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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Zweites Buch: Über den Glauben an die Auferstehung

3.

12. Häufig aber kommt es bei Frauen vor, daß sie ihr Klagen vor aller Welt ertönen lassen, als fürchteten sie, ihr Unfall möchte übersehen werden. Sie bieten mit einer Absichtlichkeit den Schmutz ihrer Gewandung aus, als wenn darin das Gefühl des Schmerzes beschlossen wäre; sie nässen ihr ungekämmtes Haupt gleichfalls mit Schmutz. An manchen Orten pflegt es sogar vorzukommen, daß sie mit gelöstem Gürtel, mit entfesseltem Gewande ihre Scham preisgeben, als wollten sie jetzt die Scham selbst feilbieten, weil sie die verloren, welche sie um den Preis ihrer Jungfräulichkeit erworben hatten.1 So werden freche Augen veranlaßt, Schamloses zu begehren; das wäre vermieden, wenn ihre Augen nicht Schamloses erblickt hätten. Es wäre wohl entsprechender, wenn jene schmutzigen Gewande nicht die Gestalt des Körpers, sondern die Seele bedeckten. Oft genug birgt sich ja unter dem Trauerkleide Lüsternheit des Geistes, und es wird dann die abstoßende Häßlichkeit des Gewandes nur übergeworfen, um die geheimen Gelüste eines üppigen Herzens zu verbergen.

13. Diejenige bekundet hinreichend, wie treu gemeint ihr Schmerz ist, welche ihre Keuschheit bewahrt und die Treue nicht verletzt. Die Pflichten gegen die Verstorbenen werden gut erfüllt, wenn diese im Geiste fortleben und im Herzen ihre Stätte bewahren. Die hat ihren Gatten nicht verloren, welche ihre Keuschheit hochhält; die ist nicht verwittwet, welche den Namen des Gatten nicht gewechselt hat. Du [S. 367] hast auch den Erben nicht verloren, wenn du den Miterben unterstützest: vielmehr hast du statt des Rechtsnachfolgers in vergänglichem Besitze die Theilnahme an den ewigen Gütern eingetauscht. Dir fehlt ja derjenige nicht, welcher dir den Erben darstellt: gib nur den Armen, was den Erben zukommt. Du hinterlässest deinem Rechtsnachfolger um so mehr, wenn sein Erbtheil nicht dem Ueberfluß der gegenwärtigen, sondern dem Kaufpreise der zukünftigen Güter zugewendet wird.

14. Aber wir sehnen doch die zurück, welche wir verloren haben. Ein Doppeltes quält uns: entweder das Verlangen nach den Hingeschiedenen — an meinem eigenen Beispiele messe ich es ab, — oder die Meinung, daß dieselben der Annehmlichkeit ihres Lebens und der Früchte ihrer Arbeit beraubt seien. Es ist wie ein leises Wonnegefühl, welches in dem liebenden Herzen plötzlich die Sehnsucht aufflammen läßt, so zwar, daß es mehr dazu dient, den Schmerz zu sänftigen als zu ersticken. Das ist um so mehr der Fall, weil es ja der treuen Ergebenheit ganz zu entsprechen scheint, wenn man nach dem sich sehnt, was man verloren hat: so wächst dann unter dem Scheine der Tugend die Schwäche heran.

15. Aber warum glaubst du denn, daß Jene, die ihren Geliebten in ferne Gegenden entläßt; die es erleben muß, daß er im Kriegsdienste, im Interesse einer übernommenen Verwaltung oder im Geschäftsverkehr über weite Meere zieht: daß sie geduldiger sein müsse als du, der du verlassen bist nicht um eines zufälligen Entschlusses oder um Geldgewinnes willen, sondern nach dem Gesetze der Natur? Du wendest ein: dir sei die Hoffnung auf Wiedervereinigung genommen? Als ob irgend Jemand sichere Hoffnung hätte, zurückzukehren! Obendrein lähmt der Zweifel den Geist sehr oft nur um so mehr, solange die Furcht vor Gefahr besteht; und es ist peinlicher, zu fürchten, es möchte sich etwas ereignen, als das zu ertragen, was man bereits als eingetroffen kennt. Dort mehrt sich die Last des Schreckens; hier bietet sich in der Erwartung das Ende des Schmerzes.

16. [S. 368] Soll denn den Herrn das Recht zustehen, ihre Sklaven, wohin sie wollen, zu versetzen, während Gott dieses Recht nicht zustehen soll? Es geht nicht immer an, die Rückkehr zu erwarten, wohl aber, dem Vorangegangenen zu folgen. In der That scheint der kurze Lauf des Lebens dem, welcher vorangegangen ist, nicht viel entrissen zu haben, wie er dich nicht allzulange aufhält, nachdem du zurückgeblieben.

17. Wenn du deine Sehnsucht nicht sänftigen kannst, scheint es dir dann nicht immerhin unwürdig, zu verlangen, daß aus Rücksicht auf diese deine Sehnsucht die ganze Ordnung der Natur umgewälzt werde? Die Sehnsuchtswünsche der Liebenden sind immerhin noch glühender, und doch mäßigen sie sich im Hinblick auf die Verhältnisse. Wenn sie aber bei ihrem Schwinden Schmerz erregen, so pflegen sie doch nicht zu trauern: vielmehr erröthen die bitter Getäuschten nachher nur um so lebhafter. So wird die sanfte Geduld bei der Sehnsucht nur wieder mehr erwiesen.

1: Der Text ist schwer wieder zu geben: „Illud vero frequens in mulieribus, ut discisso amictu, diloricata veste, secreti pudoris nuda prostituant, quasi ipsum lenocinentur pudorem, quia pudoris sui praemia perdiderunt.“

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger