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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Zweites Buch: Über den Glauben an die Auferstehung

17.

94. Paulus ist freilich gestorben und hat durch sein verehrungswürdiges Leiden das Leben des Leibes mit ewiger Glorie vertauscht: hat er sich nun getäuscht, als er schrieb, daß er lebend in den Wolken Christus entgegen geführt werde? Wir lesen genau dasselbe von Henoch und Elias: und auch du wirst im Geist weggeführt werden. Der feurige Wagen des Elias wird, obwohl ungesehen, bereitet, damit der Gerechte ihn besteige, in seiner Unschuld emporgeführt werde und damit so sein Leben das Sterben nicht erfahre. Kann man doch auch von den Aposteln sagen, daß sie das Sterben nicht erfahren haben nach den Worten: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch, es sind einige von denen, die hier stehen, die den Tod nickt kosten werden, bis sie des Menschen Sohn in seinem Reiche haben kommen gesehen.“1 [S. 403] Derjenige lebt ja, in dem Nichts sich findet, was sterben kann, der aus Ägypten nichts Vergängliches auf seinen Weg mitgenommen, der das vielmehr abgelegt hat, ehe der Leib seinen Dienst versagt. Darnach ist Henoch nicht der Einzige, der lebt, weil er nicht allein fortgerissen ist; auch Paulus wird fortgerissen, Christus entgegen.

95. Auch die Patriarchen leben fort; anderenfalls könnte, wenn die Gestorbenen nicht mehr lebten, Gott nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs genannt werden: „denn Gott ist kein Gott der Todten, sondern ein Gott der Lebendigen.“ So werden auch wir leben, wenn wir die Thaten und Sitten der Ahnen haben nachahmen wollen. Wir bewundern die Belohnungen der Patriarchen: so ahmen wir auch ihren Gehorsam nach; wir preisen die Gnade, die der Herr ihnen verliehen: so folgen wir denn auch ihrer Treue gegen Gott. Die Patriarchen gingen fort aus ihrem Vaterlande: so wollen auch wir im Vorsatze scheiden von der Herrschaft des Leibes; wir wollen scheiden im Vorsatze, jene schieden durch Verbannung; aber sie erachteten nicht als Verbannung, was die Furcht Gottes ihnen auflegte, wozu die Noth sie nicht zwang. Jene vertauschten ihre Heimath mit anderem Lande, wir sollen die irdische Heimath mit himmlischer vertauschen: jene in wirklicher Wanderschaft, wir im Geiste. Jenen zeigte die ewige Weisheit den mit Sternen besäeten Himmel; möchte sie auch die Augen unseres Geistes erleuchten!

96. Abraham, bereit zur Aufnahme der himmlischen Gäste, treu seinem Gotte, unverdrossen in seiner Dienstfertigkeit, sah die Dreifaltigkeit im Abbild. Er fügte der Gastfreundschaft einen Akt der Gottesverehrung zu, als er, die Drei erblickend, doch nur Einen anbetete. Er beachtete den Unterschied der Personen und nannte nur Einen den Herrn; allen Dreien bot er die Gabe der Ehre, aber nur Eine Macht erkannte er an. Da redete nicht gelehrtes Erkennen in ihm, sondern die Gnade; er glaubte besser, was er nicht erlernt hatte, als wir das glauben, was wir gelernt haben. Keiner hatte ja die Darstellung der Wahrheit gefälscht, und [S. 404] darum verehrte er die Einheit, obgleich er drei erblickte. Drei Brode von Weizenmehl legte er vor, aber er schlachtete nur ein Kalb, weil er glaubte, daß ein Opfer genüge, während die andere Gabe dreifach war! Eine Opfergabe, aber dreifache Huld. Wer erkennt ferner nicht, daß er in jenen vier Königen, die er besiegte, die Elemente der sinnlich wahrnehmbaren Natur sich unterwarf, zum Vorzeichen des Leidens unseres Herrn, das alles Irdische unterworfen hat? Treu im Kriege, enthaltsam beim Triumphe wollte er nicht durch die Gaben eines Menschen reicher werden, sondern nur durch die Gaben Gottes.

97. Abraham glaubte als Greis, daß er noch einen Sohn zeugen, er urtheilte als Vater, daß er seinen Sohn opfern könne. Das Vaterherz zitterte nicht, als die Treue gegen Gott die Hand des Greises führte: er wußte jetzt, daß der geopferte Sohn Gott wohlgefälliger war, als wenn er in voller Gesundheit fortlebte. Deßhalb führte er den so geliebten Sohn zum Opferaltar: den er spät erhalten hatte, brachte er ungesäumt zum Opfer, ohne daß ihn die Berufung auf den väterlichen Namen abgehalten hätte, als der Sohn ihm „Mein Vater!“ zurief, als er „Mein Sohn!“ antwortete. Theure Unterpfänder der Liebe sind diese Namen, aber theuerer sind doch die Befehle des Herrn. Obgleich also beide Herzen mit einander litten: die Entschlüsse des Gehorsams blieben fest. Die Hand des Vaters streckte das Schwert über den Sohn aus, und im Herzen hatte er den Stoß schon geführt; wenn er etwas fürchtete, so war es dieses, daß der Stoß fehl gehen, daß die Hand erlahmen möchte. Wohl fühlte er das Aufwallen väterlicher Liebe, aber er vergaß deßhalb nicht die Pflicht frommer Ergebung in Gottes Willen: als er die Weisung des Himmels empfing, leistete er sofort Folge. Auch wir müssen also Gott den Herrn Allen vorziehen, die uns theuer sind: Vater, Mutter und Geschwistern; dann kann Gott dieselben auch für uns erhalten, wie wir ja in Abrahams Geschichte den Herrn als reichen Vergelter erkennen, mehr noch als wir in Abraham den treuen Diener sehen.

98. [S. 405] Der Vater bot den Sohn zum Opfer dar, aber Gott wird nicht durch Blut, sondern durch Gehorsam versöhnt. Er zeigte dem Abraham den Widder im Gebüsch: so gab er dem Vater den Sohn zurück, ließ aber auch dem Priester die Opfergabe nicht mangeln. Nun wurde weder Abraham befleckt mit dem Blute des Sohnes, noch wurde Gott das Opfer vorenthalten. Der Patriarch erblickte den Widder, und ohne eine übermüthige Halsstarrigkeit zur Schau zu tragen, brachte er die umgetauschte Opfergabe dar. Um so tiefer offenbart sich hier, wie fromm und gehorsam er denjenigen zum Opfer gebracht hat, den er jetzt so freudig zurückempfing. Wenn du also Gott deine Gabe darbringst, verlierst du sie keineswegs. Aber wir sind so karg gegen Gott. Er hat seinen eingebornen Sohn in den Tod für uns dahin gegeben, und wir weigern uns ihm unsere Angehörigen zurückzugeben. Abraham erkannte das Geheimniß, daß uns aus dem Opferholze Heil erblühen werde: und es blieb ihm nicht verborgen, daß in ein und demselben Opfer ein Anderes dargebracht, ein Anderes getödtet werden könnte.

99. So ahmen wir denn Abrahams fromme Hingebung, Isaaks Güte und Züchtigkeit nach! Dieser war im vollen Sinne des Wortes ein guter, keuscher Mann, Gott ergeben, treu seiner Gattin: er vergalt die Beleidigung nicht, er wich seinen Drängern, und nahm die Reuigen wieder auf, ohne Halsstarrigkeit, ohne Widerstand gegen milde Gnade. Er zeigte sich friedliebend, als er zurückwich; zur Verzeihung geneigt, als er die Gegner wieder aufnahm; aber noch viel reicher an Güte, als er verzieh.

1: Matth. 16, 28.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger