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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Zweites Buch: Über den Glauben an die Auferstehung

22.

124. Wie sehr überzeugen wir uns nicht, daß schon die kurzen Lebensabschnitte uns Widerwillen bereiten! Der Knabe ersehnt die Zeit des Jünglingsalters, der Jüngling wünscht die Jahre reiferen Alters; undankbar gegen die Blüthezeit der Jugend verlangt man nach der Ehrenstellung des Greises. So kommt Allen aus der eigenen Natur der Wunsch verwandelt zu werden, weil wir immer an dem, was wir sind, Mißfallen haben.

125. Selbst heilige Männer haben deßhalb ihre länger ausgedehnte Wanderschaft auf Erden bitter beklagt: David, Jeremias und Elias. Wenn man den Weisen glauben darf, so eilten auch diese, in denen doch der göttliche Geist redete, besserem Zustande entgegen. Fragen wir bei anderen nach, um die möglichste Übereinstimmung festzustellen, so müssen wir gestehen: Wie Viele haben den Tod nicht dem Schmerz und dem Elende vorgezogen! Sie hielten dafür, daß die Furcht vor dem Tode schlimmer sei als der Tod selbst. So wird also der Tod mit seinen Übeln nicht gefürchtet, sondern dem Elende des Lebens vorgezogen.

126. [S. 418] Angenommen aber auch, daß dem nicht so sei, so muß doch jedenfalls diesem Leben die Auferstehung vorgezogen werden. Oder haben gewisse Weltweise irgend eine Art des Daseins aufgefunden, der wir uns lieber hingeben möchten, als der Auferstehung? Selbst diejenigen, welche sagen, daß die Seele (allein) unsterblich sei, können mich hier nicht zufriedenstellen, da sie nur eine theilweise Erlösung in Aussicht geben. Oder was ist das für ein Gnadenerweis, wenn ich nicht ganz errettet bin? Was ist das für ein Leben, wenn Gottes Werk in mir vernichtet wird? Wo bleibt da die Gerechtigkeit, wenn der Tod das Ende unserer Natur birgt, und zwar in gleicher Weise dem Verkehrten wie dem Gerechten? Wo bleibt da die Wahrheit, nach welcher geglaubt wird, daß die Seele, die selbst sich bewegt und immer bewegt wird, unsterblich sei? Ungewiß ist es vielleicht, wie es sich mit dem Leben, das uns mit den Thieren gemein ist, verhält, ehe der Körper da war; und nun soll aus den Gegensätzen die Wahrheit nicht gefolgert, sondern aufgehoben werden.1

127. Oder gefällt die Meinung derjenigen vielleicht besser, die behaupten, daß unsere Seelen, sobald sie aus dem Leibe geschieden sind, in die Leiber von Thieren oder von anderen Wesen übergehen? Aber fürwahr, daß dieß dichterische Spielereien seien, passend zu den durch Tränke bewirkten Circeischen Verzauberungen, das pflegen die Philosophen selber zu lehren; und sie sagen, daß nicht sowohl diejenigen, welche Solches (Wanderung ihrer Seele in einen Thierleib) erduldet zu haben vorgeben, als vielmehr die Sinne jener, welche derlei (Narrheiten) ersonnen haben, wie durch einen [S. 419] Circe-Trank in verschiedene Thier-Ungeheuer verwandelt worden seien. Denn was grenzt so ans Unglaubliche als zu glauben, Menschen haben in Thiergestalt verwandelt werden können? Um wie viel unglaublicher ist es, daß eine mit Herrscherwürde ausgestattete Menschenseele die dem menschlichen Geschlechte entgegengesetzte Thiernatur annehmen, ein vernünftiges Wesen in ein unvernünftiges übergeben könne, als daß Leibesgestalten seien umgewandelt worden? Ihr zerstöret das selber, die ihr (es) lehret: denn ihr habt die durch Zaubersprüche bewirkten Arten solch ungeheuerlicher Verwandlung preisgegeben.

128. Die Dichter ersinnen solche Spielereien, die Philosophen verwerfen dieselben: handelt es sich um Dinge wie in den Erzählungen von der Circe, so nehmen sie dergleichen sofort als Erfindung; sollen sie es glauben, wo es sich um Todte handelt? Jene aber, welchen die Ehre der Erfindung zukommt, haben damit keineswegs ihre eigenen Erfindungen beweisen, sondern lediglich die Verirrungen der Philosophen verspotten wollen, welche glauben, daß eine Seele, die in Sanftmuth und Demuth ihren Zorn zu besiegen, Geduld zu üben gewohnt war, jetzt in einen Löwen eingeschlossen, von seiner Wuth entzündet sich an Zorn und Blutdurst mit ungezügelter Wuth ersättigen könne! Da ist eine Seele, welche einst tieferregte Völker mit ihrer hohen Einsicht und mit dem Worte der Vernunft besänftigte: und jetzt soll sie heulend nach Art der Wölfe unwegsame Steppen durchjagen? Im anderen Falle schleppte auch wohl eine Seele, eingeschlossen in einen Stierleib, unter der Last des schweren Fluches klagend, Blöcke: und dann soll sie wiederum in eines Menschen Gestalt auf befreieter Stirn vergeblich ihre gewohnten Hörner suchen? In noch anderem Falle hätte eine Seele mit kühnem Fluge, den Ruderern ihrer Flügel vertrauend, vordem zur Höhe des Himmels sich emporgeschwungen: und nachher müßte sie, ohne auf solchen Flug zu denken, sich von der Schwere ihres Körpers zu Boden gedrückt sehen?

129. Das hat vielleicht den Ikarus ins Verderben gestürzt, [S. 420] daß er in jugendlicher Unbesonnenheit den thörichten Fabeln vertraut und so geglaubt hat, er sei früher wohl ein Vogel gewesen. Dadurch sind auch wohl manche Greise getäuscht, daß sie gewaltigem Schmerze sich hingaben, weil sie zu leichtgläubig den Fabeln von Verwandlungen in einen Schwan gelauscht hatten und nun glaubten, daß auch sie, in lauten Klagen ihren Schmerz ausströmend, ihr bleichendes Greisenhaar mit zartem Flaum vertauschen könnten.2

1: Es erscheint bei der Schwierigkeit, welche sich dem Verständnisse des Satzes entgegenstellt, rathsam, den lateinischen Text beizufügen: „Quae potest esse veritas, ut, quia ipsa se moveat et semper moveatur anima, immortalis esse credatur? Quod nobis in corpore commune cum bestiis, ante corpus quid geratur, incertum; nec ex contrariis colligatur veritas, sed destruatur.“
2: Anspielung auf Cycnus, den Sohn des Sthenelus, den Freund des Phaëton, dessen Verlust er schmerzlich beklagte, weßhalb ihn Apollo in einen Schwan verwandelte. Vgl. Ovid’s Metam. II, 367 ff. Virg. Aen. X, 189 ff.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger