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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Zweites Buch: Über den Glauben an die Auferstehung

12.

66. Darüber freilich möchte man sich wundern, daß diejenigen, welche an die Auferstehung nicht glauben, doch in ihrer milden Güte Fürsorge treffen, daß das Geschlecht der Menschen nicht zu Grunde gehe: sie sagen nämlich, die Seelen wanderten deßhalb in verschiedene Körper hinüber, damit die Welt nicht zu Grunde gehe. Was aber schwieriger sei: daß die Seelen in andere Körper einkehren, oder daß sie zu ihrem Körper zurückkehren; daß sie ihre Körper wieder finden, oder neue aufsuchen — das mögen jene Weltweisen selber ausmachen.

67. Wenn indessen auch diejenigen zweifeln, die keinen Lehrmeister gehabt haben, so dürfen wir doch nicht zweifeln, die wir das Gesetz, die Propheten, das Evangelium und die Apostel haben. Wer kann noch zweifeln, wenn er lieset: „Zur selben Zeit wird dein Volk errettet werden, Alle, die man im Buche des Lebens wird verzeichnet finden. Und die Menge derer, die im Staube der Erde schlafen, werden aufwachen, Einige zum ewigen Leben, und Einige zur [S. 391] Schmach, um sie ewig zu schauen. Die aber erleuchtet waren in der Erkenntniß, werden leuchten, wie der Glanz des Firmamentes, und die Viele in der Gerechtigkeit unterwiesen, wie Sterne immer und ewig.“1 Mit Recht spricht der Prophet von der Ruhe der Schlafenden, damit wir erkennen, wie es sich nicht um immerwährenden Tod handelt: derselbe beginnt gleich dem Schlafe in bestimmter Zeit und endet zur bestimmten Zeit. Der Prophet aber belehrt uns, daß der Lauf des Lebens nach dem Tode besser sei als der Lauf des Lebens, den wir vor dem Tode in Kummer und Schmerz zurückgelegt haben. Wird das künftige Leben mit den Sternen verglichen, so gehört das jetzige dem Elende an.

68. Wozu soll ich noch anfügen, was an einer anderen Stelle geschrieben steht: „Du wirst mich erwecken, und ich werde dich preisen.“ Wozu soll ich jenes Wortes gedenken, das Job selbst sich zum Troste sagte, nachdem er die Unbilden dieses Lebens erfahren und alles Widerwärtige mit der Geduld heiliger Tugend überwunden hatte? „Du wirst diesen meinen Leib erwecken,“ sprach er, „der viel Übles ertragen hat.“ Auch Isaias, der den Völkern die Auferstehung ankündigte, und der versichert, daß er als ein Bote göttlichen Auftrages rede, auch er hat gesagt: „Geredet hat der Mund des Herrn, und die Völker werden ausrufen: Wegen deiner Furcht, o Herr, haben wir empfangen und den Geist deines Heiles geboren, den du ausgegossen hast über die Erde. Hinsinken werden die, welche die Erde bewohnen, erstehen werden die, welche in den Gräbern sind. Dein Thau ist Heil für sie, aber der Gottlosen Land wird vergehen. Gehe, mein Volk, gehe in deine Kammer; verbirg dich einen kleinen Augenblick, bis der Zorn vorüber ist.“2

69. [S. 392] Auch der heilige Prophet Ezechiel lehrt und beschreibt ausführlich, wie den dürren Gebeinen die Lebenskraft zurückgegeben wird, wie Sinn, Bewegung, Nerventhätigkeit zurückkehrt und so das Gebilde des menschlichen Körpers wieder erstarkt; wie dann die dürren Gebeine mit Fleisch umgeben werden, und wie der Lauf der Adern die Ströme Blutes wieder unter die Decke der Haut leitet. Lesen wir diese prophetischen Schilderungen, so scheint es uns, als wenn die Saat der menschlichen Körper vor unseren Augen wieder erstehe; wir meinen das ausgedehnte Blachfeld sich regen zu sehen in aufgehender Menschensaat.

70. Wenn nun heidnische Weise geglaubt haben, daß aus hingestreuten Drachenzähnen auf den Gefilden Thebens einstmals eine starre Saat Bewaffneter hervorgegangen sei, während es doch sicher ist, daß die Natur ihre Saat nicht in andere Wesen verwandeln kann, auch niemals von der Saat verschiedene Frucht hervorgebracht hat, so daß Menschen aus Schlangen oder aus Zähnen hervorgingen: wenn die Weisen gleichwohl so glauben, so sollte man doch um so mehr glauben, daß Alles, was gesäet worden, zu seiner früheren Natur und Wesenheit wieder auferstehe. Könnt ihr Heiden, dürfen wir fragen, könnt ihr die Veredlung der Natur leugnen, wenn ihr die Veränderung derselben annehmet? Solltet ihr dem Propheten und dem Evangelium nicht glauben können, wenn ihr leere Fabeln so bereitwillig glaubt?

71. Hören wir nun den Propheten selbst! So lauten seine Worte:3 „Die Hand des Herrn kam über mich und führte mich hinaus im Geiste des Herrn und ließ mich nieder mitten auf ein Feld, das voll von Gebeinen war. Und er führte mich durch sie allenthalben ringsum; es waren ihrer aber sehr viele auf der Oberfläche des Feldes, und sie waren sehr dürre. Und er sprach zu mir: Menschensohn, meinst du wohl, daß diese Gebeine lebendig werden? Und ich [S. 393] sprach: Gott, Herr, du weißt es! Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr dürren Gebeine, höret das Wort des Herrn! So spricht Gott der Herr zu diesen Gebeinen: Siehe ich will Geist in euch bringen, daß ihr lebendig werdet. Ich will euch Nerven geben und Fleisch über euch wachsen lassen, und euch mit Haut überziehen, und will euch Geist geben, daß ihr lebendig werdet, und ihr sollet erfahren, daß ich der Herr bin. Und ich weissagte, wie er mir geboten hatte. Und da ich weissagte, fing es zu rauschen an, und es regte sich über die Erde hin.“

72. Beachte wohl, daß der Prophet kundgibt, wie in den Gebeinen Gehör und Bewegung war, auch ehe noch der Geist des Lebens in sie ausgegossen war. Ueber die dürren Gebeine hin ergeht das Gebot, zu hören, als hätten sie den Gehörsinn auch jetzt noch. Daß sie wirklich gehört und sich zu einander hin bewegt haben, liegt in der Beschreibung des Propheten, der fortfährt: „Gebein nähert sich zu Gebein, ein jegliches zu seinem Gliede. Und ich schaute, und siehe, Nerven und Fleisch kamen über sie, und Haut zog sich darüber: Geist aber hatten sie noch nicht.“

1: Dan. 12, 1 ff.
2: Das Citat ist willkürlich und ohne Rücksicht auf den Text aus Isaias 25, 8 und 26, 18 ff. zusammengesetzt und verwerthet. Statt: „Wir haben den Geist deines Heiles geboren, den du ausgegossen hast über die Erde“ steht im hebräischen Texte das Gegentheil; auch der griechische Text der LXX liest: „Πνεῦμα σωτηρίας σου οὐκ ἐποιήσαμεν ἐπὶ τῆς γῆς“ [Pneuma sōtērias sou ouk epoiēsamen epi tēs gēs].
3: Ezech. 37, 1 ff.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger