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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Zweites Buch: Über den Glauben an die Auferstehung

21.

115. Das sind übrigens nicht bloß Geheimnisse der einzelnen Menschen, sondern der Gesammtheit. Beachte nur nach dem Vorbilde des Gesetzes die Ordnung der Gnade. Wenn die erste Posaune ertönt, so sammeln sich die, welche gen Morgen liegen, als die vorzugsweise Erwählten; auf den zweiten Schall werden die erstehen, welche Jenen an Verdienst zunächst kommen, welche nach dem Libanon hin wohnend die Thorheiten der Völker verlassen haben; auf den dritten Ton kommen diejenigen, welche auf dem Meere dieses Lebens von stürmischen Fluthen umhergeworfen sind; dann kommen auf den vierten Posaunenschall diejenigen, welche die Härte ihres Geistes nicht hinreichend durch das Gebot des göttlichen Mundes zu erweichen vermochten.

116. Wenn also auch Alle in einem Augenblicke auferweckt werden, so erstehen sie doch Alle nur nach Maßgabe ihrer Verdienste. Deßhalb erstehen diejenigen zuerst, welche frühzeitig dem Zuge ihrer andächtigen Ergebung folgten und gewissermaßen schon vor Anbruch des Lichtes den Strahlen der ewigen Sonne entgegengeharret haben. Das kann man mit gleichem Rechte von den Patriarchen des alten Testamentes, wie von den Aposteln des Evangeliums sagen. An zweiter Stelle sind diejenigen, welche dem Brauche der Völker sich entzogen und von verwerflicher Verirrung unter die Zucht der Kirche sich begeben haben. Jene Ersten gehören zu den Vätern, die Zweiten zu den Völkern: von Jenen nimmt das Licht des Glaubens seinen Anfang, in diesen wird es bis zum Untergange der Welt verbleiben, nachdem es einmal Aufnahme gefunden. Als Dritte und Vierte werden diejenigen erweckt, welche im Süden und Norden weilen. Nach diesen vier Gegenden wird die Erde getheilt, das Jahr beschlossen, die Welt gerichtet, und aus allen vier Gegenden wird die Kirche gesammelt. Alle diejenigen, welche als unserer heiligen Kirche unter Anrufung des göttlichen Namens einverleibt gelten, werden das Vorrecht der Auferstehung und die Gnade der ewigen Glückseligkeit [S. 415] erlangen: „sie werden kommen vom Aufgang und Niedergang, von Mittag und Mitternacht und zu Tische sitzen im Reiche Gottes.“

117. Es ist wahrlich kein geringes Licht, mit dem Christus seine Welt umfaßt: denn „vom äußersten Himmel ist sein Aufgang: seine Rückkehr gleichfalls am äußersten Himmel, und es ist Niemand, der sich bergen kann vor seiner Gluth.“1 Er erleuchtet mit milder Güte Alle, und auch den Leichtsinnigen will er nicht zurückweisen, sondern bessern, wie auch die Kirche den Hartherzigen nicht ausschließen, sondern erweisen will. Im hohen Liede ladet deßhalb die Kirche, im Evangelium ladet Christus ein mit den Worten: „Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet mein Joch auf euch und lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig und demüthig von Herzen.“2

118. Die Kirche aber sagt: „Hebe dich Nordwind und komme Südwind! Durchwehe meinen Garten, so werden seine Gewürze fließen. Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse die Früchte seiner Äpfel.“3 Du wußtest zum voraus, heilige Kirche, daß deine Mühen auch bei diesen hier nicht ohne Frucht bleiben würden, und darum versprachest du auch von ihnen deinem Heilande Früchte: du selbst hast es zuerst kundgegeben, daß du eingeführt bist in das Gemach des Königs, als du ihn liebtest, der dich liebte, und als du um seinetwillen die Gefahren verachtetest. 119. Darum ergeht auch der Ruf an dich, die du nach dem Urtheile des Herrn ganz schön und unversehrt bist, daß du vom Libanon kommen möchtest: „Ganz schön bist du, meine Freundin, und keine Makel ist an dir. Komme vom Libanon, meine Braut, komme hierher vom Libanon!“ 120. Du selbst aber wirst nachher, ohne Furcht vor stürzenden Fluthen, die vom Libanon sich herabwälzen, Nord- und Südwind aufrufen, deinen [S. 416] Garten zu durchwehen. Deine Wohlgerüche werden weit umhergetragen, die Früchte deines Reichthums werden in Anderen reifen, und so wirst du sie Christus darbieten.

121. „Selig ist deßhalb, wer die Worte der Weissagung dieses Buches bewahrt.“4 Die Auferstehung wird uns in ihm noch deutlicher angekündigt: „Und ich sah die Todten, Groß und Klein, stehend vor dem Throne. Und die Bücher wurden aufgethan, und wieder ein Buch ward aufgethan, das Buch des Lebens: und die Todten wurden gerichtet aus dem, was geschrieben war in den Büchern nach ihren Werken. Und das Meer gab die Todten, die darin waren, und der Tod und das Todtenreich gaben ihre Todten, die darin waren.“ 122. Auch zeigt das Buch, wie die künftige Glorie der Gerechten sein wird: „Ich hörte eine starke Stimme vom Throne, die sprach: Siehe die Hütte Gottes bei den Menschen; er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er, Gott selbst mit ihnen wird ihr Gott sein. Und Gott wird abwischen alle Thränen von ihren Augen, der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“5

123. Vergleiche nun, wenn es dir gefällt, dieses Leben mit jenem Leben; wähle, wenn du es kannst, ewigdauernd das Leben des Leibes in Mühe und sorgenvollem Wechsel, mit seinem Widerwillen selbst gegen Wünsche und Vergnügungen. Würdest du all’ das lieben, wenn Gott der Herr ihm die Ewigkeit verliehe? Wenn das Leben schon an sich zu fliehen ist, damit Ruhe von den Beschwerden und Plagen eintritt: um wie viel mehr muß jene Ruhe erstrebt werden, der die ewige Freude künftiger Auferstehung folgt! Oder wer ist im Leiden so geduldig, daß er nicht den Tod herbeifleht? Wer ist in der Schwäche so standhaft, daß er nicht viel mehr wünscht, zu sterben, als solch’ elendes Leben fortzuführen? Wer ist in der Trauer so stark, daß er nicht wünschte, sie [S. 417] zu enden, und wäre es selbst im Tode? Wenn wir nun schon während des Lebens Mißfallen an demselben empfinden, da wir doch wissen, daß ihm ein Ende bereitet ist: um wie viel mehr würde uns dieses Leben anwidern, wenn wir wüßten, daß uns die Mühen desselben ohne Ende bevorständen?! Wo ist nun der Mensch, der wünschen möchte, dem allgemeinen Todesloose entnommen zu sein? Oder was ist schwerer zu tragen als eine Unsterblichkeit irdischen Elends? „Wenn wir nur in diesem Leben auf Christum hoffen,“ sagt der Apostel, „so sind wir elender als alle Menschen,“6 nicht weil es elend ist, auf Christus zu hoffen, sondern weil Christus denen, die auf ihn hoffen, ein anderes Leben bereitet hat. Dieses Leben ist der Sünde unterworfen, jenes Leben ist der Belohnung vorbehalten.

1: Ps. 18, 7 [Hebr. Ps. 19, 7].
2: Matth. 11, 28.
3: Hoh. L. 4, 16; 5, 1; 4, 7.
4: Offb. 22, 7.
5: Offb. 20, 12 ff; 21, 3 ff.
6: I. Kor. 15, 19.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger