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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Zweites Buch: Über den Glauben an die Auferstehung

19.

105. Es wird aber an der Zeit sein, über diese Posaunen zu reden, da ja ohnehin die Rede ihrem Ende zueilt: so wird die Posaune auch für uns das Zeichen zum Abschlusse der Rede. Wir lesen von sieben Posaunen in der geheimen Offenbarung des Johannes, und daß sieben Engel sie genommen haben. Gleichfalls lesen wir dort, daß der siebente Engel die Posaune ertönen ließ, und daß eine mächtige Stimme vom Himmel erschallte: „Das Reich dieser Welt [S. 408] ist unseres Herrn und seines Gesalbten geworden, und er wird herrschen in alle Ewigkeit.“1 Das Wort „Posaune“ wird aber auch für „Stimme“ gebraucht: „Siehe, eine Thüre ward aufgethan im Himmel, und die erste Stimme, die ich gleich einer Posaune mit mir reden hörte, sprach: Steige herauf, so will ich dir zeigen, was geschehen soll.“2 So lesen wir auch: „Blaset mit der Posaune am Neumonde“3 und wiederum anderswo: „Lobet den Herrn mit Posaunenschall.“4

106. Mit aller Anstrengung müssen wir nun erforschen, was die Schrift mit der Bezeichnung Posaune will, damit wir nicht Gefahr laufen, thörichte Fabeln anzunehmen, wenn wir etwas Unwürdiges als Gegenstand des Glaubens fassen, oder wenn wir etwas der Hoheit der Schrift nicht Entsprechendes denken. Wenn wir nämlich lesen, „daß wir nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die geistigen Mächte kämpfen müssen, die in den Wolken sind,“ so müssen wir auch nicht „fleischliche Waffen für hinreichend erachten, sondern nur Waffen, die stark sind durch Gott.“5 Was nützt es, die Posaune zu sehen, ihren Schall zu hören, wenn wir die eigentliche Bedeutung ihres Tones nicht erfassen? Wie soll sich der zum Kriege bereit halten, für den die Posaune einen unsicheren, unverstandenen Ton gibt? Gerade deßhalb müssen wir die tiefe Kraft der Posaune kennen, damit wir nicht als Fremdlinge erscheinen, wenn wir sie hören, oder wenn wir durch sie reden müssen. Bitten wir nur den heiligen Geist, daß er uns die Erklärung gnädiglich gebe.

107. Sehen wir denn zu, was wir in den Schriften des alten Bundes von den Posaunen lesen! Wir können ja überzeugt sein, daß die Festlichkeiten, welche den Juden durch das Gesetz vorgeschrieben waren, Schatten und Vorbild der [S. 409] himmlischen Feste sind: hier ist der Schatten, dort die Wahrheit. Bemühen wir uns denn durch den Schatten zur Wahrheit vorzudringen. So spricht der Herr zu Moses: „Sage den Söhnen Israels: Im siebenten Monate am ersten Tage des Monats soll euch ein Sabbath sein, eine Gedächtnißfeier mit Posaunenschall und soll heilig genannt werden. Kein knechtlich Werk sollet ihr an demselben thun und ein Brandopfer dem Herrn bringen.“6 Anderswo7 aber heißt es: „Und der Herr redete zu Moses und sprach: Mache dir zwei silberne Trompeten aus Einem Stücke, die Gemeine damit zu versammeln, wenn aufbrechen sollen die Lager. Und wenn du in die Trompeten stößest, soll sich die ganze Gemeine versammeln vor den Thüren des Zeltes des Bundes. Wenn du nur einmal blasest, sollen die Fürsten zu dir kommen, die Häupter der Gemeine Israels. Wenn aber länger und mit Absätzen der Schall erklinget, dann sollen zuerst aufbrechen, die gen Morgen sind. Und wenn zum zweitenmale und auf ähnliche Weise die Posaunen erschallen, dann sollen aufbrechen, die gen Mittag sind; und also sollen auch die Übrigen thun, wenn die Trompeten zum Aufbruche blasen. Wenn aber das Volk soll versammelt werden, soll der Trompeten Klang einfach sein und nicht in Absätzen erschallen. Die Söhne Aarons, die Priester sollen mit den Trompeten blasen: und das soll ein ewig Gesetz sein in euren Geschlechtern. Wenn ihr ausziehet zum Streite aus euerm Lande gegen Feinde, die gegen euch streiten, sollet ihr schmettern mit den Trompeten: und also wird euer gedacht werden vor dem Herrn, euerm Gotte, daß ihr entkommet den Händen euerer Feinde. Und wenn ihr ein Freudenmahl habet oder Festtage oder Neumonde, sollet ihr mit den Trompeten blasen zu euern Brandopfern und Friedopfern, daß sie euch zum Gedächtniß seien vor euerm Gotte. So spricht der Herr, euer Gott.“

108. [S. 410] Werden wir nun annehmen, daß es sich um festliche Tage in Trank und Speise handle? Uns soll Niemand um der Speise willen richten, da „wir wissen, daß das Gesetz geistig ist.“ Sagt doch der Apostel: „Niemand soll uns richten wegen Speise und wegen Trank, oder in Hinsicht eines Festtages oder eines Neumondes oder der Sabbathe, welche sind ein Schatten dessen, was zukünftig ist: der Körper aber ist Christi.“8 So suchen wir denn diesen Körper Christi, wie ihn die Stimme des himmlischen Vaters gleichsam mit letztem Posaunenschalle geoffenbart hat, damals nämlich, als die Juden meinten, daß ein mächtiger Donner erschollen sei; jenen Leib Christi, wie ihn dereinst die letzte Posaune ankündigen wird: „denn der Herr selbst wird beim Aufgebote, bei der Stimme des Erzengels und bei der Posaune Gottes, vom Himmel herabsteigen, und die Todten, die in Christo sind, werden auferstehen.“9

108. Die siebente Posaune scheint also den Abschluß der Woche zu bezeichnen, die Sabbathruhe, welche nicht allein nach Tagen, Jahren und bestimmten Perioden (der Jobelperiode zum Beispiele) gerechnet wird, sondern auch das siebenzigste Jahr mitbegreift, in welchem das Volk nach Jerusalem aus der Gefangenschaft zurückkehrte. Und selbst wenn es sich um die hundert und tausend Jahre handelt, bleibt die Rücksicht auf die heilige Zahl Sieben keineswegs außer Acht. Gott hat nämlich nicht umsonst gesagt: „Siebentausend Männer sind mir übrig geblieben, die ihre Kniee nicht vor Baal gebeugt haben.“ Es wird also der Schatten künftiger Ruhe vorgebildet in den Tagen, Monaten und Jahren, sogar in der Dauer der Welt selbst. Deßhalb wird gerade durch Moses den Kindern Israels geboten, daß sie im siebenten Monate Ruhetag halten sollten „zum Gedächtnisse der Posaunen:“ kein knechtliches Werk solle geschehen, sondern Gott solle ein Opfer dargebracht werden, weil am Ende der Woche, dem Bilde des [S. 411] dereinstigen Weltsabbathes, von uns nicht knechtliche, sondern geistige Werke gefordert werden. Was fleischlich ist, ist eben knechtlich: denn das Fleisch ist der Knecht des Geistes. So macht die Unschuld frei, die Schuld aber macht zum Sklaven.

109. Das Geistige mußte aber durch Bild und Räthsel angedeutet werden; „denn wir sehen jetzt durch einen Spiegel räthselhaft; dereinst aber von Angesicht zu Angesicht.“10 Jetzt kämpfen wir im Fleische, dann aber werden wir im Geiste die göttlichen Geheimnisse sehen. Deßhalb muß das Gepräge des wahren Gesetzes in uns Ausdruck finden, sofern wir dem Abbilde Gottes gemäß wandeln: für die fleischlich gesinnten Juden war der Schatten, für uns ist das Abbild, für die, welche auferstehen werden, bleibt die Wahrheit. Der Schatten ist im Gesetze, das Abbild im Evangelium, die entschleierte Wahrheit im Gerichte. Aber Christi ist Alles und Alles ist in Christo, den wir jetzt seiner Wesenheit nach nicht sehen können: wir sehen ihn nur gleichsam im Abbilde der künftigen Dinge, deren vorausgeworfenen Schatten wir im Gesetze erkannten. Christus ist also nicht Schatten, sondern Abbild Gottes, und zwar kein inhaltloses, sondern ein wesenhaftes Abbild. Deßwegen ist das Gesetz durch Moses vermittelt, weil der Schatten durch einen Menschen kommen muß, während die Wahrheit durch Jesus kommt. Die Wahrheit kann ja keinen anderen Ursprung als wieder die Wahrheit haben.

1: Offenbar. 11, 15.
2: Offenbar. 4, 1.
3: Ps. 80, 4 [Hebr. Ps. 81, 4].
4: Ps. 150, 3 [Hebr. Ps. 150, 3].
5: II. Kor. 10, 4.
6: III. Mos. 23, 24.
7: IV. Mos. 10, 1 ff.
8: Koloss. 2, 16.
9: I. Thessal. 4, 15.
10: I. Kor. 13, 12.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger