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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Zweites Buch: Über den Glauben an die Auferstehung

2.

6. Der Natur entsprechend darf also eine zu tiefe Trauer gar nicht Platz greifen, wenn man sich dem Scheine nicht aussetzen will, eine ganz besondere Ausnahme von der Natur zu beanspruchen oder die allgemeine Lage zurückzuweisen. Denn der Tod ist Allen gemeinsam, ohne Unterschied für die Armen, ohne Ausnahme für die Reichen. Und obgleich er nur durch Eines Mannes Sünde in die Welt gekommen, so ist er doch auf Alle übergegangen, damit wir denjenigen, welchen wir als Urheber des ganzen Geschlechtes nicht verleugnen, auch nicht verleugnen als den Urheber des Todes; damit ferner durch Einen uns die Auferstehung komme, wie durch Einen der Tod gekommen ist. Wir sollen also die Plage nicht zurückweisen, damit wir auch zur Gnade gelangen. Denn Christus ist nach den Worten der Schrift „gekommen, um selig zu machen, was verloren war, damit er nicht bloß herrsche über die Lebendigen, sondern auch über die Todten.“ Gefallen, aus dem Paradiese verstoßen, gestorben sind wir in Adam; wie soll der Herr uns sonst auch zurückführen, wenn er uns in Adam nicht findet? Wie wir in diesem der Schuld und dem Tode verfallen sind, so sind wir in Christus gerechtfertigt. Ist nun der Tod eine allgemeine Schuld, so muß es auch erträglich sein, sie zu zahlen. Das bleibt aber besser späterer Ausführung vorbehalten.

7. [S. 364] Jetzt liegt uns ob, zu beweisen, daß der Tod nicht Ursache gar zu herber Trauer sein darf, weil die Natur selbst eine solche zurückweiset. Beispiels halber soll es ja auch bei den Lyciern ein Gesetz gegeben haben, welches verlangte, daß die Männer, wenn sie der Klage sich überlassen wollten, Frauenkleider anlegten, weil die Klage für weichlich und weibisch beim Manne galt. Es ist auch in der That ein formloser Widerspruch, daß diejenigen, welche für den Glauben, für die Religion, für das Vaterland, für die Billigkeit eines Urtheils ihre Brust dem Tode entgegenwerfen, daß diese bei einem Anderen gar zu heftig beklagen, was sie nöthigenfalls für sich selbst aufsuchen. Oder wie kann man sich weigern, für sich selbst dem Tode zu entfliehen, wenn man bei einem Anderen ihn gar so ungehalten beklagt? Weise die Trauer ganz zurück, wenn du es vermagst: vermagst du das nicht, so verschließe sie wenigstens in dein Inneres!

8. Wie soll es nun werden? Soll der Schmerz ganz aufgezehrt oder unterdrückt werden? Aber warum soll denn die Vernunft nicht mehr vermögen zur Sänftigung der Trauer, als die Zeit vermag? Was die Abfolge der Zeit der Vergessenheit anheimgibt, sollte das nicht besser durch vernünftiges Erwägen gemildert werden? Ja ich erachte es sogar geradezu für eine Schmach, die man dem frommen Gedanken der Hingeschiedenen anthut, wenn man sie als Verlorene betrauert: so zwar, daß man lieber ihrer vergessen als durch Tröstungen sich beruhigen will; daß man lieber mit Schrecken als mit Liebe und Huld ihrer gedenken, daß man das Erinnern an sie fürchten will, während es doch hohen Genuß bereiten sollte; daß man endlich hinsichtlich der Verdienste der Hingeschiedenen mehr Mißtrauen als Hoffnung hegen und die, welche man geliebt hat, eher der Strafe als der Unsterblichkeit überliefert erachten will.

9. Man wendet vielleicht ein: wir haben aber die, welche wir liebten, immerhin verloren. Ist denn das nicht das Loos, das wir gemeinsam mit der Erde und mit den Elementen haben, weil man eben das auf Zeit Geliehene nicht [S. 365] für ewig behalten kann? Es seufzt die Erde unter dem Pfluge, der Regen trifft sie, von Unwetter wird sie erschüttert, von Kälte in Fesseln geschlagen, von Sonnengluth verbrannt: Alles, damit sie befruchtet den jährlichen Ertrag liefere. Während sie aber mit mannigfaltigem Schmuck bekleidet wird, ist sie des eigenen Schmuckes entkleidet und beraubt. Wie viele Berauber hat sie nicht?! Und doch beklagt sie ihre Frucht nicht als verloren, welche sie ja nur um deßwillen hervorgebracht hat, um sie zu verlieren: auch für die Zukunft weigert sie die Frucht nicht, obwohl sie sich bewußt ist, daß ihr Alles genommen wird.

10. Der Himmel selbst erglänzt nicht immer in den Leuchtkugeln schimmernder Sterne, welche wie eine Krone ihn schmücken. Nicht immer erglänzt er im Aufgange des Lichtes, nicht immer ist er vergoldet von den Strahlen der Sonne: vielmehr bedeckt sich in regelmäßigem Wechsel sein holdes Antlitz mit der kalten Düsterkeit der Nächte. Was ist angenehmer als das Licht? was wonnereicher als die Sonne? Beide verschwinden tagtäglich; wir aber tragen es ohne Beschwer, daß sie für uns verschwunden sind, weil wir voraus setzen, daß sie zurückkehren. Das belehrt dich, wie sehr du Geduld üben mußt bei dem Geschicke deiner Angehörigen. Wenn Himmelskörper dir schwinden, empfindest du keinen Schmerz; warum soll denn menschliches Sterben dich mit Schmerz erfüllen?

11. Immerhin sei aber der Schmerz milde; auch im Unglück muß das Maß beachtet werden, das im Glücke gefordert wird. Oder wie soll übermäßige Trauer sich geziemen, wenn übermäßige Freude sich nicht geziemt? Es ist ja in der That das Uebermaß des Schmerzes und die Furcht vor dem Tode (der Angehörigen) kein geringes Uebel. Wie Viele hat das zum Stricke greifen lassen, wie Vielen hat es das Schwert in die Hand gedrückt! Die gaben dann dadurch freilich ihren Wahnsinn aller Welt kund: sie konnten den Tod nicht ertragen und suchten ihn gleichwohl; was sie als ein Unglück flohen, das suchten sie gleichwohl als ihre Zufluchtsstätte. Während sie das, was der Natur ganz entsprechend, nicht [S. 366] ertragen konnten, fielen sie in das, was ihrem eigenen Wollen und Wünschen widersprach: und so werden sie für ewig von denen getrennt, welchen sie zu folgen verlangt hatten. Das ist aber doch immerhin selten, weil die Natur selbst zurückruft, wo augenblicklicher Wahnsinn fortreissen möchte.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger