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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Zweites Buch: Über den Glauben an die Auferstehung

13.

73. Groß ist dieser Gnadenerweis des Herrn, daß er einen Propheten als Zeugen der Auferstehung so ausersehen hat, daß auch wir dieselbe mit seinen Augen erkennen. Nicht Alle können ja als Zeugen zur Verwendung kommen, aber in dem einen Punkte sind wir alle Zeugen, daß weder in einem heiligen Mann die Lüge Eingang finden, noch bei einem so erhabenen Propheten ein Irrthum stattfinden kann.

74. Das kann übrigens auch gar nicht als unwahrscheinlich gelten, daß die Gebeine auf Geheiß Gottes sich wieder zusammenfügen, da wir ja zahllose Beispiele haben, in denen die Natur himmlischen Befehlen gehorcht hat. So erging das Gebot an die Erde, grünende Kräuter hervorzubringen: sie brachte sie hervor; auf den Schlag des Stabes sollte der Fels dem dürstenden Volke Wasser hervorsprudeln: das harte Gestein strömte durch Gottes Barmherzigkeit mächtige Fluthen den vor Hitze Versengten entgegen. Der zur Schlange verwandelte Stab — was kündet er uns anders, [S. 394] als daß auf Gottes Geheiß leblose Geschöpfe zu lebendigen werden können? Oder hältst du es in der That für unglaublicher, daß Gebeine, wenn das Geheiß an sie ergeht, sich wieder nähern, als daß die Fluthen des Meeres sich rückwärts wenden? „Das Meer sah es und floh,“ bezeugt der Psalmist, „der Jordan wandte sich zurück.“ Auch das kann nicht in Zweifel gezogen werden, was von zwei Völkern und zwar durch die Rettung des einen, den Untergang des andern bestätigt ist: daß nämlich die Fluthen des Meeres gebändigt vor den Einen zurückströmten, während sie über die Anderen hinstürzten, so daß die Einen dort in die Meerestiefe versenkt, die Anderen gerettet wurden. Was lesen wir ferner im Evangelium selbst? Hat der Herr dort nicht bewiesen, daß auf sein Wort die Wogen sich beruhigen, die stürmenden Wolken fliehen, die brausenden Wetter verziehen, daß bei beruhigtem Gestade dann stumm und still die Elemente Gott dienen?

75. Aber hören wir, was der Prophet weiter schildert! „Und der Herr sprach zu mir: Weissage zum Geiste, weissage, Menschensohn, und sprich zum Geiste: So spricht Gott der Herr: Komme du Geist von den vier Winden und wehe diese Getödteten an, daß sie wieder lebendig werden. Und ich weissagte, wie er mir geboten hatte. Da fuhr der Geist in sie, und sie lebten und stellten sich auf ihre Füße, ein großes, sehr großes Heer. Und er sprach zu mir: Menschensohn, alle diese Gebeine sind das Haus Israel; sie sprechen: Unsere Gebeine sind verdorret und unsere Hoffnung ist dahin; wir sind abgeschnittene Zweige. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Siehe ich will eure Grabhügel aufthun und euch, die ihr mein Volk seid, aus euern Gräbern herausführen und euch bringen in das Land Israel. Und ihr sollet erfahren, daß ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber geöffnet und euch, mein Volk, aus euren Grabhügeln herausgeführt habe. Und ich will meinen Geist in euch geben, daß ihr lebet, und will euch zur Ruhe bringen in eurem Lande, damit ihr erfahret, daß ich, der Herr, geredet und es gethan, spricht Gott der Herr.“

76. [S. 395] Wir bemerken hier, wie der Lebensgeist seine Thätigkeit wieder aufnimmt; wir erkennen, wie aus den kreisenden Grabhügeln die Todten erstehen. Und ist es denn in der That so sehr zu verwundern, daß auf Gottes Geheiß die Grabmäler sich erschließen, wenn doch die ganze Erde in ihren äußersten Grenzen in einem Donnerschlage erzittert, wenn das Meer seine Fluthen ausgießt und doch wieder seinen Lauf zügelt? So wird denn derjenige, welcher geglaubt hat, daß in einem Augenblicke auf den Ton der letzten Posaune die Todten erstehen, mit den Ersten hingerissen werden in den Wolken Christo entgegen: die aber nicht geglaubt haben, werden zurückbleiben und in ihrem Vertrauensmangel werden sie sich selbst dem verwerfenden Urtheilsspruche unterziehen.

77. Übrigens belehrt uns der Herr auch im Evangelium, wie wir erstehen werden. Er hat ja nicht bloß den Lazarus, sondern den Glauben Aller erweckt; glaubst du das, was du von ihm liesest, so wird ja auch dein Geist, falls er todt war, mit Lazarus wieder zum Leben erwachen. Ober was bezweckt der Herr damit, daß er zum Grabmale hintrat und mit lauter Stimme rief: „Lazarus, komme heraus!“ Doch nichts Anderes, als ein Bild und Beispiel der künftigen Auferstehung zu geben! Warum rief er mit lauter Stimme, als sei er nicht gewohnt, bloß durch sein geistiges Wollen ohne Worte zu wirken? Offenbar um uns zu zeigen, was geschrieben steht: „Plötzlich in einem Augenblicke, auf den Schall der letzten Posaune werden die Todten unverweslich auferstehen.“ Das Erheben der Stimme gilt dem Tone der Posaune gleich. Er rief: „Lazarus, komme heraus!“ Warum anders wird der Name beigefügt, als um den Schein zu vermeiden, es sei ein Anderer erstanden, oder es sei die Auferstehung mehr zufällig geschehen, als frei gewollt.

78. Der Todte hat den Ruf vernommen, und er kam heraus, an Händen und Füßen noch gebunden mit den Grabtüchern und sein Antlitz noch mit dem Schweißtuche verhüllt. Begreife, wenn du kannst, wie er mit geschlossenen Augen den Weg gefunden, wie er mit gefesselten Füßen frei [S. 396] einhergeschritten! Die Bande waren da, aber sie hielten ihn nicht auf; bedeckt waren die Augen, aber sie sahen gleichwohl. Ja er sah, da er erstand, da er das Grab verließ und einherschritt. Die Kraft des göttlichen Befehles wirkte, und so heischte die Natur nicht ihre eigene Thätigkeit: sie gehorchte im Grabe ruhend nicht der eigenen Gewöhnung, sondern dem göttlichen Winke. Früher wurden die Fesseln des Todes als die des Grabes zersprengt; die Kraft des Gehens war schon zurückgegeben, ehe die Hindernisse beseitigt waren.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger