtheil der Weisheit! o wunderbare Weisheit der Unterwürfigkeit! Niemand trage es mit Unwillen, wenn ihm etwas Uebles widerfahren ist; Niemand klage, daß er, entgegen seinen Verdiensten, bedrängt sei! Wer bist du denn, daß du von deinem Verdienste zum Voraus so viel Rühmens machst? Warum verlangst du denn, deinem Richter zuvorzukommen? Warum willst du das Urtheil deines künftigen Richters schon jetzt erpressen? Das ist nicht einmal den Heiligen je erlaubt gewesen, auch niemals ungestraft von ihnen anmaßlich verlangt. Bekennt ja David, daß er gerade um deßwillen gezüchtigt sei! „Siehe es sind Sünder,“ — sagt er — „und haben doch Ueberfluß in der Welt und Reichthümer an sich gebracht. (Und ich sprach): Also habe ich umsonst gerecht gemacht mein Herz und unter den Unschuldigen gewaschen meine Hände. Und ich bin geschlagen den ganzen Tag und gestraft schon am frühen Morgen.“1

27. Auch Petrus kam, ehe der Hahn zum dritten Male krähte, in die Versuchung, welche falsche Sicherheit bereitet, [S. 372] weil er ohne eigene Erfahrung über unsere Schwäche anmaßlich gesagt hatte: „Ich will mein Leben für dich geben.“ Immerhin ist diese Versuchung ein lehrreiches Ereigniß für unser Heil; wir sollen daraus lernen, die Schwäche des Fleisches keineswegs gering zu schätzen, damit wir nicht in dieser Geringschätzung uns die Versuchung bereiten. Wer darf es denn wagen, zu versichern, er könne nicht versucht werden, wenn selbst Petrus versucht wurde? Ohne Zweifel ist ja Petrus für uns versucht worden, so zwar, daß die Erprobung dieser Versuchung nicht in einem Stärkeren stattfand: vielmehr sollten wir in ihm lernen, wie wir, wenn auch in der Verfolgung, selbst wo wir um den Preis des Lebens versucht wurden, standhaft geblieben, doch den Stachel der Versuchung nur mit den Thränen der Geduld besiegen.2

28. Um aber Menschen, die am Schrifttexte strenge halten, durch die Mannigfaltigkeit der angeführten Thatsachen nicht zu erregen, kehren wir zu David zurück. David beweinte — sagten wir — den Brudermörder, während er das unschuldige Kind nicht beweinte. Als er Jenen in tiefer Trauer beklagte, rief er aus: „Mein Sohn Absalon, Absalon mein Sohn! Wer gibt mir, daß ich für dich sterbe?“ In Absalon aber wird zugleich der Brudermörder, wird auch Ammon beweint; ja nicht bloß beweint, sondern auch gerächt: der Eine durch den Verlust des Reiches, der Andere durch die Verbannung des Bruders. So fließen also die Thränen über den verbrecherischen Sohn, nicht über das geliebte Kind. Wo liegt da der vernünftige Grund? Das [S. 373] erfordert bei den Klugen ein nicht gewöhnliches Nachdenken, findet aber bei den Weisen Anerkennung: zeigt sich ja doch tiefe, beständige Klugheit bei einer so großen Verschiedenheit der Handlungsweise, aber gleichzeitig auch ein und derselbe Glaube. Jene Söhne beweinte David als gestorbene, das unschuldige Kind glaubte er als gestorben nicht beweinen zu dürfen; jene mußte er für verloren halten, diesen hoffte er wieder auferstanden zu sehen.

29. Ueber die Auferstehung reden wir später; jetzt kehren wir zu dem eigentlichen Gegenstande zurück. Wir haben ja vorausgeschickt, daß auch heilige Männer Vieles und Schweres in dieser Welt ohne Rücksicht auf ihre Verdienste, trotz der Last ihrer Arbeiten, erduldet haben. Deßhalb sagt auch David, als er in sich gegangen: „Gedenke, Herr, daß wir Staub sind, daß des Menschen Tage wie Heu sind;“ und anderswo: „Der Mensch ist gleich der Eitelkeit; seine Tage gehen vorüber wie ein Schatten.“3 Gibt es denn nun etwas Armseligeres, als wir sind? Nackt und bloß werden wir in dieses Leben geworfen mit gebrechlichem Körper, schlüpfrigen Herzens, schwachen Geistes; ängstlich sind wir im Hinblick auf die Sorgen, träge zur Arbeit, hingeneigt zu Vergnügungen.

30. „Nicht geboren sein“ ist also weitaus das Beste nach dem Ausspruche Salomo’s. Ihm sind denn auch diejenigen gefolgt, welche in der Philosophie sich auszuzeichnen gemeint haben. Er selbst, älter als diese, jünger aber als andere heilige Schriftsteller, hat gesagt: „Ich pries die Todten glücklicher, als die Lebendigen, und hielt für glücklicher als Beide den, der noch nicht geboren ward und die Uebelthaten nicht gesehen hat, die unter der Sonne geschehen. Wiederum betrachtete ich alle Mühen der Menschen und merkte, daß die Bemühungen die Zielscheibe des Neides der Menschen sind: und auch darin ist Eitelkeit und unnütze Sorge.“4

31. [S. 374] Wer anders hat diesen Ausspruch gethan als Jener, der die Weisheit erfleht und erhalten hat? so zwar, daß er erkannte „die Anordnung der Welt und die Kräfte der Elemente, des Jahres Lauf und der Sterne Stand; daß ihm nicht unerkannt blieben die Neigungen und Abneigungen der zahmen und wilden Thiere, die Gewalt der Winde und die Gedanken der Menschen.“5 Wie sollte denn ihm nun Irdisches, Vergängliches verborgen bleiben, da ihm doch Himmlisches nicht verborgen blieb? Sollte der, welcher die Gedanken des Weibes, das ein fremdes Kind sich zueignen wollte, erforschte, der die Natur der Wesen, die er selbst nicht besaß, durch den Hauch der göttlichen Gnade erkannte: sollte er hinsichtlich der Beschaffenheit seiner eigenen Natur, die er in sich selbst kennen gelernt, irren oder lügen können?

32. Aber Salomo hat das nicht allein gefühlt, wenn er allein es auch ausgesprochen hat. Er hatte schon das Wort des frommen Job gelesen: „Verloren sei der Tag, an dem ich geboren.“ Auch Job hatte erkannt, daß „geboren werden“ der Anfang aller Leiden ist, und deßwegen hatte er gewünscht, daß der Tag, an dem er geboren, möchte verloren sein, damit Anfang und Quelle allen Ungemachs gehoben würde; deßwegen hatte er gewünscht, es möchte der Tag seiner Geburt verloren sein, damit er den Tag der Auferstehung empfinge. Gleichfalls hatte Salomo gehört, was sein Vater erflehte: „Thue mir, Herr, mein Ende kund, und welches die Zahl meiner Tage ist, damit ich wisse, was mir mangle.“6 David hatte erkannt, daß das, was vollkommen ist, hier nicht könnte erreicht werden, und deßbalb eilte er der Zukunft entgegen. Unser jetziges Wissen ist ja nach den Worten des Apostels Stückwerk. Dereinst aber wird erkannt werden können, was vollkommen ist, wenn das Antlitz der herrlichen Majestät, der ewigen Gottheit enthüllt ist und statt des Schatten die Wahrheit selbst ihre Strahlen uns entgegen zu werfen beginnt.

33. [S. 375] Es würde ja auch Niemand dem Ende zueilen, wenn er nicht dem Ungemache dieses Lebens entfliehen wollte. Darum setzte auch David erklärend hinzu, warum er dem Ende zueile: „Siehe ein Maß gabst du meinen Tagen, und mein Wohnen auf Erden ist wie Nichts vor dir. Wahrlich lauter Eitelkeit ist jeglicher Mensch, der da lebet.“ Was zaudern wir denn nun, die Eitelkeit zu fliehen? oder was ergötzt es uns, in diesem irdischen Dasein nutz- und zwecklos der Verwirrung anheimgegeben zu sein, Schätze Goldes zu bergen, ohne zu wissen, für wen als Erben wir sammeln? Beten wir doch, daß alle diese Mühseligkeit von uns genommen, daß wir dieser thörichten Welt entrissen werden, daß dieses ewige Wandern aufhöre, daß wir zum Vaterlande, zur eigentlichen Heimath zurückkehren! Hier auf Erden bleiben wir ja Fremde und Pilger: wir müssen dorthin zurückeilen, von dannen wir gekommen sind; nicht nebenbei, sondern inständig sollen wir Gott bitten und beschwören, daß wir von aller List und Bosheit trügerisch redender Menschen befreit werden. David, der den Zufluchtsort kannte, beklagte, daß seine Pilgerfahrt so lange daure, beweinte, daß er so lange mit Sündern und Ungerechten zusammenwohnen müsse.7 Was soll ich denn nun thun, der ich selbst in Sünden bin und das Heilmittel nicht kenne?

1: Ps. 72, 12 ff. [Hebr. Ps. 73, 12 ff.]. Der Psalmist legt aber die Schlußworte ebenso wie die vorhergehenden Verse dem von Zweifeln Gequälten in den Mund; die weitere Folge ist dann der Abfall von Gott. Ambrosius übersetzt das וְ֝תֹוכַחְתִּ֗י לַבְּקָרִֽים [wetokachti labqarim] „index meus in matutinum“; zulässig ist das, wie auch das entsprechende ἔλεγχος [elenchos] der LXX als „Aufzählung der Anklagebeweise“ gefaßt werden kann.
2: Wir glauben (salvo iudicio meliore) den Sinn der Stelle zutreffend gegeben zu haben: „Atque haud dubie pro nobis tentatus est Petrus, ut in fortiore non esset tentamenti periculum: sed in illo disceremus, quemadmodum in persecutionibus resistentes, etsi vitae studio tentaremur, tentationis tamen aculeum patientiae lacrimis vinceremus.“ Wäre die Versuchung an einen Stärkeren, als Petrus war, herangetreten, so würde derselbe sie überwunden haben. Dann hätten wir aber die warnende Lehre nicht erhalten, uns vor Anmaßung zu bewahren.
3: Ps. 102, 15; Ps. 143, 4 [Hebr. Ps. 103, 15; 144, 4].
4: Pred. 4, 2 ff.
5: Weish. 7, 7 ff.
6: Ps. 38, 5 [Hebr. Ps. 39, 5].
7: Ps. 119, 5 [Hebr. Ps. 120, 5].

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger